LUZERN: Altstadt verliert eine weitere Traditionsbeiz

Seit über 500 Jahren wird im «Hirschen» gewirtet. Am Sonntag schliesst die Traditionsbeiz ihre Tore. Zieht nun ein Kleider- oder Uhrengeschäft ein?

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Der «Hirschen» am Hirschenplatz: Erhalten bleibt zumindest das imposante Wirtshausschild. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Der «Hirschen» am Hirschenplatz: Erhalten bleibt zumindest das imposante Wirtshausschild. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Die Tage für das Traditionslokal Hirschen (Chimney’s Steakhouse bzw. Martini-Stube) sind gezählt: Am kommenden Sonntag schliesst die Beiz. Für den Geschäftsführer Rudolf Schnyder endet damit eine bewegte Altstadtära, für Luzernerinnen und Luzerner geht ein beliebter Treffpunkt verloren. Die Liegenschaft gehörte bisher der Hogastro AG. Deren Verwaltungsratspräsident mit Einzelunterschrift ist Urs Gehrig. Nun wurde das Haus an die NLU Immobilien AG für einen einstelligen Millionenbetrag verkauft.

Lukratives Geschäft im Parterre

Ob am Hirschenplatz dereinst wieder ein Gastrobetrieb einzieht, bleibt unklar. Es sei aber eher unwahrscheinlich, ist von diversen Seiten zu vernehmen. Aus Renditegründen sei wohl eher ein Uhren-, Schmuck oder Kleidergeschäft realistisch. Und auch Schnyder ist sich ziemlich sicher: «Da kommt klar ein Verkaufsgeschäft rein. Alles andere würde mich überraschen.» Zudem führe er bereits die ersten Gespräche für den Verkauf des Küchenmobiliars, so Schnyder. Der Wirt des ehemaligen «Goldenen Löwen» kennt das Szenario. Nachdem 2009 die Lokalität an der Ecke Kapellgasse/Eisengasse zu einem beinahe doppelten Mietzins verpachtet wurde, zog Schnyder aus und ein Outdoor-Ausstatter ein. Das gleiche Szenario könnte sich am Hirschenplatz wiederholen.

Eine Genfer Firma übernimmt

Seit dem 19. März ist die NLU-Immobilien AG die neue Besitzerin vom Hirschenplatz 2. Die Firma hat ihren Briefkasten in Luzern und die Büros in Genf. Die NLU will künftig in der Luzerner Immobilienszene Fuss fassen. Auf Anfrage erklärt Jacques Mot von der NLU: «Wir stehen in Luzern erst am Anfang. Mit dem Haus am Hirschenplatz haben wir unsere erste Liegenschaft in der Luzerner Altstadt gekauft. Wir haben grosses Interesse, weitere schöne Häuser mit Wohnungen zu kaufen. Für uns besteht der Rösti-graben nicht.» Das Unternehmen lege Wert darauf, den Charakter der Luzerner Altstadt zu bewahren, betont Mot. Zur Frage «Gastrobetrieb ja oder nein?», sagt Mot: «Die Chance, dass wieder ein Gastrobetrieb kommt, würde ich mit 50:50 beantworten. Wir haben noch keine definitiven Pläne.» Klar jedoch ist, dass in den oberen Etagen Wohnungen inklusive Dachwohnung entstehen werden. Mot ist überzeugt: «Die Altstadt ist da, um zu wohnen.» Heute ist in den oberen Etagen ein Etablissement mit Kontaktbar eingemietet.

Umbau für 3,5 Millionen Franken

Geplant sind fünf bis sieben Wohnungen. Da bleibt nur zu hoffen, dass nicht Genfer Mietpreise ins Spiel kommen. Mot sagt dazu lediglich, dass sich der Zins für Luzerner Verhältnisse «im oberen Segment» bewegen werde. Für den Umbau wird mit 3 bis 3,5 Millionen Franken gerechnet. Gestartet wird im Mai. Geht es nach Plan, sollte der Umbau in maximal neun Monaten beendet und die Wohnungen bezugsbereit sein.

Rudolf Schnyder wirtet am Hirschenplatz seit 2009 als Geschäftsführer mit Umsatzbeteiligung. Das Geschäft sei seit Beginn an gut gelaufen. Trotzdem werde man nicht reich dabei. Schnyder: «Wirten sollte man immer mit Herzblut. Dann geht die Rechnung auf.» Durch das Ende des «Hirschen» verlieren 22 Personen ihre Stelle. Ganz locker nimmt es Schnyder nicht. Die Altstadt sei für ihn ein Stück Heimat, und mit diversen Angestellten habe er bis zu 20 Jahre zusammengearbeitet, erzählt der 63-Jährige.

Er ist bemüht, sein Personal anderswo unterzubringen. Und für sich selbst? «Ich halte die Augen offen, würde gerne wieder einen kleinen Luzerner Treffpunkt mit Schweizer Spezialitäten führen.» Die Aussichten auf eine Lokalität in der Luzerner Altstadt seien jedoch nicht rosig, trotzdem bleibe er optimistisch.

Mauern mit viel Geschichte

Das «Hirschen»-Haus hat Tradition. Staatsarchivar Jürg Schmutz fand Schriftliches bei Theodor von Liebenau, in «das alte Luzern». Auf Seite 185 ist zu lesen, dass das Gasthaus seit mindestens 1474 belegt ist. Stadtbekannt ist jedoch, dass bereits der Grossvater von Urs Gehrig von der bisherigen Besitzerfirma hier tätig war. Die Liegenschaft des «Hirschen» steht in der Ortsbildschutzzone A. Deshalb muss die Fassade erhalten bleiben. Jacques Mot garantiert: «Nicht nur die Fassade, auch das schöne Wirtshausschild wird bleiben.»

Sandra Monika Ziegler