LUZERN: Angehender Lehrer führte Chaoten an

Fünf verletzte Polizisten und 30 000 Franken Sachschaden – das war die Bilanz von Ausschreitungen nach einem Spiel des FC Luzern im August 2014. Für einen 25-Jährigen wurden sie jetzt zum Eigentor.

Lena Berger
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Vor und nach dem Spiel des FC Luzern gegen den FC Zürich am 16. August 2014 kam es zu wüsten Auseinandersetzungen in der Stadt Luzern. bei der auch Busse der VBL und ein Einsatzfahrzeug der Polizei beschädigt wurden. Fünf Polizisten wurden verletzt. (Bilder Luzerner Polizei)

Vor und nach dem Spiel des FC Luzern gegen den FC Zürich am 16. August 2014 kam es zu wüsten Auseinandersetzungen in der Stadt Luzern. bei der auch Busse der VBL und ein Einsatzfahrzeug der Polizei beschädigt wurden. Fünf Polizisten wurden verletzt. (Bilder Luzerner Polizei)

Lena Berger

Er ist ein angehender Pädagoge, und das sieht man ihm auch an. Adrett gekleidet in einer beigen Stoffhose, hellblauem Hemd und dazu passendem Sakko, betritt der junge Mann letzte Woche den Gerichtssaal des Luzerner Bezirksgerichts. Er tritt auf als ein flotter Typ, geradezu ein Traumschwiegersohn. Die Vorwürfe, die ihm die Staatsanwaltschaft macht, sind aber heftig. Er soll beteiligt gewesen sein an den Ausschreitungen nach einem Spiel des FC Luzern gegen den FC Zürich im August 2014. Mehr noch. Er soll den Mob angeführt haben, der vom Stadion zum Bahnhof zog, mit Eisenstangen auf Busse einschlug und sich mit Flaschen und Steinen einen offenen Strassenkampf mit gegnerischen Fans und der Polizei lieferte.

Der Richter traut dem rechtschaffenen ersten Eindruck nicht, den der junge Mann macht. Zumal er zwei Vorstrafen hat, wegen Sachbeschädigung und wegen Hinderung einer Amtshandlung. Der Vorsitzende zeigt dem Beschuldigten das Bild eines Sonnenbrillenträgers in voller FCL-Fanmontur mit dem obligaten 1901-Pullover, schwarzen Hosen und weissen Schuhen. Aufgenommen im Eingangsbereich des Stadions. «Sind Sie das?», will er wissen. Der Mann schweigt. «Schreiben Sie ins Protokoll, der Beschuldigte beantworte die Frage nicht», weist er die Gerichtsschreiberin an.

Der Stresstest des Richters

Der junge Mann hatte gegenüber der Polizei ausgesagt, er sei nach dem Match direkt nach Hause gegangen. Gemäss Staatsanwaltschaft ist das gelogen, vielmehr soll er Teil einer Gruppe aggressiver Fans gewesen sein, die sich gegen 22 Uhr vor dem Fanlokal Zone 5 versammelte. Der Richter fühlt dem Beschuldigten auf den Zahn. Auf die erste Frage folgen mehr als 30 weitere. Ob er in dieser Fangruppe gewesen sei. Ob die Fans vermummt gewesen seien. Ob die Fans einen zivilen Fahnder bedroht hätten. Ob er einen zivilen Fahnder bedroht habe. Ob die Polizei gedroht habe, «Gummi» einzusetzen. Ob jemand aus dem Mob mit einer Flasche nach den Polizisten geworfen habe. Und so weiter. Wie eine Gewehrsalve prasseln die Fragen auf den Beschuldigten nieder, der in stoischer Gelassenheit immer und immer wieder die gleichen vier Worte wiederholt: «Ich weiss es nicht.»

Die Stimmung im Saal wird zunehmend gereizt. Die Gerichtsschreiberin weist den Richter darauf hin, dass er die Frage nach der Bedrohung des Fahnders schon mal gestellt habe. Das sei ihm egal, erwidert dieser unwirsch. Er stelle sie eben noch mal. Doch die Antwort bleibt die gleiche. «Ich weiss es nicht», sagt der Beschuldigte und schaut dem Richter dabei in die Augen. Er lässt sich von den Fragen nicht provozieren. Nichts lässt vermuten, dass der brave Eindruck des Studenten blosse Fassade ist.

Der «Rädelsführer» des Mobs

Der Richter ruft einen Zeugen auf. Es ist ein Polizist, der als «Spotter» seit sechs Jahren die Szene beobachtet. Er hat die Videoaufnahmen ausgewertet, die vor und während der Ausschreitungen gemacht wurden. Es sind beängstigende Bilder. Eine grosse Ansammlung von Vermummten steht auf der Strasse. Einer geht um die Gruppe herum, scheint ihr Anweisungen zu geben. Einen Fahnder in Zivil verjagt er. «Geh weg, wir wissen, wo du wohnst», soll er gesagt haben. Der Fahnder glaubt, die Stimme des Beschuldigten erkannt zu haben. Dann geht alles sehr schnell. Als ein Bus mit FCZ-Fans am Bundesplatz ins Stocken gerät, rennen die Vermummten los. Es fliegen Flaschen. Einem Verkehrspolizisten wird die Faust in den Magen gerammt. Dann zieht der Mob weiter Richtung Bahnhof. Angeführt von einer Gestalt, die der Zeuge anhand der Schuhe, der Gangart und der Fallart der Hose als den Beschuldigten erkannt haben will. Die Staatsanwaltschaft fordert deshalb, dass er mit einer Busse von 600 Franken und einer Geldstrafe von 1200 Franken bestraft wird.

«Tarnung» nützte nichts

Was treibt einen angehenden Lehrer dazu, sich an solchen Krawallen zu beteiligen? Für einen Laien bleibt es schwer vorstellbar, dass der Mann auf den Bildern und der Mann im Gerichtssaal ein und derselbe sein sollen. Die Verteidigung stellt es denn auch in Abrede. Es handle sich um eine Verwechslung. Der Beschuldigte habe zum Beispiel keine X-Beine, sondern die typischen O-Beine eines Fussballspielers. Allfällige Ähnlichkeiten seien dem Zufall geschuldet, der Beschuldigte sei deshalb freizusprechen.

Ähnlichkeiten sind – das zeigen die Aufnahmen deutlich – klar gewollt. Begünstigt werden sie durch die uniforme Bekleidung der FCL-Chaoten. Genutzt hat dieser «Trick» letztlich aber nichts. Das Gericht kommt zum Schluss: «Bei der Person, die im Eingangsbereich sichtbar ist, handelt es sich um den Beschuldigten.» Der Vergleich von dem Videomaterial mit dem Aussehen des Beschuldigten an der Verhandlung beweise das. Da aus der Gruppe heraus Gewalttätigkeiten gegen die Polizei verübt wurden, sei der Tatbestand des Landfriedensbruchs erfüllt. Vom Vorwurf der Gewalt und Drohung gegen Behörden spricht das Gericht den Beschuldigten hingegen frei. Es könne nicht nachgewiesen werden, dass er persönlich Polizisten bedroht oder angegriffen habe.

Das Urteil kommt den Mann teuer zu stehen. Er wird zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à je 30 Franken verurteilt. 1200 Franken muss er sofort zahlen, den Rest nur, wenn er wieder straffällig wird. Zusammen mit den Verfahrens- und Gerichtskosten kostet den Studenten das Ganze somit 3680 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.