LUZERN: CSS verliert im Ausland viel Geld

Der grösste Schweizer Grundversicherer startete 2006 die Expansion nach Deutschland. Diese erweist sich nun als Debakel. Der Verlust soll sich auf 200 Millionen Franken belaufen.

Ernst Meier
Drucken
Teilen
Das Geschäft mit Zusatzversicherung in der Zahnarztsparte im Ausland hat dem Innerschweizer Krankenversicherer CSS bislang nur Schmerzen bereitet. (Bild: Archiv Neue LZ)

Das Geschäft mit Zusatzversicherung in der Zahnarztsparte im Ausland hat dem Innerschweizer Krankenversicherer CSS bislang nur Schmerzen bereitet. (Bild: Archiv Neue LZ)

Dicke Luft und rote Köpfe seit einigen Wochen in der Chefetage am Hauptsitz der CSS-Versicherung im Luzerner Tribschenquartier: Die Auslandexpansion des Krankenversicherers verlief schon seit Jahren nicht wie geplant – und jetzt dringt das Ausmass des Debakels an die Öffentlichkeit. Wie aus dem Umfeld der Krankenkasse zu entnehmen ist, soll die CSS-Tochterfirma mit Sitz in Vaduz 200 Millionen Franken Verlust angehäuft haben. Auf Anfrage bestätigt die CSS in Luzern diese Summe nicht, gibt aber zu, dass man bei der Tochterfirma mit Problemen kämpft, welche grössere Verluste zur Folge haben. «Entsprechende Restrukturierungen und Sparmassnahmen haben wir im letzten Jahr eingeleitet, und diese laufen erfolgreich an», sagt Ute Dehn, CSS-Mediensprecherin. Dabei kam es auch zu einem Stellenabbau; statt 60 Personen beschäftigt die CSS Versicherung AG in Vaduz heute noch 30 Mitarbeiter. Der ursprüngliche CEO und sein engstes Kader wurden ausgewechselt.

Hintergrund der Massnahmen: Im Jahr 2006 startete die CSS mit der Gründung einer Tochtergesellschaft in Vaduz die Expansion nach Deutschland. Das Geschäftsmodell sah vor, deutschen Kunden Zusatzversicherungen zu verkaufen. Besonders interessant: Die Policen deckten die Kosten von Zahnarztbehandlungen grosszügig ab. Ein Erfolg auf dem deutschen Markt. Innert weniger Jahre gewann die CSS viele Kunden hinzu: Ende 2010 waren es rund 168 000 Personen. Nur vier Jahre nach dem Start gehörte man bereits zu den zwanzig grössten Krankenzusatzversicherern Deutschlands.

Falsch kalkuliert

Wie sich heute zeigt, verrechnete sich die CSS bei ihrer Auslandexpansion aufs Gröbste: Zu tief waren die angesetzten Prämien, und als zu hoch entpuppten sich im Laufe der Zeit die zu zahlenden Leistungen an die Versicherungsnehmer. Laut Medienberichten sollen deutsche Zahnärzte ihren Kunden den Abschluss der günstigen CSS-Zusatzversicherung empfohlen haben, um kurz darauf teure Zahnbehandlungen durchführen zu können. Schon wenige Jahre nach dem Start soll man bei der CSS erkannt haben, dass die Kalkulation in Deutschland nicht aufgehen kann – zumal auch die Kosten für Marketing und Vertrieb die Grenzen der Rentabilität gesprengt hätten. Die Zeitung «Schweiz am Sonntag» zitiert aus internen Geschäftsberichten zum Jahr 2009: «Das starke Wachstum in den Zahnprodukten, verbunden mit der Konsumneigung unserer Kunden im Berichtsjahr, führte zu einem Anstieg der Leistungsquote.» Trotzdem blieben entsprechende Ge­gen­massnahmen aus, wie die Geschäftszahlen zeigen. 2008 schrieb die CSS Vaduz ein Minus von 13,4 Millionen Franken. Ein Jahr später waren es 35,9 Millionen, 2010 lag der Verlust bei 32,4 Millionen, und 2011 beliefen sich die roten Zahlen auf 31 Millionen Franken. Erst 2012 gelang es, das Minus auf 22 Millionen Franken zu senken, indem man die Prämien deutlich erhöhte. Die Löcher in Vaduz stopfte die CSS mit Geldern aus der Schweiz.

Für Aussenstehende blieben die Aktivitäten des Versicherers im Ausland nicht einsehbar. Im CSS-Geschäfts­bericht werden die Aufwendungen und Erträge von Tochtergesellschaften in der Konzernrechnung nach Sparten konsolidiert aufgelistet. Der Einzel­abschluss der CSS Vaduz wurde nicht ausgewiesen.

Prämienanstieg befürchtet

Befürchtet wird nun, dass die Versicherten in der Schweiz für das Verlustloch aus Vaduz büssen müssen, indem ihre Prämien höher ausfallen. Bei der CSS gibt man dazu Entwarnung. «Die Prämienkalkulation für die hiesigen Zusatzversicherungen und das Grundversicherungsgeschäft sind davon nicht betroffen», sagt Ute Dehn. Weiter betont sie, dass die strategische Neuausrichtung für das Deutschlandgeschäft im Gang sei. «Wir prüfen auch Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Unternehmen.» Ein Verkauf der Vaduzer Tochtergesellschaft sei derzeit kein Thema, versichert die CSS-Sprecherin. Laut dem «Tages-Anzeiger» könnte es aber doch zu einem Verkauf des defizitären Auslandgeschäftes kommen. Die Zeitung will wissen, dass der Vaduz-Ableger «mit einer Mitgift von 50 Millionen Franken» abgestossen werden könnte.

Ob das Millionendebakel auch personelle Konsequenzen in der Schweiz zur Folge hat, wird sich zeigen. Offen ist, wer zu welchem Zeitpunkt von den Verlusten wusste. Laut dem «Tages-Anzeiger» sollen sowohl der Mitgliederrat als auch der Verwaltungsrat der CSS Ende 2010 über die Probleme informiert worden sein. Im CSS-Verwaltungsrat sitzt unter anderem der Luzerner Ständerat Konrad Graber. Er war gestern für unsere Zeitung nicht erreichbar.