LUZERN: Aggressive Grippe: Auch junge Patienten hats schwer erwischt

Die diesjährige Grippewelle war ausserordentlich heftig. Im Vergleich zu 2014 mussten bis dreimal mehr Patienten hospitalisiert werden. Nicht zuletzt wegen des ungenügenden Impfschutzes.

Thomas Heer
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Diesen Winter erging es vielen Leuten ähnlich: Die Grippe hat sie erwischt. (Symbolbild Eveline Beerkicher / Neue LZ)

Diesen Winter erging es vielen Leuten ähnlich: Die Grippe hat sie erwischt. (Symbolbild Eveline Beerkicher / Neue LZ)

«In der Schweiz ist die Grippesaison für diesen Winter offiziell vorbei.» Diese Meldung publizierte das Bundesamt für Gesundheit BAG am Mittwoch. Die Nachricht dürfte in vielen Arztpraxen und Spitälern für Erleichterung gesorgt haben. Denn die diesjährige Grippewelle bescherte den Betroffenen ausserordentlich viele und schwerwiegende gesundheitliche Probleme. Oder wie es Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital, formuliert: «Eine Grippewelle von dieser Heftigkeit habe ich noch nie erlebt.» Und Christina Orasch, die an der Hirslanden Klinik St. Anna die gleiche Funktion ausübt wie Rossi im grössten Spital der Zentralschweiz, sagt: «Im Vergleich zum Vorjahr hatten wir wegen der Grippe dreimal so viele Patienten, die bei uns eingewiesen werden mussten.»

Was führte zu dieser unerfreulichen Entwicklung? Ein Grund liegt vermutlich darin, dass die Impfung gegen die diesjährige Grippe alles andere als optimal schützte. Das heisst, der Wirkungsgrad lag unter dreissig Prozent. Das liegt deutlich unter den rund 70 Prozent, die normalerweise erreicht werden. Der geringe Impfschutz rührte daher, dass sich ein Subtyp der Influenza-A-Viren im vergangenen Jahr unerwartet stark veränderte. Die Zusammensetzung des Impfstoffes, die jeweils im Frühling von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen wird, konnte aber nicht mehr rechtzeitig angepasst werden.

Besonders hohe Sterberate

Wie viele Menschen aufgrund der diesjährigen Grippe starben, kann heute noch nicht beziffert werden. «Die Zahlen werden voraussichtlich im Juni vorliegen», wie Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten beim BAG, erklärt. Koch stellt aber fest: «Es starben mehr Leute als normalerweise während einer Grippesaison.» Indizien, die Kochs Aussage stützen, sind folgende Zahlen: In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres starben im Kantonsspital Aarau 54 Menschen. In der Vergleichsperiode 2014 waren es 50. Möglich, dass die Zunahme auf Grippepatienten zurückzuführen ist. Im Stadtzürcher Waidspital verschieden im Februar 2015 39 Personen. Ein Jahr zuvor waren es 21. Gegenüber «Tages-Anzeiger online» bringt ein Chefarzt des Waidspitals die Grippe als möglichen Grund für die deutlich höhere Sterberate ins Spiel. Für das Kantonsspital Luzern liegen derzeit noch keine entsprechenden Zahlen vor.

Innert Stunden ausser Gefecht

Gemessen an den Fallzahlen spricht Koch von einer «mittelstarken Grippewelle». Das heisst, es gab Jahre, in denen noch mehr Patienten betroffen waren. Aber wie bereits erwähnt, gab es heuer überdurchschnittlich viele Patienten, die wirklich ernsthaft erkrankten. Die Grippe legt die Betroffenen innert Stunden flach. Hohes Fieber schwächt den Körper. Normalerweise bedeutet das mehrere Tage Bettruhe. Zur Genesung bedarf es keinerlei ausserordentlicher medizinischer Massnahmen.

Lebensbedrohliche Superinfektion

Als Chefarzt befasst sich Marco Rossi mit besonders komplizierten und schwierigen Fällen. Er und sein Team betrieben in den vergangenen Monaten viel Diagnostik. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Gemäss Rossi löste die Grippe bei zahlreichen Patienten lebensbedrohliche Lungenentzündungen aus. Im Luzerner Kantonsspital wurden sogar Hirnentzündungen festgestellt – ausgelöst durch das Grippevirus. Und was dieses Jahr ebenfalls besonders ins Auge stach: Nicht nur Hochbetagte wurden Opfer der Viren. Rossi sagt: «Wir hatten auch Patienten, die noch keine 40 Jahre alt waren.»

Dieselben Erfahrungen wie Rossi machte auch Christina Orasch. Sie spricht von «bakteriellen Superinfektionen», die auf einer primär viralen Infektion basieren. So kam es in der Hirslanden Klinik zu mehreren Einweisungen in die Intensivstation. Diese Patienten litten an Lungen- und Hirnhautentzündung.
 

Thomas Heer