LUZERN: 372 Männer müssen zur Speichel-Probe

Im Fall der im Juli vergewaltigten Frau in Emmen schreitet die Luzerner Polizei zu einem drastischen Mittel: Sie bietet 372 Männer zum Gentest auf. Diese Methode wird schweizweit erst zum zweiten Mal angewendet.

Flurina Valsecchi
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Am Morgen nach dem Verbrechen, das sich am 21. Juli beim Dammweg (Bild Beatrice Vogel)

Am Morgen nach dem Verbrechen, das sich am 21. Juli beim Dammweg (Bild Beatrice Vogel)

«Wir geben nicht auf, bis wir den Täter gefunden haben, das sind wir dem Opfer schuldig», sagte Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft, gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Juli ist eine 26-jährige Frau beim Dammweg in Emmen von einem Unbekannten vom Velo gerissen und vergewaltigt worden. Unter anderem erlitt die Frau eine komplette Querschnittlähmung beider Arme und Beine. Jetzt schreitet die Staatsanwaltschaft zu einer ungewohnten Methode: 372 Männer müssen zum DNA-Test antreten.

Grünes Licht für diese Massnahme hat jetzt das Zwangsmassnahmengericht gegeben. Kopp: «Es ist der logische nächste Schritt in unseren Ermittlungen.» Einerseits verfügt die Polizei über die DNA des mutmasslichen Täters, sie konnte unter anderem an Kleidungsstücken des Opfers festgestellt werden. «Wir sind sehr sicher, dass es sich dabei um die tatsächliche DNA des Täters handelt.» Dass der Täter die Polizei gar täuschen wollte und eine «falsche» DNA-Spur gelegt habe könnte, schliesst Kopp klar aus.

Andererseits konnte das Opfer von der Polizei Anfang Oktober einvernommen werden. Die junge Frau hat den Täter mit folgendem Signalement beschrieben: Ein grosser (170 bis 180 cm), schlanker Mann mit schwarz-braunen gekrausten Haaren und einem eher dunkleren Teint. Er ist zwischen 19 und 25 Jahre alt und spricht gebrochen Deutsch. Der Mann ist Raucher. Die Frau hat also ihre Angaben, die sie kurz nach der Tat gemacht hat, jetzt klar bestätigt. «Ihre Aussagen haben eine hohe Glaubwürdigkeit», sagt Kopp. Nach wie vor liegt die Frau im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Dem Opfer geht es den Umständen entsprechend», sagt Kopp.

Massentests nur in schweren Fällen

Somit sind die nötigen Voraussetzungen für einen Massengentest gegeben. Entscheidend für die Bewilligung des Zwangsmassnahmengerichts ist auch, wie schwerwiegend die Tat ist. Sie muss mit mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe verbüsst werden, was im vorliegenden Fall klar gegeben ist. Gemäss der eidgenössischen Strafprozessordnung darf die Polizei sogenannte Untersuchungshandlungen wie einen DNA-Test nur bei hinreichendem Tatverdacht durchführen. Die grosse Ausnahme ist dabei der Massen-DNA-Test. Diese Massnahme ist in der Schweiz seit 2005 gesetzlich geregelt. Die Tests gelten als problematisch, weil das Prinzip der Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt wird. Zur Anwendung kam ein solcher bisher nur einmal nach einem Tötungsfall 2011 in Zürich (siehe Interview unten). Verweigert ein aufgebotener Mann diesen Test, kann er beim Kantonsgericht eine Beschwerde einreichen, erklärt Christian Renggli, stellvertretender Generalsekretär des Kantonsgerichts. Im Zürcher Fall wurden alle Beschwerden abgewiesen.

Polizei sucht Fotos auf Facebook

Ein spezielles Team hat in den letzten Wochen daran gearbeitet, die Namensliste für den Massengentest zu erstellen. «Der Aufwand war riesig», sagt Kopp. Für den Gentest in Frage gekommen sind Männer, die in der Nähe des Tatorts wohnen oder arbeiten oder am Tatort gar aufgefallen sind. Gleichzeitig mussten diese Männer Ähnlichkeiten mit der Beschreibung haben, die das Opfer gemacht hat. Um das herauszufinden, hat die Polizei Fotos aus offiziellen Dokumenten wie etwa Ausweisfotos sowie aus den sozialen Medien wie Facebook gesichtet.

