LUZERN: «Autofrei – das ist kein Globalrezept»

Autofahrer, Gewerbler, Touristen und Bewohner – alle wollen die Stadt intensiv nutzen. Stadtplaner Stefan Kurath sagt, wie das Zusammenleben gelingen kann.

Interview Robert Knobel
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Autos auf der Bahnhofstrasse sollen bald der Vergangenheit angehören. Der Städtebau-Experte warnt vor voreiligen Schritten. (Bild Maria Schmid)

Autos auf der Bahnhofstrasse sollen bald der Vergangenheit angehören. Der Städtebau-Experte warnt vor voreiligen Schritten. (Bild Maria Schmid)

Stefan Kurath, Sie sind Architekt und Stadtplaner: Wie wirkt die Stadt Luzern aus städtebaulicher Sicht auf Sie?

Stefan Kurath*: Mit dem KKL, der Migros in der Hertensteinstrasse, aber auch mit dem sanierten Seebad hat Luzern bewiesen, dass die Stadt hervorragende baukulturelle Lösungen vorzuzeigen vermag. Sie sind nicht «bloss» schön, sondern beleben auch den Stadtraum. Auch die Altstadt kann bezüglich Attraktivität mit anderen Altstädten bestens mithalten.

Einheimisches Gewerbe hat es allerdings schwer in der Innenstadt. Seit Jahren verschwinden Familienbetriebe aus dem Zentrum. Verödet so der städtische Raum?

Kurath: Die Innenstadt ist für viele blosser Freizeitraum. Man trifft dort Freunde in den Cafés. Man hat Zeit. Man schlendert entlang der Schaufenster. Es zählt das Erlebnis. Wenn man etwas einkauft, dann sind das Dinge, die einem Freude bereiten: Schuhe, Kleider und Accessoires. Dinge, die einfach in Plastiktaschen mitgetragen werden können. Auch Touristen brauchen keine Lebensmittelläden oder Papeterien.

Aber darunter leidet die Vielfalt ...

Kurath: Ja, Kleiderladen reiht sich an Kleiderladen, Schuhladen an Schuhladen. Und am Rathausquai gibt es fast nur Gastrobetriebe. Interessanterweise entsteht dadurch keine Konkurrenzsituation, vielmehr profitiert man von der gegenseitigen Laufkundschaft. Allerdings: Das alles spielt sich in den Erdgeschossen ab. In den oberen Stockwerken gibt es oft nur mehr Lagerräume und Büros. Gewohnt wird dort kaum noch – höchstens in den Dachgeschossen. Die mittleren Stockwerke erweisen sich denn auch als seltsam unbelebt, insbesondere nachts. Am Beispiel der Weggisgasse oder auch der Kapellgasse zeigt sich dieses Phänomen besonders deutlich.

Der Stadtrat will Parkplätze im Zentrum abbauen. Das vertreibe die Kunden zusätzlich, behaupten die Gewerbler. Stimmt das?

Kurath: Teilweise, denn voll gestopfte Strassen vertreiben Kunden ebenso. Gleichzeitig schiessen an den Stadträndern aber die Shoppingzentren und Discounter aus dem Boden. Dort hats genügend Parkplätze, und sie sind zudem einfacher aufzufinden. Die horrende Entwicklung auf der grünen Wiese haben Politiker und Raumplaner mitverschuldet, erpresst von den stets mit Abwanderung drohenden Investoren und Grossverteilern.

Ab Mai wird ein neues Car- Regime eingeführt. Die Touristen müssen dann abends zu Fuss vom Schwanen- zum Löwenplatz gehen. Wird diese Strategie aufgehen?

Kurath: Man kann es auch als Chance für die ganze Innenstadt sehen, wenn die Gäste sich 450 Meter länger in Luzern aufhalten und mehr sehen als nur die Kapellbrücke. Das ist genau das, was die Grossverteiler in ihren Läden eingeführt haben. Sie führen ihre Kunden so, dass sie an möglichst vielen Angeboten vorbeigehen.

Die Stadt ist gegen neue Marroni-Stände, und kürzlich wurden vor den Cafés sogar blaue Markierungen angebracht, die zeigen, wo Stühle und Tische stehen dürfen. Bräuchte es mehr Lockerheit?

Kurath: Niemand will blaue Linien. Sie sind jedoch – so hilflos sie erscheinen mögen – Zeichen dafür, dass die Stadt die Verantwortung im öffentlichen Raum wahrzunehmen versucht. Die blauen Markierungen sollen dafür sorgen, dass Einzelne nicht auf Kosten anderer von einer Situation profitieren. Es wäre schön, wenn sich eine Kultur des Austausches und der gelebten Nachbarschaft etablieren würde, die das Stadtleben selbstständig zu regulieren vermag. Die Rahmenbedingungen dafür sind jedoch nicht mehr gegeben. Früher bewohnte der Hausbesitzer sein Stadthaus. Er ging im Erdgeschoss seinen Geschäften nach. Er war auf eine einvernehmliche Nachbarschaft angewiesen. Heute gehören die Häuser Erbengemeinschaften, Aktiengesellschaften und Pensionskassen. Das Leben an den hoch frequentierten Gassen erweist sich seltsam entwurzelt.

Immer mehr Gebiete werden verkehrsberuhigt, die Bahnhofstrasse wird bald autofrei. Ist das eine sinnvolle Entwicklung für die Innenstadt?

Kurath: Bei der Bahnhofstrasse sind zumindest die städtebaulichen Grundvoraussetzungen dafür gut. Die Kapellbrücke zieht viele Menschen an. Mit der Jesuitenkirche und dem Theaterplatz sowie der Baumreihe und der Häuserfront sind robuste städtebauliche Strukturen vorhanden. Der Raum zwischen Reussufer und Hausfassaden ist zudem grosszügig angelegt. Dort gilt es aber, die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Auch der Zugang zum Wasser könnte verbessert werden. Hier liegt das grösste Potenzial. Um dieses auszuschöpfen, braucht es einen städtebaulichen Wettbewerb. Danach braucht es Zeit. Mit dem Entscheid der Verkehrsbefreiung ist vielleicht ein Problem gelöst, aber zahlreiche neue Probleme tauchen auf. Da braucht es Flexibilität in der Umsetzung, Strategien und Taktiken, damit Bestehendes nicht abgewürgt wird und Neues entstehen kann. Städtebau ist immer ein Experiment.

Gäbe es in Luzern weitere Gebiete, die sich als autofrei eignen würden?

Kurath: Die Autobefreiung ist kein Globalrezept für eine bessere Stadt. Die Idee der autofreien Zonen ist verführerisch. Soll die Innenstadt jedoch nicht nur Freizeit- oder Wohnraum sein, sondern Alltagsraum bleiben, gilt es, auf ein gesundes Gleichgewicht zu achten. Vermeintlich einfache Ideen haben oft nicht beabsichtigte Auswirkungen. Unmittelbar betroffen sind die Gewerbler, die darauf angewiesen sind, dass sie selber und ihre Kundschaft mit dem Auto vorfahren können. Ist das Gewerbe weg, setzt die Entmischung ein. Eine solche Abwärtsspirale muss aufgefangen werden. Auf Vorrat autofreie Zonen einzurichten, erscheint mir zu risikoreich. Es braucht immer zuerst eine städtebauliche Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation.

* Zur Person: Stefan Kurath (39, Bild) ist Professor für Architektur und Städtebau an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).