LUZERN: «Bequeme Haltung hat Holocaust mitverschuldet»

In Erinnerung an den Völkermord an den Juden hat sich alt Bundesrätin Elisabeth Kopp in Luzern vor dem Mut unbequemer Mahner verneigt. Die heutige Gesellschaft sei nicht von aussen bedroht, sondern durch Gleichgültigkeit und Egoismus, sagte die 78-Jährige am Holocaust-Gedenktag.

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Neben den Albanern lobte alt Bundesrätin Elisabeth Kopp auch Schweizer Persönlichkeiten, die sich für die Rettung von Juden einsetzten. (Bild: Keystone)

Neben den Albanern lobte alt Bundesrätin Elisabeth Kopp auch Schweizer Persönlichkeiten, die sich für die Rettung von Juden einsetzten. (Bild: Keystone)

Gegen 200 Vertreter aus Politik, Diplomatie und Gesellschaft gedachten am Dienstag an einer Feier in Luzern der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren. Sie hoben die Verdienste von Muslimen und Christen in Albanien und von Schweizer Einzelpersonen hervor. Diese hatten während des Zweiten Weltkriegs im Alleingang Juden vor dem Tod bewahrt.

In Albanien hätten Christen und Muslime ihr Leben riskiert und gemeinsam Juden im eigenen Land und solche, die Zuflucht suchten, gerettet, sagte alt Bundesrätin Elisabeth Kopp in einer Rede. Die FDP-Politikerin war von 1984 bis 1989 die erste Frau im Bundesrat und als Justizministerin oberste Verantwortliche für das Schweizer Flüchtlingswesen.

Neben den Albanern lobte Kopp auch Schweizer Persönlichkeiten, die sich für die Rettung von Juden einsetzten und dafür Weisungen des Bundesrats missachteten. Zu ihnen zählten etwa der St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger und der in Ungarn tätige Schweizer Diplomat Carl Lutz.

Der Rabbi Chaim Drukman von Chabad Luzern, die US-Botschafterin in der Schweiz Susan G. LeVine und Alt Bundesrätin Elisabeth Kopp (von links) anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktag in der Kornschütte in Luzern. (Bild: Keystone)
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Besucher und Gäste verfolgen die Reden in der Kornschütte in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli)
US Botschafterin Suzan G. LeVine (links) und alt Bundesrätin Elisabeth Kopp im Gespräch. (Bild: Philipp Schmidli)
Die US-Botschafterin in der Schweiz Susan G. LeVine und der amerikanische Fotograf Norman H. Gershman. (Bild: Keystone)
Besucher besichtigen die Fotoausstellung «Besa - ein Ehrenkodex» des Fotografen Norman H. Gershman anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktag in der Kornschütte in Luzern. (Bild: Keystone)
Zeremonie in Auschwitz (Bild: Keystone)
Der französische Präsident Holland legt einen Blumenkranz in Paris nieder. (Bild: Keystone)
Eine serbische Ehrengarde gedenkt der Opfer des Lagers in Sajmiste in Belgrad. (Bild: Keystone)
Überlebende in Auschwitz im polnischen Oswiecim. (Bild: Keystone)
Eine Besucherin schaut im jüdischen Museum in Moskau die Fotos einer Sonderausstellung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz an. (Bild: Keystone)
Ehemalige Gefangene in Auschwitz mit Blumen. (Bild: Keystone)
Vladimir Putin während der Zeremonie im jüdischen Museum in Moskau. Die rote Armee befreite am 27. Januar 1945 7000 Gefangene in Auschwitz. (Bild: Keystone)
Russlands oberster Rabbi Berel Lazar spricht vor Vladimir Putin (unten rechts) bei den Gedenkfeiern in Moskau. (Bild: Keystone)
Holocaust-Überlebende beim Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz im heutigen Polen. (Bild: Keystone)
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin. (Bild: Keystone)
Holocaust-Überlebende, kurz vor der Niederlegung von Blumen an der sogenannten Todesmauer in Auschwitz. (Bild: Keystone)
Auch Regisseur Steven Spielberg (rechts) nahm an den Gedenkfeierlichkeiten statt. Seine Stiftung wurde für ihr Engagement geehrt, das Camp in Auschwitz als Mahnmal zu erhalten. (Bild: Keystone)
Blumenkränze bei der «Z Station» des vorherigen Konzentrationslagers in Sachsenhausen / Oranienburg DE. (Bild: Keystone)
Pavel Kohn, vormaliger Gefangener der Nazis in Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald vor dem Parlament in Thüringen. (Bild: Keystone)
Auf dem Friedhof in Turin. (Bild: Keystone)
Eine Überlebende wischt sich Tränen aus den Augen ausserhalb der Mauern von Auschwitz. (Bild: Keystone)
Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski (links) im Gespräch mit dem vormaligen Gefangenen Dyonizy Lechowicz. (Bild: Keystone)
Angela Merkel applaudiert während einer Rede eines Holocaust-Überlebenden im deutschen Bundestag. (Bild: Keystone)
Paula Lebovics, eine 81-jährige Auschwitz-Überlebende im Gespräch mit einer Presseagentur im Museum für jüdische Geschichte in Warschau. (Bild: Keystone)