Auch Männer, die wegen diverser Delikte vorbestraft sind, stehen auf der Liste. Ob Handydaten ebenfalls ausgewertet wurden, die in diesem Gebiet zum Zeitpunkt der Tat gesendet wurden, dazu will sich Kopp nicht äussern. Zu den Ermittlungen sagt er generell: «Wir machen alles Menschenmögliche.» Parallel zum Massengentest ermittelt die Polizei auf weiteren Kanälen, über die Details schweigt Kopp aus taktischen Gründen.

Kopp betont: «Wir laden nicht 372 potenzielle Täter vor, es geht uns vor allem darum, mindestens 371 Männer zu entlasten.» Bereits in den letzten Wochen hat die Polizei immer wieder verdächtige Männer zu DNA-Tests vorgeladen, bislang jedoch erfolglos.

«Wir haben keine Erfahrung»

Kopp macht klar, dass man sich keine raschen Resultate erhoffen darf: «Bis die Erkenntnisse aus allen Tests vorliegen, kann es Wochen dauern.» Vor allem könnte es zu Verzögerungen kommen, wenn ein Mann eine Beschwerde einreichen würde.

Die Organisation hinter diesem Massentest ist sehr gross. «Wir haben keine Erfahrung in diesem Bereich.» In der Schweiz gibt es wie erwähnt erst einen vergleichbaren Massengentest aus dem Jahr 2011 in Zürich. Man habe frühere Fälle analysiert und auch mit einem Polizeiteam in Deutschland Kontakt aufgenommen, das einen Massengentest schon durchgeführt hat. Dass die Zürcher bis heute trotz Massentest ohne Täter sind, schreckt die Luzerner nicht ab. «Wir wollen jede Chance nutzen», sagt Kopp.

Wie viel die Massnahme kosten wird, darüber wollte Kopp gestern keine Aussagen machen: «Es ist jetzt nicht der Moment, um über das Geld zu reden, wir müssen den Täter finden.» Recherchen zeigen, dass ein einzelner Test rund 500 Franken kostet.

Belohnung ist noch nicht vergeben

Nach wie vor nicht vergeben ist die von der Staatsanwaltschaft ausgestellte Belohnung in der Höhe von 10 000 Franken, man hofft noch immer auf Hinweise, die zum Täter führen. Ein Phantombild hat die Polizei bislang nicht veröffentlicht, weil sie schlicht über zu wenig spezifische Angaben verfügt.

Doch was passiert, wenn der Täter nicht unter den 372 Männern ist? «Dann suchen wir weiter», sagt Kopp. Bei den folgenden Untersuchungen sei «alles möglich». Das hänge auch davon ab, was die anderen parallel zum Test laufenden Ermittlungen ergeben würden. Kopp schliesst auch die Möglichkeit weiterer Massen-DNA-Tests nicht aus.

Flieht der Täter ins Ausland?

Dass die Polizei den Täter nun im unmittelbaren Umfeld der Tat sucht, könnte darauf hinweisen, dass sich der Täter nach wie vor in der Region befindet. Kopp hält sich jedoch bedeckt: «Wir müssen in alle Richtungen ermitteln.» In Frage kommen auch nicht ausschliesslich Ausländer, es könne nämlich sein, dass der Mann seine Sprache absichtlich verstellt habe. Möglich ist, dass der Täter jetzt ins Ausland flüchtet. Kopp: «Dann hätten wir einen klaren Hinweis auf den Täter. Und wir könnten diese Spur gezielt aufnehmen.»

Auch die Frage, ob zu befürchten sei, dass der Mann ein Wiederholungstäter sein könnte, will er nicht kommentieren. «Wir haben keinen ähnlichen, vergleichbaren Fall, es ist extrem schwer, mehr über den Täter zu sagen.» Stellt sich die Frage, ob sich die Frau und der Täter auf irgendeine Weise gekannt haben. Oder ob sie ein reines Zufallsopfer war, das schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort war. Kopp: «Es gibt keine Hinweise, dass sie sich gekannt haben.»

So funktioniert der Massen-DNA-Test

flu. Gestern hat die Luzerner Polizei einen Brief an 372 Männer geschickt. Innerhalb der nächsten 15 Tage müssen sie zum Speichelabstrich – mittels eines Wattestäbchens – kommen. Auch ihr Alibi für den Tatzeitpunkt wird überprüft. Wo das Büro eingerichtet wird, das gibt die Polizei nicht bekannt, alles soll möglichst anonym ablaufen. Auch übers Wochenende ist das Büro offen, Dolmetscher können beigezogen werden.

