LUZERN: Arme sorgen für Umsatzrekord

Immer mehr Luzerner sind arm. Das spüren auch die Caritas-Läden, wo nur Arme einkaufen dürfen. Umsatz und Kundenzahlen haben sich in den letzten Jahren stark erhöht.

Christian Hodel
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Ein Mitarbeiter räumt im Caritas-Laden an der Bleicherstrasse in Luzern Ware ein. (Bild Pius Amrein)

Ein Mitarbeiter räumt im Caritas-Laden an der Bleicherstrasse in Luzern Ware ein. (Bild Pius Amrein)

Jede 13. Person in der Schweiz gilt offiziell als arm. Das zeigen die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik. Für den Kanton Luzern liegen zwar keine entsprechenden Zahlen vor. Doch für Urs Odermatt, Mediensprecher der Caritas Luzern, ist klar: «Die Armut im Kanton nimmt zu.» Mit anderen Worten: Immer mehr Luzerner können aus eigener Kraft kein existenzsicherndes Haushaltseinkommen erzielen. Für sie gibt es spezielle Caritas-Läden, in denen Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs günstig bezogen werden können. Und dort sorgt die Armut für Rekordzahlen. 2013 haben die drei Zentralschweizer Caritas-Läden in Luzern, Sursee und Baar gesamthaft 103 500 Einkäufe registriert – 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch der Umsatz ist innert eines Jahres um 9 Prozent auf über eine Million Franken gestiegen.

Doppelt so viele Kunden wie 2010

Die Zahl der registrierten Kunden hat sich sogar seit 2010 auf 5000 Personen verdoppelt. In den Läden dürfen ausschliesslich Armutsbetroffene einkaufen. Sie müssen eine gültige Einkaufskarte der Caritas oder die Kultur-Legi Zentralschweiz vorweisen. Eine solche erhalten nur Personen, die nachweisen können, dass ihr Einkommen und Vermögen unter dem Existenzminimum liegt.

Auch die Fälle, die von den Luzerner Sozialdiensten betreut wurden, stiegen 2012 gegenüber dem Vorjahr um 2,9 Prozent an, wie die aktuellsten verfügbaren Zahlen aus dem Sozialbericht 2013 des Kantons Luzern zeigen. Urs Odermatt sagt: «Nahmen die Sozialhilfefälle ab 2005 jährlich leicht ab, steigen die Fälle seit 2012 als Spätfolge der Finanzkrise wieder an.» 6,35 Prozent der Luzerner Bevölkerung bezogen 2012 in irgendeiner Form staatliche Unterstützung, weil ihr Einkommen nicht ausreichte. Dies etwa in Form von Ergänzungsleistungen zur AHV oder IV oder als Sozialhilfe. Laut Odermatt wurde diese Zahl erstmals im Sozialbericht 2013 des Kantons Luzern erhoben. Rückschlüsse, ob sich diese gegenüber früheren Jahren verändert hat, seien deshalb nicht möglich. «Aus Studien ist aber bekannt, dass viel mehr Menschen arm sind oder unter dem Existenzminium leben als aus den Zahlen hervorgeht.»

Der Bund geht unter anderem davon aus, dass 60 Prozent der bezugsberechtigten Personen keine Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen beziehen. Die häufigsten Gründe dafür sind Scham oder weil sie von Verwandten unterstützt werden. Ausländer wiederum haben oft Angst, ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren, so Odermatt. Wie hoch die sogenannte Nichtbezugsquote für den Kanton Luzern liegt, ist nicht bekannt. Ausgewiesen ist hingegen der Anteil derjenigen Personen, die 2012 im Kanton Luzern Sozialhilfe bezogen. Es sind 2,1 Prozent der Bevölkerung.