Der Rabbi Chaim Drukman von Chabad Luzern, die US-Botschafterin in der Schweiz Susan G. LeVine und Alt Bundesrätin Elisabeth Kopp (von links) anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktag in der Kornschütte in Luzern. (Bild: Keystone)

Gefährlicher als Bedrohung von aussen

Die Menschheit brauche solche Vorbilder, wenn sie nicht an Gleichgültigkeit und Egoismus zu Grunde gehen wolle, sagte Kopp. Jene Eigenschaften seien gefährlicher als Bedrohungen von aussen, weil sie die Gesellschaft von Innen zersetzten und die Solidarität zerstörten. Die Haltung, sich nicht zu exponieren, kein Risiko einzugehen und zuerst an sich selbst zu denken, habe den Holocaust letztlich ermöglicht.

Gleichzeitig verteidigte die ehemalige Bundesrätin die Politik der Schweizer Landesregierung während des Zweiten Weltkriegs. Der Bundesrat hielt damals die Grenzen geschlossen und trieb Handel mit den Achsenmächten. Dem Bundesrat deswegen Vorwürfe machen könne nur jemand, der nie die Last der Verantwortung für ein Volk auf seinen Schultern getragen habe, sagte Kopp.

Die alt Bundesrätin appellierte, sich die Albaner aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs als Vorbild zu nehmen und gemeinsam über Sprach-, Religions- und Staatsgrenzen hinweg Menschen in Not zu helfen. Dies stärke nicht nur den Frieden in der Welt sondern auch den Frieden in den Menschen selber.

Fotograf porträtiert Retter

Der US-Fotograf Norman H. Gershman, der albanische Muslime porträtierte, die Juden vor den Nazi-Schergen gerettet hatten, sagte in Luzern, es sei seine Mission gewesen, die Akte der Menschlichkeit zu dokumentieren. Die Juden in Albanien seien nicht als Flüchtlinge sondern als Gäste gerettet worden. Die Albaner hätten ihre Türen völlig Fremden gegenüber geöffnet.

Gershman reiste zwischen 2003 und 2008 durch Albanien und den heutigen Kosovo, wo er Retter und einige ihrer Nachfahren porträtierte. Seine Bilder und die Geschichten dazu sind in der Wanderausstellung «Besa - ein Ehrenkodex» auch in der Schweiz zu sehen. «Besa» ist ein alter albanischer Ehrenkodex, gemäss dem Gäste zu schützen sind.

Am Gedenkanlass in Luzern nahmen neben Elisabeth Kopp und Norman Gershman auch gegen 20 Botschafter teil. Darunter waren Vertreter Israels, Albaniens, des Kosovo, der EU, der USA, von Grossbritannien und der Schweiz sowie Angehörige jüdischer Organisationen.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus. Er soll an die sechs Millionen Juden erinnern, die den Nazis zum Opfer gefallen sind. Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

