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LUZERN: Ärzte wollen Schularzt-System den Stecker ziehen

Der Widerstand von Ärzten gegen Untersuche und Impfungen an Schulen wird stärker. Und könnte bald auch die Politik beschäftigen.
Ein Kind wird von einem Arzt untersucht. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Ein Kind wird von einem Arzt untersucht. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Das Schulimpfprogramm des Kantons stösst bei Ärzten auf massiven Widerstand (Ausgabe vom Montag). Dieser erhält nun eine neue Dimension. «Nach unserer Erfahrung ist die Schularzt­medizin und die seit einiger Zeit angebotene Schulimpfung eine unnötige ‹Parallelmedizin›, auf die man gut verzichten könnte.» Dies schreibt der Hochdorfer Kinderarzt Hugo Schön in einem Brief an unsere Zeitung. Nicht nur die Schulimpfung, sondern auch der Schularzt als solcher ist für ihn ein Relikt aus Zeiten vor dem Krankenversicherungsgesetz, das 1996 in Kraft trat. «Eltern hatten so die Möglichkeit, ihre Kinder wenigstens ein paar Mal in der obligatorischen Schulzeit auf Kosten des Steuerzahlers untersuchen zu lassen.» Heute sei das schlicht nicht nötig. «Schulärztlich tätige Haus- und Kinderärzte machen die Erfahrung, dass alle Schulkinder ärztlich durch und durch untersucht sind.» Für Schön erzeugt der schulärztliche Dienst heute nur noch Bürokratie und Kosten für den Steuerzahler und soll abgeschafft werden. Und damit auch die Schulimpfungen. Er schliesst seinen Brief mit den Worten: «Liebe Kantonsrätinnen und Kantonsräte. Unserer Meinung nach könntet ihr beherzt den politischen Vorstoss zum ersatzlosen Abschaffen des schulärztlichen Dienstes in die Wege leiten.»

Kantonsräte haben unterschrieben

Bemerkenswert: Der Brief ist von 20 weiteren Kinder- und Hausärzten aus dem Kanton unterzeichnet. Darunter sind auch drei Kantonsräte: so der Luzerner Allgemeinpraktiker Herbert Widmer (FDP), der Kinderarzt Bernhard Steiner (SVP, Entlebuch) und Allgemeinpraktiker Beat Meister (SVP, Hochdorf).

Herbert Widmer ist im Vorstand der Luzerner Ärztegesellschaft und bestätigt, dass das Thema auch dort schon länger diskutiert werde. Er nimmt das Anliegen von Hugo Schön auf: «Ich werde das in der nächsten Vorstandssitzung der Ärztegesellschaft zur Diskussion bringen und behalte mir vor, ein Postulat einzureichen.» Dies natürlich in Absprache mit seinen Ärzte- und Ratskollegen. SVP-Kantonsrat Bernhard Steiner schliesst sich an: «Einen Vorstoss gilt es nun zu prüfen. Wichtig ist, dass wir das Anliegen überparteilich verankern können.»

Zumindest eine Abschaffung der Reihenuntersuche an den Schulen in der heutigen Form hatte der Surseer Kinderarzt Hansjakob Roelli bereits gefordert (Ausgabe von Montag). Auch die 2013 wieder eingeführten Schulimpfungen sind für viele nicht zweckmässig (siehe Box).

Kritik aus Ärzte­gesellschaft

Wenig Verständnis mit seinen Berufs­kollegen hingegen hat Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. «Das Vorpreschen einzelner Ärzte ist unüberlegt und nicht mit der Ärztegesellschaft abgesprochen», enerviert sich der Emmer Allgemeinpraktiker auf Anfrage. Die Forderung nach einer Abschaffung der Schulärzte bezeichnet Kramis als Schnellschuss. «Wenn man etwas ändern will, dann muss man erst zusammensitzen und dies mit allen beteiligten Stellen absprechen.» Auf diese Weise stosse man die Behörden und Gemeinden vor den Kopf. Der schulärztliche Dienst sei ein politischer Auftrag, «damit verhindert wird, dass jemand durch die Maschen fällt». Die Haus- und Kinderärzte hätten eine einseitige Sicht. «Sie sehen nur jene, die zu ihnen in die Praxis kommen.» Dabei sei schwer zu beurteilen, ob wirklich niemand von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen bleibe. Kramis denkt da vor allem an Kinder von Einwanderern.

Ausnahmen «äusserst selten»

Darauf erwidert Hugo Schön: «Die äusserst seltenen Fälle, in denen ein Kind durch das Kontrollsystem des Hausarztes rutscht, rechtfertigen den riesigen Aufwand durch den Schularzt nicht.» Er ist ohnehin überzeugt: «Wird der Dienst abgeschafft, geht es keinem einzigen Kind schlechter.» Gleichzeitig könnten ein Aufwand von mehreren hunderttausend Franken bei den Gemeinden sowie die Bürokratie beim Kanton eingespart werden, «ohne dass dies jemand zu spüren bekommt».

Beim Gesundheits- und Sozialdepartement war gestern aufgrund externer Sitzungen der betreffenden Personen keine Stellungnahme erhältlich.

Wenig Interesse an Schulimpfungen

Die Diskussion um den schulärztlichen Dienst kam ins Rollen, nachdem Ärzte das Schulimpfprogramm kritisierten (Ausgabe von Montag). Detaillierte Zahlen sind beim Kanton nicht erhältlich. Aufschluss gibt aber der Jahresbericht 2014 des Kantons. Dort ist zu lesen, dass die Beteiligung an den freiwilligen Schulimpfungen «wesentlich geringer» gewesen sei als geplant. Im Schuljahr 2013/14 wurden an Schulen 220 Masern-Mumps-Röteln-Impfungen (MMR) vorgenommen. Zum Vergleich: Allein in der Chinderarzt-Praxis in Reussbühl, wo die Kinderärzte Sibylla Weymann und Bernhard Steiner praktizieren, wurden in den letzten zwölf Monaten 498 Dosen MMR geimpft. Sibylla Weymann sagt dazu: «Das Schulimpfprogramm ist schlicht zu aufwendig für Ärzte als auch für Schulsekretariate.» Die Eltern würden ihre Eigenverantwortung heutzutage zudem bestens wahrnehmen.

Guy Studer

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