LUZERN: Blei belastet Gemeindekassen

Giftige Schwer- metalle: Über 100 Luzerner Schiessanlagen müssen saniert werden. Das kommt die Gemeinden teuer zu stehen – vor allem wenn sie jetzt nicht handeln.

Roseline Troxler
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Die Schiessanlage Fahr in Perlen wurde bereits saniert. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die Schiessanlage Fahr in Perlen wurde bereits saniert. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Viel Blei und andere Schwermetalle belasten die Böden im Umkreis von Schiessanlagen in den Luzerner Gemeinden. Je nach Anlage stecken mehrere Tonnen Blei in den Zielhängen (siehe Box). Im Kanton Luzern gibt es 106 Schiessanlagen mit einer Länge von 300 Metern. Zudem gibt es 45 Kurzdistanzanlagen.

Bundesbeiträge gibt es nur bis 2020

Von diesen 106 Luzerner 300-Meter-Schiessanlagen sind erst knapp 20 Prozent altlastenrechtlich saniert, wie Natalie Kamber, Medienbeauftragte bei der Dienststelle Umwelt und Energie, auf Anfrage sagt. 80 Anlagen haben einen Sanierungsbedarf. Rund 50 davon sind noch in Betrieb, 30 bereits stillgelegt. «Zudem gibt es rund 10 Anlagen, welche die Umwelt nicht gefährden und somit nicht altlastenrechtlich saniert werden müssen», erklärt Kamber.

Bei den 64 Kurzdistanzanlagen steht ebenfalls noch die Mehrheit vor einer Sanierung. Bei 35 Anlagen ist gesetzlich eine Sanierung vorgeschrieben. 9 Anlagen wurden bereits von den Altlasten befreit.

20 Anlagen ohne Kugelfangsystem

In den Luzerner Gemeinden wird noch auf rund 90 Anlagen geschossen. Damit keine weiteren Schwermetalle in die Böden der Zielhänge gelangen, hat der Bund nun eine Frist gesetzt: Bis Ende 2020 muss ein Kugelfangsystem eingebaut werden, oder die Anlage wird stillgelegt. Beim System handelt es sich um sogenannte Kugelfangkästen, bei denen die Projektile in eine Art Box fallen. Wer die Frist nicht einhält, kann später bei der Sanierung keine Bundesbeiträge geltend machen. Auch der Kanton beteiligt sich dann nicht. Natalie Kamber sagt dazu: «Wir beurteilen es als realistisch, dass bis in fünf Jahren alle Anlagen ein Kugelfangsystem eingebaut haben. Zurzeit gibt es noch 20 Anlagen, die in Betrieb sind und keinen Kugelfang haben.»

Kaum abzuschätzen sei hingegen, bis wann alle Böden bei Schiessanlagen von den Altlasten befreit sind. Die Sanierung wird durch die Frage der Finanzierung verzögert. «Wir rechnen für die Anlagen, die saniert werden müssen, mit Kosten von insgesamt 20 bis 30 Millionen Franken», sagt Kamber. Der grösste Teil der Kosten wird sich auf die Budgets der Gemeinden niederschlagen. Sie sind für den Betrieb zuständig. Die Altlastensanierung einer 300-Meter-Anlage kostet im Schnitt 20 000 Franken pro Scheibe. Kamber: «Der Bund beteiligt sich mit maximal 8000 Franken pro Scheibe.»

Keine Frist für «Entgiftung»

Die sanierungsbedürftigen Anlagen müssen darüber hinaus dekontaminiert, also «entgiftet», werden. Dies bedeutet, dass die giftigen Schwermetalle aus dem Boden entfernt werden. Eine Dekontamination schreibt das Gesetz – abgesehen von einigen Ausnahmen – vor, wenn auf den Anlagen nicht mehr geschossen wird. Eine Sanierung ist Pflicht, wenn die Anlagen sich in der Landwirtschafts- oder Gartenbauzone, bei Haus- und Familiengärten und bei Anlagen, auf denen Kinder regelmässig spielen, befinden. Eine Frist für die Dekontamination gibt es laut Kamber nicht. Der Kanton hat die Anlagen aber betreffend Sanierung in unterschiedliche Prioritäten eingeteilt. Die Schiessanlagen in einer Grundwasserschutzzone wurden bereits alle dekontaminiert, oder die Sanierung wurde eingeleitet. «Nun müssen auch die Anlagen, welche das Schutzgut Boden belasten, vom Schwermetall befreit werden», erklär Natalie Kamber.

Vereine auf Sponsoren angewiesen

Wird eine Sanierung angegangen, sollen sich die Schützenvereine im Kanton Luzern, welche die Schiessanlagen nutzen, an den Kosten beteiligen. 135 Gewehr- und Pistolenschiessvereine mit insgesamt rund 10 000 Mitgliedern gibt es im Kanton Luzern. Viele Schiessstände werden auch von denjenigen Armeeangehörigen genützt, die jährlich das Obligatorische schiessen müssen.

