LUZERN: Als im Vögeligärtli die Vögel noch hinter Gittern sassen

Der beliebte Park in der Neustadt hat eine wechselhafte Geschichte. Einst lebten dort gar Hirsche.

Guy Studer
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Das Vögeligärtli mit der Volière und der Lukaskirche im Hintergrund. Das Bild muss zwischen 1935 (Bau der Lukaskirche) und 1954 (als die Volière wich) entstanden sein. (Bild: PD)

Das Vögeligärtli mit der Volière und der Lukaskirche im Hintergrund. Das Bild muss zwischen 1935 (Bau der Lukaskirche) und 1954 (als die Volière wich) entstanden sein. (Bild: PD)

So kennt man das Vögeligärtli heute: eine grosse
Rasenfläche mit dem markanten Turm der Lukaskirche (Bild: Maria Schmid)

So kennt man das Vögeligärtli heute: eine grosse Rasenfläche mit dem markanten Turm der Lukaskirche (Bild: Maria Schmid)

An einem schönen Wochenende ist buchstäblich «die Hölle» los im Vögeligärtli. Unzählige Kinder tummeln sich auf dem Spielplatz, der Tischtennistisch ist in Dauerbetrieb, und auf den Bänken sonnen sich Studenten und ältere Leute. Die Luzerner lieben ihr Vögeligärtli – den Park in der Neustadt, begrenzt von Lukaskirche, Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) sowie Franken- und Morgartenstrasse.

Auf Gaswerk folgte Grotte

Wie der Stadtpark seine Form erhielt, hat Thomas Schönenberg vom Luzerner Staatsarchiv recherchiert. Im Laufe der Jahrzehnte – während über 100 Jahren – ist das Vögeligärtli zu dem geworden, was es heute ist. Vor gut 150 Jahren war das Gelände wenig bebaut. Auf dem Sempacherplatz, wo heute die ZHB steht, errichtete ein deutscher Ingenieur 1856 das erste Gaswerk Luzerns. In der Folge wurde das Gebiet immer dichter besiedelt. Weil sich die Anwohner schlecht mit dem Lärm und dem Gestank des Gaswerks vertrugen, wurde das Werk gegen die Jahrhundertwende bereits wieder abgerissen. 1899 nahm das neue Gaswerk an der Industriestrasse seinen Betrieb auf.

Eine Besonderheit am Englischen Garten, wie man das Vögeligärtli damals nannte, wurde in der Folge eine Tropfsteingrotte. Als touristische Attraktion gab es sie seit 1899. Ihr Ende kam 1935 mit der Eröffnung der neu erbauten Lukaskirche mit dem markanten Turm und dem sichtbaren Glockengehänge (siehe Bilder). 1936 wurde der Englische Garten umgestaltet. Dabei schuf die Stadtgärtnerei unter anderem den schattigen Ruhe- und Kinderspielplatz im nördlichen Teil, den wir bis heute kennen.

Hirsche und Vögel als Namensgeber

Bis zu diesem Zeitpunkt sprach man schon länger auch von der Hirschmatte, die der Hirschmattstrasse und dem Quartier später ihre Namen gab. Denn im Jahr 1900 hatten fünf Hirsche auf dem ehemaligen Areal des Gaswerks Einzug gehalten, nachdem der Wildpark auf dem Gütsch aufgehoben worden war. Die Tiere blieben allerdings nicht lange: 1908 wurde der bis heute bestehende Hirschpark auf dem heutigen Kantonsspitalareal eröffnet.

Dafür erhielt das Vögeligärtli einen tierischen Ersatz – und damit seinen Namensgeber: Unter dem Patronat der Ornithologischen Gesellschaft Luzern entstand 1908 eine Volière (grosses Bild). Bis 1954 blieb sie dort und entzückte die Spaziergänger mit dem Gezwitscher ihrer Bewohner. Danach wurde sie auf das Inseli gezügelt, wo sie bis zum Abriss vor wenigen Jahren stand.

Bibliothek als letztes Element

Um in den 50er-Jahren zu bleiben: 1951 wurde die heutige ZHB eröffnet. Das Bauwerk von Otto Dreyer, um dessen Fortbestand oder Abriss vor einigen Wochen intensiv debattiert wurde, rundete schliesslich das heutige Gesicht des Vögeligärtlis ab. Dieses geriet allerdings 1968 nochmals in Gefahr, als ein privater Initiant um die Bewilligung einer dreistöckigen Tiefgarage unter dem Vögeligärtli ersuchte. Denn bereits damals waren die Parkplätze im Quartier knapp. Obwohl der Initiant versprach, den Park nach dem Bau wieder zu begrünen, sah sich der Luzerner Stadtrat 1970 gezwungen, das Projekt abzulehnen. Die Öffentlichkeit, angeführt vom Quartierverein, wehrte sich vehement dagegen, über Jahre hinweg eine lärmige Baustelle hinzunehmen und viele alte Bäume zu opfern.

Welcher Platz ist wo genau?

Unklar bleibt heute, was es mit den verschiedenen Bezeichnungen auf sich hat. Hirschmatte, Sempacherplatz, Englischer Garten und Vögeligärtli – vier Namen gibt es, doch nicht alle bezeichnen dasselbe. Klar ist: Der Sempacherplatz ist jener, wo einst das Gaswerk stand und heute die ZHB steht. Ob der Englische Garten diesen Platz mit einschloss, der zwischen 1899 und 1949 unbebaut war, kann niemand abschliessend erklären. Auch nicht, ob die Hirschmatte mit dem Sempacherplatz identisch ist. Aber eigentlich spielt das gar keine Rolle. Heute zählt schliesslich nur noch das Vögeligärtli.

«Die Gotthardbahn durch Meggen», von Walter Trüb, 1982, herausgegeben von der Gemeinde Meggen.

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