sda

Nur noch Haut und Knochen: Rund 7500 Häftlinge liessen die Nazis in den Lagern rund um Auschwitz zurück, die meisten von ihnen Kranke und Entkräftete. Die anderen Inhaftierten wurden von der SS kurz vor der Befreiung in sogenannten Todesmärschen nach Westen getrieben. (Bild: Keystone)
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Eine Gruppe gefangener Kinder in Häftlingskleidung wartet am Tag der Befreiung von Auschwitz darauf, dass der Stacheldraht durchtrennt wird. (Bild: Keystone)
Wenige Tage nach der Befreiung des KZ Auschwitz machen Ermittler grausige Funde, darunter 45'000 Paar Schuhe, über eine Million Kleidungsstücke sowie sieben Tonnen Menschenhaare. (Bild: Keystone)
Häftlinge, festgehalten mit der Kamera am Tag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945. (Bild: Keystone)
Den Befreiern der Roten Armee bietet sich beim Gang durchs Lager ein Bild des Grauens: In Massengräbern stapeln sich verwesende Leichen. (Bild: Keystone)
Sowjetische Soldaten und Häftlinge am Tag der Befreiung von Auschwitz. (Bild: Keystone)
Um ihre Spuren zu verwischen, sprengten die Nazis kurz vor der Befreiung des Lagers das letzte Krematorium in die Luft. (Bild: Keystone)
Ein Lächeln für die Befreier: Zwei Inhaftierte werden von den Sowjets in Sicherheit gebracht. (Bild: Keystone)
Mit dem Zug direkt in den Tod: Der berühmt-berüchtigte Eingang zum Lager Auschwitz-Brikenau, auch "Tor des Todes genannt", aufgenommen im Januar 1945. (Bild: Keystone)
Nach der Befreiung werden die Baracken zu Lazaretten umfunktioniert. Militärärzte versorgen die Kranken noch vor Ort. (Bild: Keystone)
Eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1944 zeigt die Ausmasse des KZ Auschwitz I, dem sogenannten Stammlager. (Bild: Keystone)
"Arbeitsfähige" Frauen nach dem Entlausungsprozess: Wer bei der Ankunft nicht direkt für die Gaskammern selektiert wurde, wurde desinfiziert und rasiert - meist am ganzen Körper. Das Prozedere gehörte zum Registrierungsprozess im Lager. (Bild: Keystone)
Fünf Krematorien und mehrere Verbrennungsgruben dienten in Auschwitz der raschen Beseitigung der vielen Leichen. Die Vorgaben: Die Öfen mussten zwei Leichen pro Stunde verbrennen können und für den Dauerbetrieb geeignet sein. (Bild: Keystone)
Mütter mit Kindern hatten kaum eine Chance bei der Selektion. Sie wurden meist direkt in die Gaskammern gebracht. Vor ihrer Ankunft in Auschwitz waren sie oft tagelang in Vieh- oder Güterwaggons unterwegs. (Bild: Keystone)
Die Toraufschrift "Arbeit macht frei" prangt über dem Eingang zum Stammlager Auschwitz I, hier in einer Aufnahme von 1945. Geschmiedet wurde der Schriftzug vom polnischen Häftling Jan Liwacz, der aus Protest gegen seine Peiniger das "B" verkehrt herum angebracht haben soll. (Bild: Keystone)
Juden aus der Karpatenukraine 1944 werden bei ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau auf der sogenannten "Rampe" selektioniert: Schwache, Alte und Kranke werden von den Arbeitsfähigen getrennt. (Bild: Keystone)
Mit elektrisch geladenem Stacheldraht wurden die Inhaftierten an der Flucht gehindert. Wer dem Zaun berührte, riskierte den sofortigen Tod. (Bild: Keystone)
Ein undatiertes Foto zeigt das Innere einer der Baracken von Auschwitz-Birkenau. (Bild: Keystone)
Deportierte Juden tragen bei ihrer Ankunft in Auschwitz den obligatorischen gelben Judenstern an ihren Mänteln (Aufnahme von 1944). (Bild: Keystone)
1940 wurde Rudolf Höss Kommandant des KZ Auschwitz. Unter ihm wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau errichtet. 1947 wurde Höss in Warschau zum Tode verurteilt und 14 Tage später in KZ Auschwitz erhängt. (Bild: Keystone)

Nur noch Haut und Knochen: Rund 7500 Häftlinge liessen die Nazis in den Lagern rund um Auschwitz zurück, die meisten von ihnen Kranke und Entkräftete. Die anderen Inhaftierten wurden von der SS kurz vor der Befreiung in sogenannten Todesmärschen nach Westen getrieben. (Bild: Keystone)