Christian Zimmermann, Präsident des Luzerner Kantonalschützenvereins, sagt: «Die Beiträge der Schützenvereine sind je nach Gemeinde ganz unterschiedlich. Sie werden individuell ausgehandelt.» Zimmermann macht das Beispiel einer Gemeinde, welche die Anlage jahrelang an andere Schützenvereine vermietet hat: Die Beiträge flossen direkt in die Gemeinderechnung. Dennoch müsse die Sanierung nun praktisch ausschliesslich vom Schützenverein gestemmt werden. Auf der anderen Seite gebe es Gemeinden, die ihrem Schützenverein stark entgegenkommen. «Vereine, bei denen Gemeinden wenig beisteuern, sind auf Sponsoren angewiesen. Um diese zu finden, muss etwa ein Schützenfest organisiert werden.» Als weitere Einnahme versuchen die Vereine, die Anlage möglichst gut auszulasten und mit anderen Gemeinden zusammenzuarbeiten.

Eine Umfrage bei diversen Luzerner Gemeinden zeigt: Wo die Anlagen noch in Betrieb sind, wird noch kaum an die anstehenden Kosten durch eine Dekontamination gedacht.

Noch nicht saniert trotz Priorität

Auf dem Gemeindegebiet von Hitzkirch stehen laut Gemeinderat sechs sanierungsbedürftige Schiessanlagen – wovon vier noch in Betrieb sind. Aus einer Altlastenbeurteilung aus dem Jahr 2011 geht hervor: Ein Teil der Anlagen muss bereits bis 2016 saniert sein. Eine Anfrage bei der Gemeinde zeigt aber: Bis wann die Anlagen von den Altlasten befreit sind, ist noch offen. Gemeindepräsident Serge Karrer sagt: «Aktuell sind wir an internen Vorbereitungen des Geschäfts. Die Kostenfolgen, allfällige Kostenbeteiligungen und die zeitlichen Abläufe sind daher noch nicht bestimmt.»

Ähnlich tönt es aus Reiden, wo sich zwei aktive und vier stillgelegte Anlagen befinden. Gemeinderat Bruno Aecherli sagt: «Der Kanton sieht bei einer Schiessanlage einen akuten Sanierungsbedarf.» Bis wann die Anlage saniert sein wird, ist laut Aecherli aber ungewiss. «Die Sanierung der Anlagen ist ein langwieriges Thema. Wir wissen, dass wir sanieren müssen. Denn wir können das Problem, das wir verursacht haben, nicht den nachfolgenden Generationen weitergeben.» Dennoch räumt Aecherli ein, dass der Gemeinderat selbst bei der Anlage mit einer hohen Priorität der Sanierung ganz am Anfang stehe. «Wir müssen nun die Situation ernsthaft anschauen und die verschiedenen Optionen prüfen.» Wie hoch die Kosten sind, sei abhängig davon, ob ein einfacher Zaun ausreiche, um das Problem zu entschärfen, oder ob das Blei aus dem Boden gesiebt werden müsse. Tritt Letzteres ein, rechnet Aecherli mit einer grossen Belastung für die Gemeindekasse.

«Luxussanierung ist nicht geplant»

In Pfaffnau steht am Waldrand in Dorfnähe eine 300-Meter Schiessanlage, die schon seit mehreren Jahren nicht mehr genutzt wird. Der Kanton hat die Anlage in die Prioritätenstufe vier eingeteilt. Walter Eberhard, seit Herbst 2012 als Gemeinderat zuständig für Umwelt und Sicherheit, will die Sanierung in den nächsten Jahren angehen. «Der Gemeinderat ging 2009 davon aus, dass wir dafür rund zwanzig Jahre Zeit haben.» Wann ein Beitrag für die Sanierung ins Budget aufgenommen werde, sei offen. «Unser Ziel ist es, dass der jetzige Zustand bestmöglich korrigiert wird. Aber eine Luxussanierung ist nicht geplant, weil sich der Kugelfang der Anlage im Wald befindet.» Im Jahr 2009 hat der Gemeinderat schon geprüft, welche Sanierungsmöglichkeiten es gibt. Kostenpunkt: 112 000 bis gut 230 000 Franken.

Beschwerde- verfahren läuft

Auch Urs Niffeler, Gemeindepräsident von Mauensee, kann nicht abschätzen, ob die Sanierung der Schiessanlage bis Ende 2020 abgeschlossen werden kann. Kompliziert sei die Sanierung vor allem, da die Anlage auf dem Gemeindegebiet von Oberkirch steht. «Seitens Schützenverein Mauensee wurde 2014 ein Baugesuch eingegeben. Zurzeit läuft immer noch ein Einspracheverfahren.» Für die Sanierung wurde bereits im Budget 2008 ein Beitrag gesprochen, der damals aber nicht eingelöst wurde. Wird im Rahmen der Sanierung ein Gemeindebeitrag wieder aktuell, muss dieser durch die Gemeindeversammlung erneut gesprochen werden.