Sofort wieder gelöscht

Die Proben werden fortlaufend mit der DNA des Täters verglichen. Gibt es keine Übereinstimmung, wird die Probe sofort wieder gelöscht. Das Zwangsmassnahmengericht erlaubt nur, die Probe für die Aufklärung des Emmer Falls zu nutzen, so ist es vom Gesetz vorgeschrieben. Die Informationen dürfen nicht für andere Fälle eingesetzt und auch nicht in die nationale DNA-Datenbank eingegeben werden.

Zürcher Fall: Mehrheit liefert Probe freiwillig ab

Zum ersten Mal schweizweit wurde die Methode der Massengentests in Zürich eingesetzt. Im Dezember 2010 wurde im Zürcher Seefeld eine 56-jährige Psychotherapeutin in ihrer Praxis erstochen. Für die Ermittlungen griff die Zürcher Justiz wenige Wochen später im Jahr 2011 auf eine gross angelegte Untersuchung mit Speichelproben von rund 300 Männern zurück, weitere 100 folgten bis heute.

Matthias Stammbach, Sie sind Staatsanwalt in Zürich und haben den ersten Massen-DNA-Test in der Schweiz durchgeführt. Welches waren die grössten Schwierigkeiten?
Matthias Stammbach*:
Die Polizei muss akribisch daran arbeiten, die Personen zu erheben, die den Kriterien gemäss der Anordnung des Zwangsmassnahmengerichts entsprechen.

Die DNA-Massenuntersuchung ist ein Eingriff in die Grundrechte. Kann man die Speichelprobe verweigern?
Stammbach:
Ja, das ist möglich. Im Fall der ermordeten Psychotherapeutin in Zürich gab es einzelne Beschwerden. Diese wurden allerdings vom Obergericht des Kantons Zürich abgewiesen. Die Mehrheit lieferte die Probe aber freiwillig ab und zeigte Verständnis. Dank der Überprüfung haben die Personen die Sicherheit, als Täter ausgeschlossen werden zu können und nicht verdächtigt zu werden.

Bezüglich des Falles der ermordeten Psychotherapeutin in Zürich: Wie viel kostete die Massenuntersuchung?
Stammbach:
Kosten dürfen bei einem derartigen Kapitalverbrechen nicht im Vordergrund stehen.
Das Interesse der Öffentlichkeit an der Ermittlung der Täterschaft ist bei einem Tötungsdelikt sehr gross. Die Oberstaatsanwaltschaft Zürich bewilligte ein Kostendach, das noch lange nicht erreicht ist.

Der Täter, der im Dezember 2010 die Psychotherapeutin in ihrer Praxis erstach, konnte bis heute nicht gefasst werden. Was ist der aktuelle Stand der Ermittlungen?
Stammbach:
Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Nach wie vor werden ab und zu Männer für einen Wangenschleimabstrich aufgeboten. Die DNA von gegen 400 Männern konnte bis dato mit jener des Täters verglichen werden – ohne Erfolg.

Würden Sie mit den heutigen Erkenntnissen nochmals eine Massenuntersuchung durchführen?
Stammbach:
Ja, an den Grundvoraussetzungen hat sich nichts geändert.

Wie hoch stehen die Chancen, dass die Massenuntersuchungen der DNA zum Erfolg führen?
Stammbach:
Es ist falsch, hier von Erfolgschancen zu sprechen. Schliesslich wird vielen Personen eine Probe entnommen, gesucht ist aber nur ein Täter. Vielmehr kommt es darauf an, wie stark die Kriterien für das Profil der Täterschaft eingegrenzt werden können. Das hängt wiederum vom Ermittlungsstand ab. Gibt es eine Übereinstimmung der DNA, dann ist das ein Indiz, das dafür spricht, dass sich die entsprechende Person tatzeitnah am Tatort aufhielt.

Jetzt setzt die Luzerner Polizei auf den Massengentest. Stehen Sie mit der Luzerner Justiz im Austausch?
Stammbach:
Nein.

Interview Niels Jost

HINWEIS
*Matthias Stammbach ist Staatsanwalt im Kanton Zürich. Er leitet die Untersuchung zum Mord an der 56-jährigen Psychotherapeutin, die 2010 erstochen wurde.