Ausländer besonders betroffen

«Ein besonders hohes Armutsrisiko haben Alleinerziehende sowie Menschen mit fehlender beruflicher Qualifikation», sagt Guido Graf, Sozialdirektor des Kantons Luzern. Ausserdem liege die Sozialhilfequote bei Ausländern mit 5,1 Prozent deutlich höher als jene der Schweizer mit 1,4. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte der Sozialhilfebezüger sind Ausländer. Ein Viertel davon stammt aus einem EU- oder Efta-Staat, die grosse Mehrheit aus einem Drittstaat.

Schweizweit nahmen die Ausgaben für die Sozialhilfe im Jahre 2012 gegenüber dem Vorjahr um 14,4 Prozent auf fast 2,4 Milliarden Franken zu, wie das Bundesamt für Migration mitteilt (Ausgabe vom 18. Juli). Zahlen fürs vergangene Jahr liegen nicht vor.

Arm nicht nur in finanzieller Hinsicht

Doch die Sozialhilfequote allein sage noch nichts über Armut aus, relativiert Urs Odermatt. Gemäss Caritas ist Armut nämlich mehr als eine finanzielle Notlage. Armut könne bedeuten, trotz Schmerzen auf einen Arztbesuch zu verzichten, um Kosten zu sparen, keine Ausbildung und keine Perspektive oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus zu haben. So kann etwa jeder fünfte Schweizer eine unerwartete Rechnung in der Höhe von 2000 Franken nicht zahlen, wie aus dem jüngst veröffentlichten Handbuch «Armut in der Schweiz» zu entnehmen ist (Ausgabe vom 7. Juli).

«Luzern braucht Armut-Strategie»

«Personen, die sich bei uns melden, haben oft Mehrfachbelastungen», sagt Urs Odermatt. Sie sind psychisch angeschlagen, körperlich krank und haben Schulden. Für die Caritas sei darum klar: Der Kanton solle kontinuierlich über die Wirkung seiner Armutspolitik Bericht erstatten und Ziele definieren. Konkrete Ansätze zur Verhinderung von Armut könnten laut Odermatt sein: die Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien oder die Steuerbefreiung bei Niedrigeinkommen. «Luzern braucht eine Strategie gegen die Armut», findet Odermatt. Sozialdirektor Guido Graf betont, das Wichtigste sei, dass alle anspruchsberechtigten Einwohner auch Sozialhilfe beziehen können. «Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel müssen so effektiv wie möglich zu Gunsten jener Bevölkerungsgruppe eingesetzt werden, die von Armut am meisten betroffen ist», so Guido Graf. Das per Januar 2014 geänderte Prämienverbilligungsgesetz sei ein gutes Beispiel dafür. «Neu wird ein grösserer Teil der verfügbaren Mittel bei Personen nahe der Armutsgrenze eingesetzt.» Mit einer verstärkten Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus könnten Kanton und Gemeinden zudem ebenfalls zur Entschärfung von Armut beitragen. «Wir müssen darum besorgt sein, dass das vorhandene kantons- und gemeindeeigene Bauland gezielt an gemeinnützige Wohnbauträger vermittelt wird», sagt Graf.

Stadt Luzern: Explodierende Kosten

Ein Drittel der Sozialhilfefälle im Kanton lebt in der Stadt Luzern, in der die Sozialhilfequote im vergangenen Jahr 3,3 Prozent betrug. 2012 lag sie noch bei 3,2 Prozent. Das ist zwar kein dramatischer Anstieg, zudem lag die Quote vor 10 Jahren noch bei 4,2 Prozent. Doch der städtische Sozialdirektor Martin Merki sagt: «Sorgen bereiten uns die steigenden Sozialhilfekosten trotz praktisch stagnierender Sozialhilfequote.» Tatsächlich haben sich die Nettokosten für die wirtschaftliche Sozialhilfe in den vergangenen fünfzehn Jahren fast verdreifacht – von rund 9 Millionen Franken im Jahre 1999 auf 25 Millionen Franken im vergangenen Jahr. «Der Hauptgrund ist die Abschaffung von kantonalen Ausgleichsmechanismen», sagt Merki.

Hinweis

Mehr Informationen unter: www.caritas-luzern.ch www.kulturlegi.ch/zentralschweiz