LUZERN: Chinesisch ist hoch im Kurs

Die Migros meldet immer mehr Buchungen von Chinesisch-Kursen. Doch gerade im Tourismus gibt es auch Stolpersteine jenseits der Sprachbarrieren.

Alexander von Däniken
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Luzern wird für Touristen aus China immer beliebter. Das gilt auch für das Interesse Einheimischer an Chinesisch-Kursen. Im Bild: Touristen am Rathausquai in Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Luzern wird für Touristen aus China immer beliebter. Das gilt auch für das Interesse Einheimischer an Chinesisch-Kursen. Im Bild: Touristen am Rathausquai in Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Alexander von Däniken

Die Broschüre des Schweizer Hotellerieverbands ist wie eine Bauanleitung für ein Möbelstück: Beim Lesen erscheint alles einfach, die Umsetzung gestaltet sich dann aber oft kompliziert. In der Aufklärungsschrift «Chinesen zu Gast in der Schweiz» weisen die obersten Hoteliers die lokalen Dienstleister darauf hin, dass die Gäste aus dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Land meistens in Gruppen reisen, aber nicht gerne warten. Sie kaufen am liebsten abends und am Wochenende ein – also oft dann, wenn die Geschäfte in Luzern geschlossen sind. Weiter wird Shopping als gesellschaftliches Erlebnis zelebriert. «Stellen Sie sich darauf ein, eine ganze Gruppe chinesischer Kunden gemeinsam zu bedienen.» Dabei reichen Englischkenntnisse nicht aus: «Wenn Sie mit chinesischen Touristen ins Geschäft kommen wollen, ist chinesischsprachiges Personal unerlässlich.»

Von Lusaien auf den Tielishishan

Wenn möglich, sollten für gebräuchliche Eigennamen chinesische Bezeichnungen gefunden werden. So heisst Luzern «Lusaien» und der Titlis «Tielishishan». Das ist auch nötig: Schweiz Tourismus geht davon aus, dass in den nächsten Jahren immer mehr chinesische Touristen von der Reiselust nach der Schweiz gepackt werden (siehe Box).

Dass der Umgang mit den «anspruchsvollen» Gästen aus China nicht gerade pflegeleicht ist, hat Matthias Bachmann, Verwaltungsratspräsident der gleichnamigen Luzerner Confiserie, gegenüber unserer Zeitung bestätigt. «Es sind schon vor dem Kauf Pralinés aus den Schachteln genommen und degustiert worden», erklärte er über die Filiale am Schwanenplatz (Ausgabe vom 10. August). Für die Hauptmahlzeiten werden die Chinesen öfters in die Agglomeration gekarrt. Das Restaurant Maxim in Ebikon zieht täglich bis zu 600 Touristen aus China an – und verärgert zunehmend die Nachbarn («Zentralschweiz am Sonntag» vom 16. August).

Kurse werden immer wichtiger

Das Zauberwort der Tourismus-Fachleute in solchen Situationen heisst «Interkulturelle Kommunikation». Schulungen, welche die kulturellen Unterschiede aufzeigen und das gegenseitige Verständnis fördern, werden denn auch immer wichtiger, wie Sibylle Gerardi, Leiterin Kommunikation von Luzern Tourismus, erklärte.

Die Gastro- und Hotelleriebranchen bieten denn auch immer aktuelle Kurse an. «Wir empfehlen die Kurse von Luzern Tourismus und die vom Verband Luzern Hotels», erklärt etwa Patric Graber, Präsident von Luzern Hotels und Direktor des Hotels Waldstätterhof. Grabers Fazit zu den chinesischen Gästen fällt wohlwollend aus: «Unsere Chinesen kommen als Einzelreisende zu uns. Wir haben keine Gruppen. Daher haben wir bis jetzt nur positive Erfahrungen gesammelt.» Trotzdem gebe es von allen Nationalitäten unangenehme Gäste, auch aus der Schweiz und aus Deutschland, «die ein Zimmer in grausamem Zustand hinterlassen oder nach dem Frühstück volle Teller liegen lassen».

