LUZERN: Banker veruntreute Millionen

Ein Devisenhändler hat 2007 mit Geldern seiner Bank spekuliert und verursachte damit einen Schaden von über 15 Millionen Franken. Gestern stand er vor dem Kriminalgericht.

Lena Berger
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Der Bankier veruntreute Millionen. (Symbolbild Neue LZ)

Der Bankier veruntreute Millionen. (Symbolbild Neue LZ)

Der Mann macht einen seriösen Eindruck. Ruhig beantwortet der 35-Jährige in Anzug und mit Brille die Fragen des Richters. Dass er für die Regionalbank lebte, für die er 2007 arbeitete, glaubt man ihm sofort er sieht aus wie der perfekte Buchhalter. Und doch ist der Schaden, den er anrichtete, immens. Über 18 Monate hinweg tätigte er rund 300 Devisengeschäfte, ohne dafür legitimiert zu sein ? und setzte so über 15 Millionen Franken in den Sand.

Ziel: Lukrative Situationen nutzen

Wie konnte es dazu kommen? Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind sich einig, dass der Übereifer des geständigen Beschuldigten dabei eine grosse Rolle gespielt hat. Nach seiner Banklehre legte er eine steile Karriere hin. Bereits mit 23 Jahren wurde ihm die Betreuung eines Grosskunden anvertraut. Damals herrschte bei seinem Arbeitgeber grosse Toleranz: Von Seiten der Bank wie auch von Seiten der Kunden wurde akzeptiert, dass Kundenbetreuer im Devisengeschäft lukrative Situationen ohne vorgängige Rücksprachen ausnutzten und sich die Transaktion erst im Nachhinein von den Kunden bestätigen liessen. «So konnte man kurzfristige Trends ausnutzen», erklärt der Beschuldigte. Diese Praxis wurde allerdings 2006 aufgrund einer Intervention der bankengesetzlichen Revisionsstelle aufgegeben. Die Kundenbetreuer wurden entsprechend instruiert.

Suizid des Vorgesetzten

Dass die Bank ihre Praxis aufgab damit waren nicht alle einverstanden. Insbesondere ein Grosskunde nicht, dessen Aufträge 90 Prozent des Devisengeschäfts der Bank ausmachten. Und so wurde das System hinter den Kulissen vom Beschuldigten aufrechterhalten. «In schriftlicher Form gab es zwar keinen Auftrag mehr, aber auf mündlicher Basis gab mir der Kunde die Kompetenz, für ihn Devisengeschäfte zu tätigen», erklärt er dem Gericht. Ob dies mit oder ohne Wissen seines direkten Vorgesetzten geschah, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Dieser beging Suizid, nachdem die Machenschaften seines Untergebenen ans Licht kamen.

Eine Weile ging alles seinen üblichen Gang, und es wurden teils stattliche Gewinne eingefahren. Bis zu einem verhängnisvollen Tag, als der Beschuldigte bei einem Devisentermingeschäft das er für den Grosskunden ohne vorgängige Zustimmung abschloss ? einen Verlust von rund 430 000 Franken einfuhr. Er befürchtete, der Grosskunde würde einen solchen Verlust nicht hinnehmen. Statt Farbe zu bekennen, begann er, seinen Fehler zu verschleiern. Was folgte, war ein Spiessrutenlauf.

Schattenkonto für die Verluste

Ohne Wissen des Grosskunden eröffnete der Beschuldigte ein Nummernkonto auf dessen Namen. Darüber verbuchte er den Verlust. Damit er nicht aufflog, verkaufte der Beschuldigte später Wertschriften anderer Kunden, um das Konto zu decken. Der Plan war, den Schaden durch weitere Devisengeschäfte «wieder gutzumachen». Stattdessen machte er es immer schlimmer.

«Es handelt sich um einen aussergewöhnlichen Fall», sagt der Staatsanwalt bei der Plädoyereröffnung. «Der Beschuldigte wollte sich nicht bereichern. Er wurde kriminell, weil er sich massiv überschätzte und nicht zu seinen Fehlern stehen konnte.» Er habe unter enormem Druck gestanden, die Verluste durch Gewinne wieder wettzumachen. Dennoch sei der Fehlbetrag stetig grösser geworden, weshalb er auf die Wertpapiere anderer vermögender Kunden zugegriffen habe, die nur selten Auskünfte über ihren Kontostand verlangten. «Der Beschuldigte hat falsche Buchungen ausgeführt und beging damit Urkundenfälschung. Das Verschulden ist gravierend.» Der Staatsanwalt fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Er hat seinen ursprünglichen Antrag wegen der langen Verfahrensdauer um neun Monate reduziert.

Geheime Einigung mit der Bank

Die Verteidigung räumt ein, dass der Deliktbetrag mit 15 Millionen Franken aussergewöhnlich sei. «Das hat aber nichts mit der Tat an sich zu tun, sondern mit den allgemeinen Risiken bei den Devisentermingeschäften», so der Verteidiger. Sein Mandant habe nicht mit Kalkül, sondern in Bedrängnis gehandelt. Er habe den Schaden nicht gewollt, sondern nur in Kauf genommen. Deshalb sei eine bedingte Freiheits­strafe von 21 Monaten angemessen. Das Urteil steht noch aus.

Ursprünglich hatte die geschädigte Bank als Privatklägerin Zivilforderungen von 19 Millionen Franken geltend gemacht. Inzwischen hat man sich jedoch aussergerichtlich geeinigt. Zu den Details äussern sich die Parteien nicht. Der Beschuldigte spricht vor Gericht lediglich von einem «schmerzhaften Betrag».

Kontrollsysteme sind anfällig

Gemäss dem Bankenexperten Roger Rissi, Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ), sind Veruntreuungen wie diese auch heute sieben Jahre nach dem Vorfall ? noch denkbar. «Auf dem Papier ist das zwar nicht möglich. Aber das Kontrollsystem steht und fällt mit den Angestellten ? und deren Beeinflussbarkeit.»