LUZERN: «Arme-Leute-Zucker» verliert an Beliebtheit

Jedes Jahr im Herbst findet die Birnel-Aktion statt. Im Kanton Luzern scheint das Birnensaftkonzentrat jedoch nicht mehr so populär zu sein – trotz Natur pur.

Sarah Weissmann
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Bei Luzerner Schleckmäulern hat Birnel einen schweren Stand. Die Nachfrage nimmt ab. (Symbolbild Neue LZ)

Bei Luzerner Schleckmäulern hat Birnel einen schweren Stand. Die Nachfrage nimmt ab. (Symbolbild Neue LZ)

Die Winterhilfe Schweiz entstand in den 1930er-Jahren im Kontext mit der Wirtschaftskrise. Den Menschen ging es finanziell schlecht, und um Betroffene vor dem Verhungern zu retten, startete die Non-Profit-Organisation eine Unterstützungsaktion. In den Wintermonaten verteilte sie Äpfel und Kartoffeln. 1952 kam Birnel hinzu, ein Konzentrat aus ungespritzten und unbehandelten Schweizer Mostbirnen. Der Birnendicksaft diente damals als ideales Süssungsmittel, da die Zuckerpreise nach dem Krieg ins Unermessliche stiegen. Deshalb wurde Birnel auch als «Arme-Leute-Zucker» bezeichnet.

Heute wird Birnel im Kanton Luzern vor allem für den traditionellen Lebkuchen benutzt. Man kann es aber genauso gut verwenden, um den Naturjoghurt zu süssen, Salatsaucen zu verfeinern oder das Butterbrot schmackhafter zu machen – vielfältig einsetzbar also. Und trotzdem, der Birnendicksaft scheint an Beliebtheit zu verlieren. Immer mehr Gemeinden im Kanton Luzern beteiligen sich inzwischen nicht mehr an der jeweils im Herbst stattfindenden Aktion «Birnel – gut für Gesundheit und Natur», die von der Winterhilfe Schweiz lanciert wird (siehe Kasten).

Nachfrage nimmt ab

Nebikon und Buttisholz beispielsweise verzichten wegen der stark gesunkenen Nachfrage bereits seit Jahren auf die Aktion, wie es auf Anfrage unserer Zeitung heisst. Die Gemeinde Eschenbach beteiligt sich zwar noch am Verkauf des Konzentrates, allerdings sei auch dort die Nachfrage nicht mehr so gross: Man müsse überlegen, ob der Vertrieb in Zukunft eingestellt werde. Auch in Hergiswil ist die Nachfrage abnehmend. «Anfänglich bestellten wir über 150 Kilogramm. Inzwischen ist der Verbrauch auf etwa 30 Kilogramm zurückgegangen», teilt die Sozialvorsteherin Anna Christen schriftlich mit. Aus diesem Grund habe man sich mit den Gemeinden Luthern und Ufhusen zusammengeschlossen und führe wegen der abnehmenden Nachfrage die Birnel-Aktion gemeinsam durch.

Auch die Hochstamm Seetal AG vertreibt Birnendicksaft – allerdings unter eigenem Namen. Geschäftsführer Simon Gisler stellt in seinem Betrieb keine Verkaufsabnahme fest. «Es handelt sich um ein Winterprodukt und wird verwendet, sobald der Herbst ins Land zieht und gebacken wird.» Es sei ein traditionelles Produkt. Leute, die es kennen, würden es nicht missen wollen. Gisler vermutet, dass viele Leute den Birnendicksaft nicht mehr kennen. «Man sollte das mehr vermarkten», so Gisler.

Laut Jürg Ingold, Koordinator Verkauf Winterhilfe Schweiz, spürte man bei der Winterhilfe tatsächlich vor ein paar Jahren einen Einbruch im Birnel-Verkauf. Diesen deshalb einzustellen, stehe laut Ingold nicht zur Diskussion: «Generell gibt es wieder eine deutliche Zunahme der Bestellungen, und das stimmt uns positiv für die Zukunft.» Ausserdem sei der Birnendicksaft längst nicht mehr nur für die armen Leute, sondern entwickle sich zu einem Lifestyle-Produkt.

Ruth Kocherhans, Geschäftsleiterin Winterhilfe Kanton Luzern, erklärt, warum die Winterhilfe Birnel vertreibt: «Es ist ein Naturprodukt ohne Zusätze, enthält unterschiedliche Mineralstoffe und eignet sich für Diabetiker.» Ausserdem sei Birnel gut für die Natur. «Die Feldobstbäume, die unser Landschaftsbild prägen, sind für die moderne Landwirschaft nicht rentabel und drohen endgültig zu verschwinden.» Die Bäume seien laut Kocherhans ein wichtiger Lebensraum von bedrohten Vogelarten. Die Herstellung und der Verkauf von Birnel trügen zum Erhalt der grossen Bäume bei.

Für Menschen in Not

Winterhilfe Die Winterhilfe Schweiz unterstützt mit dem Erlös von Birnel noch heute Menschen in Not in der Schweiz mit Naturalleistungen oder der Übernahme dringender Rechnungen.

Birnel ist bei der Winterhilfe und den Gemeinden in den folgenden Gebinden erhältlich: 250 g im Dispenser für 4.20 Franken, 1 kg im Glas für 10.60 Franken, 5 kg für 46 Franken und 12,5 kg im Kessel für 105 Franken. Zum Vergleich: Im Coop kosten 250 g Birnendicksaft 7.90 Franken. Birnel wird in den zwei Schweizer Familienbetrieben E. Brunner AG in Steinmaur im Kanton Zürich und Unipektin AG in Eschenz im Kanton Thurgau hergestellt.