«Nachfrage zieht wieder an»

Allerdings: Niederschwellige Angebote – zum Beispiel für ungelernte Serviceangestellte – sind dünn gesät. «Vor längerer Zeit haben wir den Kurs ‹Interkulturelle Kommunikation: China› angeboten, die Nachfrage war jedoch zu gering», sagt zum Beispiel Rahel Probst, Mediensprecherin der Migros Luzern. Immerhin: «Es ist geplant, diesen Kurs wieder auszuschreiben.»

Generell stelle die Klubschule Migros bei den Chinesischkursen wieder einen Aufschwung fest, erklärt Probst weiter. «Vermutlich wegen der Olympischen Sommerspiele 2008 in China sowie der Expo 2010 in Schanghai gab es eine erhöhte Nachfrage nach Chinesischkursen. Seit 2011 war die Nachfrage jedoch rückläufig und zieht jetzt seit 2015 wieder an.»

Seit dieser Woche laufen in Luzern und Zug acht Chinesischklassen, weitere acht Klassen sind geplant. Für die Klubschule Migros ist Chinesisch nach wie vor eine wichtige Sprache. Umsatzmässig kommt sie nach Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch sowie Russisch, Portugiesisch und Arabisch an neunter Stelle. «Wir haben auch schon einen Kurs für Mitarbeitende einer Uhrenfirma durchgeführt», sagt Probst. Die Motive der Teilnehmer für die Teilnahme an Chinesischkursen seien Arbeit, Reisen und Studienaufenthalte in China. Auffallend ist das junge Alter der Teilnehmer – nämlich vom Jahrgang 1970 an aufwärts.

Arabische Touristen: Frauen wählen das Ziel aus

Noch immer bilden die Chinesen (ohne Hongkong) die grösste Touristengruppe aus Asien, wie ein Blick in die Statistik von Luzern Tourismus zeigt. 2014 haben allein in der Stadt Luzern knapp 100 000 Chinesen übernachtet, fast 11 Prozent mehr als 2013. Gemäss einer Erhebung von Schweiz Tourismus aus dem Jahr 2011 lassen die Chinesen hierzulande 350 Franken pro Tag liegen. Beliebte Souvenirs bei Chinesen sind Musikdosen, Schreibzeug, Kalender, Ethnoartikel und natürlich Uhren (aber keine Wanduhren, diese bedeuten, dass jemand bald stirbt). Mehr Geld geben nur noch die Japaner (400 Franken) und Touristen aus den Golfstaaten aus (500 Franken).

Für die Tourismus-Industrie mindestens so bedeutend wie Chinesen ist der Zuwachs an Gästen aus den Golfstaaten. Diese machen in absoluten Zahlen derzeit zwar nur etwas mehr als ein Drittel der Chinesen aus (34 720 im Jahr 2014), das sind aber immerhin 53,4 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar 90 Prozent mehr als 2009.

Die kaufkräftige Kundschaft aus den Golf-Staaten Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate ist denn auch seit November 2013 in den Fokus des Hotellerieverbands gerückt. Dann erschien die Broschüre «Gäste aus den Golfstaaten in der Schweiz». Während die Chinesen in zufällig zusammengestellten Reisegruppen die Schweiz bereisen, handelt es sich bei den arabischen Gästen oft um Grossfamilien. «Je nach Rang der Familie kann es sich im Extremfall um eine Gruppengrösse von 60 Personen handeln. Mit dabei sind Kindermädchen, Sekretäre, Köche und Fahrer», steht in der Broschüre.Der Vergleich mit einer Bauanleitung für Möbel (siehe Haupttext) trifft auch auf die «arabische» Broschüre zu. Zwar können die meisten arabischen Gäste Englisch, sie bedienen sich aber «einer gestenreichen Sprache und sind generell laut». Falls ein Kind in der Hotellobby oder im Café zu laut werde, sollte das nicht dem Kind mitgeteilt werden, sondern dem Vater oder einem älteren Familienmitglied. Und zwar, indem «in indirekten Bemerkungen über die geltende Hausordnung und das Verhalten der Kinder» hingewiesen wird.

Hohe Flexibilität ist auch gefragt, wenn es Programmänderungen gibt. Pläne können sich «spontan ändern», ein «Nein» als Antwort auf einen Wunsch gilt als unhöflich. Und auch wenn arabische Frauen eine wesentliche Rolle bei der Wahl des Ferienziels spielen, sollten Schweizer Männer direkten Augenkontakt vermeiden.