LUZERN: Bleiben Jugendliche zu lange im Heim?

Der Kanton schreibt den Kinder- und Jugendheimen vor, wie stark sie ausgelastet sein müssen. Dies schaffe völlig falsche Anreize, sagen Heimleiter. Nun geht der Kanton über die Bücher.

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Kinderheim Hubelmatt (Themenbild) (Bild: Archiv Neue LZ)

Kinderheim Hubelmatt (Themenbild) (Bild: Archiv Neue LZ)

Christian Hodel

Immer weniger Kinder werden in Heimen fremdplatziert. Im Problemfall sollen sie im familiären Umfeld untergebracht werden, lautet das Credo der Behörden. Und kommt es doch zu einer Heimplatzierung, soll der Aufenthalt möglichst kurz sein (Ausgabe vom 16. Januar). Das Problem ist nur: Die Heime sind nicht besonders interessiert daran, ihre Schützlinge nur kurzfristig zu platzieren aus finanziellen Gründen.

Pauschalen von bis zu 685 Franken

Der Kanton entschädigt die von ihm anerkannten Einrichtungen mit Tagespauschalen in Form einer Leistungsvereinbarung, die jedes Jahr neu verhandelt wird. Je nach Angebot zahlt der Kanton den Heimen zwischen 90 und 685 Franken pro Tag und Kind. Dadurch erhöhe sich bei den Heimen der Druck, die Plätze möglichst lange belegt zu halten, sagt etwa Roger Kaufmann, Leiter der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg in der Stadt Luzern.

Denn: Die Berechnungen für die Leistungsvereinbarung beruhen auf Annahmen, wie stark ein Heim ausgelastet und mit welchem Kostenaufwand zu rechnen ist. Ist Ende Jahr die Belegung in einem Heim höher, resultiert ein Gewinn. Von diesem kann die betroffene Einrichtung bis maximal 5 Prozent des Gesamtaufwandes behalten. Der Rest des Gewinns geht an den Kanton zurück. Ist die Belegung tiefer, als in der Leistungsvereinbarung vorgesehen, schreibt das Heim allenfalls ein Minus, für das es selbst aufkommen muss. «Das ist ein falscher Anreiz», sagt Kaufmann. «Denn Ziel unserer Arbeit muss es sein, dass die Kinder und Jugendlichen so bald wie möglich wieder nach Hause können.»

Kanton kürzt Leistungen

Wie stark ein Heim ausgelastet sein muss, variiert. Im Kinderheim Hubelmatt etwa rechnet der Kanton mit einer Belegung von 95 Prozent, wie Heimleiter Andreas Grütter sagt. «Aufgrund der hohen Nachfrage wird diese hohe Belegung in der Regel auch erreicht.» Die Plätze im Hubelmatt seien in den vergangenen Jahren zu zwischen 95 und 100 Prozent ausgelastet gewesen.

Pro Wohnplatz für einen Schüler im Kinderheim Hubelmatt zahlte der Kanton 2014 gemäss Leistungsvereinbarung 305 Franken pro Tag. «Für 2015 bezahlt der Kanton Luzern aufgrund der Kürzungen durch das Sparpaket rund 20 Franken weniger, als unser Aufwand gemäss Budget effektiv ist», sagt Grütter. Will heissen: Die kantonalen Beiträge decken die Kosten nicht.

Andere Kantone zahlen mehr

Eine Defizitgarantie für die Heime, wie im einstigen Heimfinanzierungsgesetz, gibt es im seit 2008 gültigen Gesetz über die sozialen Einrichtungen (SEG) nicht mehr. Grütter: «Das ist betriebswirtschaftlich gesehen auch richtig so. Soziale Institutionen haben so mehr unternehmerische Freiheiten.» Jedoch solle der Kanton zumindest die gebundenen Ausgaben decken. Denn die Behörden sind per Gesetz verpflichtet, Angebote «betreuungsbedürftiger Personen im Kanton Luzern» bereitzustellen. «Wer Leistungen einkauft, welche den qualitativen Vorgaben des Kantons Luzern entsprechen müssen, soll auch die kostendeckende Pauschale dafür zahlen», so Grütter. Dies zumal die Pauschalen, welche anderen Kantonen verrechnet werden, kostendeckend seien. «Das kann den Heimen einen falschen Anreiz vermitteln, möglichst ausserkantonale Kinder aufzunehmen, was nicht im Sinne des Gesetzes ist.»

Was unternimmt der Kanton gegen die falschen Anreize? «Uns ist das Problem bekannt», sagt John Hodel, Leiter Soziale Einrichtungen des Kantons Luzern. Man werde in der zweiten Hälfte dieses Jahres damit beginnen, das Gesetz zu überarbeiten zusammen mit den Gemeinden und Vertretern der sozialen Einrichtungen. Aufgabe der Projektgruppe sei es etwa, aufzuzeigen, wie die finanziellen Fehlanreize für die Heime behoben werden können, sagt Hodel. «Die Ergebnisse sollen in den nächsten zwei Jahren vorliegen.»

«Politik bestimmt Höhe der Gelder»

Doch warum sind die Tagespauschalen, die der Kanton Luzern den Heimen derzeit bezahlt, nicht kostendeckend? «Die Höhe der Gelder bestimmt letztlich die Politik», sagt Hodel. «Und das Gesetz sieht vor, dass dieser Betrag die Kosten deckt.» Letztlich sei es wie in einem privaten Unternehmen: Das Budget einer Firma wird Anfang Jahr bestimmt, die Abteilungen müssen mit diesem Geld auskommen. Will heissen: Können die Einrichtungen mit den Tagespauschalen den Betrieb nicht berappen, müssen sie anderswo Kosten einsparen.

Für Hodel ist klar: Es braucht auch künftig Richtlinien vom Kanton und den Gemeinden. «Es kann nicht sein, dass die Einrichtungen selbst bestimmen, wie viel Geld sie für ihre Leistungen bekommen.» Hodel räumt ein: «Das geltende Gesetz ist seit 2008 in Kraft. Es war von Anfang an klar, dass es nach einer gewissen Anlaufphase Anpassungen braucht.» Diese wolle man nun angehen.