LUZERN: Beschlagnahmtes Arsenal: Rabiate Brüder wollen ihre Waffen wieder

Zwei Brüder leben abgelegen auf ihrem Hof – und in einer ganz anderen Welt. Als eines Tages der Veterinärdienst auftaucht, drohen sie dem Tierarzt mit der Flinte. Zur Sicherheit zieht die Polizei alle Waffen ein. Doch damit ist die Sache nicht gegessen.

Lena Berger
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Läufe einer Gewehrsammlung (Symbolbild). (Archivbild: Keystone)

Läufe einer Gewehrsammlung (Symbolbild). (Archivbild: Keystone)

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Freiheit und Sicherheit sind zwei Seiten einer Medaille. Es gibt das eine nicht ohne das andere – und doch steht immer entweder das eine oder das andere im Vordergrund. Behörden haben oft mit der Frage zu tun, wie weit sie aus Gründen der Sicherheit in die Freiheit Einzelner eingreifen dürfen. So auch in dieser Geschichte.

Schauplatz ist ein Bauernhof in einem kleinen Nest in Luzern, der von zwei Brüdern bewirtschaftet wird. Sie leben abgelegen, haben wenig Kontakte im Dorf und gelten als verschroben. Eines Tages taucht unangemeldet der Veterinärdienst zu einer Kontrolle auf. Er erwischt die Männer auf dem falschen Fuss. Sie haben grade alle Hände voll zu tun, einen Wasserschaden zu beheben. «Du hast hier nichts zu suchen», schreit einer der beiden und stürmt auf den Fremden zu. «Ich werde die Flinte holen, wenn du nicht abhaust!» Der Tierarzt bekommt es mit der Angst zu tun. Er macht sich schleunigst vom Acker, ohne auch nur einen Blick in den Stall geworfen zu haben.

Behörden sind den beiden grundsätzlich suspekt

Was folgt, ist eine Verurteilung des einen Bruders wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden sowie Verstössen gegen das Tierschutzgesetz. Wegen Letzterem muss auch der andere Bruder eine Busse zahlen. Doch das ist nicht alles. Die Polizei findet auf dem Hof ein ganzes Arsenal nicht gemeldeter Waffen. Zehn Gewehre, eine halb automatische Flinte und ein Bajonett plus Munition werden beschlagnahmt. Den Polizisten schwant nichts Gutes.

Aus den Leumundsberichten geht hervor, dass die Brüder in der Öffentlichkeit selten anzutreffen sind. Zweimal musste die Polizei in der Vergangenheit wegen familiärer Streitigkeiten intervenieren. Die Männer tun das, was ihre Familie schon seit Generationen macht: Sie führen den Hof und kennen nur ihre Arbeit. Auf ein Eindringen in ihren «Trott» reagieren sie abweisend, Behörden sind ihnen suspekt. Werde in ihr Leben eingegriffen, reagiere der eine mürrisch. Der andere aufbrausend und querulierend: Es sei mit passivem Widerstand zu rechnen, und es könne nicht eingeschätzt werden, wie weit er mit seiner Gegenwehr gehen würde. Insgesamt ergibt sich für die Polizei das Bild einer gewaltbereiten und bis zu einem gewissen Grad unberechenbaren Persönlichkeit. Und da die Brüder zusammen leben, könne keinem der beiden ein Waffenerwerbschein ausgestellt werden. Die Waffen sollen verkauft und der Erlös an die Familie ausbezahlt werden.

«Vager Verdacht» reicht nicht aus

Das wollen die Brüder nicht akzeptieren. Sie ziehen den Entscheid ans Kantonsgericht weiter. Dieses beschliesst, dass die Polizei über die Bücher muss. Ein vager Verdacht reiche nicht aus, um einen Waffenentzug zu verfügen. «Es muss zumindest eine überwiegende Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die betreffende Person sich selbst oder Dritte mit der Waffe gefährden wird», heisst es im Urteil. Dies sei bei psychischen Erkrankungen, Suizidabsichten sowie Suchterkrankungen der Fall – oder wenn die Person mehrmals jemanden mit einer Waffe bedroht habe. Die Polizei habe demnach weitere Abklärungen zu treffen, bevor sie auf ihren Entscheid zurückkomme. Bis dahin werden die Waffen nicht herausgegeben.

Es gibt zwei Sichtweisen auf diesen Fall. Man kann sich fragen, was ausser einer Drohung noch passieren muss, damit jemandem die Waffe entzogen werden kann. Oder aber die Frage stellen: Verträgt es in der heutigen Zeit keinen verbalen Ausrutscher mehr, wenn man ein Eigenbrötler ist? Der Fall liegt nun also wieder zur Beurteilung bei der Luzerner Polizei. Konkret dazu äussern darf sie sich nicht, wohl aber das grundsätzliche Prozedere erklären. «Wir stützen den Entscheid, ob eine Waffe zurückgegeben wird, auf Polizeiinformationssysteme, Strafregistereinträge, Gespräche, Leumundsberichte, die Abklärung des familiären Umfelds und in gewissen Fällen auch psychiatrische Gutachten», sagt Josef Rust, Leiter des Fachbereichs Waffen und Sprengstoff.

Pro Jahr werden in bis zu 400 Fällen Waffen beschlagnahmt. «Rund 80 Prozent der Betroffenen bekommen die Waffe nicht mehr zurück», so Rust. «Es kommt vor, dass dagegen Beschwere eingereicht wird und ein Gericht anders entscheidet. Dann sind wir angehalten, die Waffen zurückzugeben, auch wenn wir davon überzeugt sind, dass das nicht gut ist. Aber das sind zum Glück Einzelfälle.»