LUZERN: «Ambulant vor stationär»: Spitalkader schiesst gegen Graf

Guido Schüpfer, Stabschef Medizin des Luzerner Kantonsspitals, bezeichnet die Liste «ambulant vor stationär» als «bürokratisches Monster». Damit greift er Gesundheitsdirektor Guido Graf frontal an.

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Arthroskopien am Knie sollen im Grundsatz künftig nur noch ambulant vorgenommen werden. (Bild: Getty)

Arthroskopien am Knie sollen im Grundsatz künftig nur noch ambulant vorgenommen werden. (Bild: Getty)

Balz Bruder
balz.bruder@luzernerzeitung.ch

Bisher war das Luzerner Kantonsspital (Luks) diplomatisch vorsichtig, wenn es um die Einführung der 13 Eingriffe umfassenden Operationsliste ging, die künftig im Grundsatz ambulant (und nicht stationär) durchgeführt werden sollen. Spitaldirektor Benno Fuchs sagte noch Ende Februar gegenüber unserer Zeitung wörtlich: «Wir begrüssen die Massnahmen und beurteilen die Liste auf den ersten Blick als sinnvoll, müssen diese aber noch im Detail analysieren.» Ausnahmen von der Regel müssten zudem möglich bleiben, fand Fuchs, «zum Beispiel für Patienten mit besonderen Einschränkungen oder Begleiterkrankungen». Ganz abgesehen davon sagte Fuchs: «Wirtschaftlichkeit ist die Folge der guten Qualität und nicht umgekehrt.» Das «gut ausgelastete» Luks habe die ambulanten Behandlungen «seit jeher gefördert», betonte Fuchs. In einzelnen Bereichen gehöre das Spital «zu den ersten, die ambulante Behandlungen einführten».

Nun, da der Einführungstermin näher rückt, ist es vorbei mit den wohltemperierten Rücksichten des Staatsbetriebs. Der Stabschef Medizin, Guido Schüpfer, nahm an einer Podiumsveranstaltung im «Grand Casino» Luzern jedenfalls kein Blatt vor den Mund. Angriffig meinte der Vertreter des öffentlichen Spitals zur 13er-Liste des Kantons: «Da kommt ein neues bürokratisches Monster auf uns zu.» Unschwer erkennbar: Für Schüpfer ist die Liste unnötig, weil das Luks schon heute «reinen Herzens und ruhigen Gewissens» sei, wenn es um die Entscheidung zwischen stationären und ambulanten Behandlungen geht.

Doch damit nicht genug: Abgesehen davon stünden die Krankenversicherer in der Pflicht, wenn es darum gehe, wirtschaftliche, zweckmässige und wirksame Behandlungen durchzusetzen – das sei nicht das Problem der Leistungserbringer. Trotz harscher Kritik an der Operationsliste (und damit an Gesundheitsdirektor Guido Graf) meinte der derzeit in einem Sabbatical weilende Chefarzt Schüpfer schliesslich, offensichtlich wieder im Bewusstsein seiner Rolle und Funktion: «Ich finde die Liste gut, aber ich will nicht verbürokratisiert werden.» Eine rhetorische Pirouette, mit der er sich zumindest stilistisch keine Höchstnoten verdiente.

Gesundheitsdirektion thematisiert Kritik mit Spital

Mindestens für Stirnrunzeln sorgten die Schüpfer’schen Äusserungen gestern auch in der Gesundheitsdirektion. Regierungsrat Graf mochte sich zur Sache zwar nicht äussern, Hanspeter Vogler, Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen, liess auf Anfrage aber wissen, die Aussagen des Luks-Stabschefs würden mit dem Spital besprochen. Die Auseinandersetzung soll nicht über die Medien geführt werden.

Immerhin: Schüpfer bekam starke, wenn auch nicht überraschende Unterstützung vom Luzerner Hals-, Nasen- und Ohrenspezialisten Marcus Maassen, dem nicht weniger als der Untergang des schweizerischen Gesundheitswesens schwante, wenn Finanzierungsfragen fortgesetzt über den Patientennutzen gestellt würden. Hintergrund von Maassens Aussage: Die Gaumenmandel-Entfernung steht vorderhand noch auf der Liste jener Eingriffe, die künftig im Grundsatz ambulant durchgeführt werden sollen. Aus Sicht der Fachärzte handelt es sich bei der Aufnahme der Tonsillektomie auf die Liste jedoch um eine medizinisch unter keinem Titel haltbare Massnahme. Die Gesundheitsdirektion ist mit den Ärzten denn auch im Gespräch über die definitive Ausgestaltung der Operationsliste. Mitte Juni wird die Öffentlichkeit darüber informiert, bevor das neue Regime Mitte Jahr operativ werden soll.

Übrigens: Die von Jérôme Martinu, Chefredaktor unserer Zeitung, geleitete Podiumsdiskussion fand im Rahmen einer Veranstaltung des Verbands chirurgisch und invasiv tätiger Ärztinnen und Ärzte statt, der vom Luzerner Arzt Josef E. Brandenberg präsidiert wird. Sie befasste sich schwergewichtig mit den kleinen Chancen und grossen Risiken von Globalbudgets in der ambulanten Versorgung.