LUZERN: «Anker»: Die letzte Partei-Bastion fällt

Es war der Sitz der Arbeiterbewegung. Nun lud das neue Hotel Anker zu einer Begehung. Von Parteipolitik ist nichts mehr zu spüren – wie in den meisten Luzerner Beizen.

Drucken
Teilen
Noch ist es eine Baustelle: Ende dieses Jahres soll der «Anker», ein Luzerner Traditionshaus, wieder eröffnet werden. 40 neue Hotelzimmer entstehen. (Bilder Manuela Jans-Koch)

Noch ist es eine Baustelle: Ende dieses Jahres soll der «Anker», ein Luzerner Traditionshaus, wieder eröffnet werden. 40 neue Hotelzimmer entstehen. (Bilder Manuela Jans-Koch)

Christian Hodel

Das einstige Gewerkschaftshaus nimmt neue Formen an. 40 Zimmer auf sechs Etagen sind im Hotel-Restaurant Anker am Pilatusplatz Luzern am Entstehen, im Erdgeschoss wird es ein Restaurant geben. Gestern luden die Verantwortlichen zu einer ersten Begehung. Noch ist es kahl in den Räumen, die Arbeiten sind im vollen Gange, doch schon im Winter, November oder Dezember, soll die einstige Stammbeiz der SP in neuem Glanz erscheinen.

Auf eine 100-jährige Tradition blickt der «Anker» zurück. Als «Volkshaus» wurde die Gaststätte 1913 von der «roten» Arbeiterbewegung einst eröffnet. Nun, mit der Wiedereröffnung geht in Luzern die Tradition der Partei­beizen zu Ende. «Ich denke nicht, dass der ‹Anker› wieder zum traditionellen Wirtshaus der SP wird, da er ja nicht mehr der uns nahestehenden Volkshausgenossenschaft gehört», sagt Sebastian Dissler, Parteisekretär der SP. Heute würde seine Partei Versammlungen in verschiedenen Gasthäusern abhalten.

Im Dorf zählte das Parteibuch

Früher war das anders: Bis in die 1970er-Jahre sei die Zuordnung von Parteien zu einzelnen Lokalen noch sichtbar gewesen, sagt Markus Furrer, Luzerner Historiker und Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Luzern. «Vor allem in spezifischen Gemeinden auf der Luzerner Landschaft war der Parteibezug zu Lokalen sehr typisch. Gab es doch dort liberale und konservative Metzger, Bäcker oder auch Wirte.»

Heute hat sich dies gewandelt. Es gibt wohl fast keine Gasthäuser mehr oder Gewerbebetriebe im Kanton, die ausschliesslich von Sympathisanten einer Partei besucht werden. Präsent ist der erbitterte Machtkampf zwischen den damals «Roten» und «Schwarzen – der konservativen CVP und der liberalen FDP – nur noch in der Erinnerung der älteren Dorfbewohner. Die Auswirkungen jedoch sind bis heute zu spüren, etwa in den Vereinsstrukturen. Nicht nur Wirte, Metzger und Bäcker richteten sich vor einigen Jahrzehnten nach der Parteizugehörigkeit, auch das Freizeitverhalten stand im Dienste der Politik. Nur so ist es zu erklären, dass es noch heute in diversen Gemeinden – historisch bedingt – zwei Turnvereine oder Musikkorps gibt. Was im Dorf zählte, war das Parteibuch.

Im «Rössli» passierte Historisches

Doch wie halten es die Politiker heute, gibt es die typischen Parteigasthäuser noch? Am ehesten spürt man die Verbundenheit mit einer Gaststätte bei der CVP – und dies aus gutem Grund. Im Gasthaus «Rössli» in Ruswil hat die Partei Geschichte geschrieben. Hier ist 1842 der Ruswiler Verein, der Vorläufer der Katholisch-Konservativen Partei und der späteren CVP, gegründet worden. Der Bauernführer Josef Leu trieb im «Rössli» den konservativen Umsturz der liberalen Luzerner Regierung voran. Und im Ruswiler «Rössli» wurden Gespräche geführt zur Berufung der Jesuiten nach Luzern – was 1847 zum Sonderbundskrieg führte und der Schweiz nach Kriegsende die erste Bundesverfassung brachte. Noch heute treffen sich CVPler laut Parteisekretär Rico De Bona «regelmässig» im «Rössli» zu Sitzungen und Veranstaltungen. «Das «‹Rössli› Ruswil ist insofern heute noch stark mit der CVP verbunden, als im Aktionariat relativ viele CVP-nahe Personen sind.» Allerdings sei das Gasthaus heute parteipolitisch unabhängig. Ähnliches gelte für weitere Restaurants wie etwa den «St. Mauritz» in Schötz oder den «Löwen» in Dagmersellen. In der Stadt wiederum war das «Union» in der Nähe des Luzerner Löwenplatzes lange Zeit Treffpunkt der CVP.

Auch die FDP – die hinter der CVP lange zweitstärkste Kraft in Luzern – versammelten sich früher oft in einer Gaststätte – im «Wilden Mann» an der Bahnhofstrasse in Luzern. In der Zwischenzeit werden Parteiversammlungen vielfach auch im Wirtshaus Galliker an der Schützenstrasse beim Kasernenplatz abgehalten. Noch heute gebe es vor allem auf der Landschaft einige Gasthäuser, die eng mit der Partei in Verbindung stehen. «Aber es hat sich in diesem Bereich einiges verändert», sagt FDP-Geschäftsführer Benjamin Häfliger.

Die Lokale der jüngeren Parteien

Auf eine geschichtsträchtige Tradition mit Gaststätten können die übrigen Parteien im Kanton Luzern nicht zurückblicken. Die SVP wurde erst 1992 gegründet. «Daher gibt es aus historischer Sicht keine Gasthäuser, die einen engen Zusammenhang haben mit unserer Partei», sagt Kantonalpräsident und Nationalrat Franz Grüter. Oft sei man aber zu Gast im Landgasthaus Strauss in Meierskappel, welches vom Kantonsrat Ruedi Stöckli geführt wird. Auch sei das Restaurant Vogelsang in Eich ein regelmässiger Treffpunkt der SVP. Die Grünen indes zieht es seit über einem Jahrzehnt häufig ins «Neustadt» in der Stadt Luzern. Die GLP wiederum pflegt seit einigen Jahren – die Partei gibt es seit 2008 – eine gute Beziehung mit dem Hotel zum Rebstock direkt bei der Hofkirche, während sich die BDP Luzern nach Wahlveranstaltungen im Hotel Waldstätterhof in Bahnhofsnähe trifft.