LUZERN: Darum lässt die Uni einem «fremden» Rektor den Vortritt

Der neue Rektor kommt von der Uni Zürich. Luzerner Professoren haben sich nicht beworben. Ein Grund: Viele sind zu jung.

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Blick in die Räume der kleinsten Uni der Schweiz: Ab 1. August 2016 wird die Uni Luzern von einem Rektor geführt, der an der grössten Universität lehrte. (Archivbild Manuela Jans)

Blick in die Räume der kleinsten Uni der Schweiz: Ab 1. August 2016 wird die Uni Luzern von einem Rektor geführt, der an der grössten Universität lehrte. (Archivbild Manuela Jans)

Der 58-jährige Bruno Staffelbach (Bild) wird neuer Rektor der Uni Luzern. Er tritt damit per 1. August 2016 die Nachfolge von Paul Richli an (Ausgabe vom 30. Oktober). Der gebürtige Stadtluzerner Staffelbach hat seit 1992 an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich einen Lehrstuhl in Human Resources Management inne. Über weitere Bewerber um den Chefposten an der Uni Luzern wird keine Auskunft erteilt, abgesehen von einer Information. Und die erstaunt: Es ging keine einzige Bewerbung von Professoren der Uni Luzern ein. Das wirft Fragen auf: Hat kein Professor der Uni Luzern Ambitionen auf ein höheres Amt, einen Karrieresprung? Haben die Luzerner Professoren nicht das Rüstzeug zum Rektor?

Krönung der Karriere

«Die Erklärung ist einfach», sagt auf Anfrage Roland Norer, Professor für öffentliches Recht und Recht des ländlichen Raums an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Norer ist Präsident der Findungskommission und hat massgeblichen Anteil an der Kandidatensuche. «Das Amt des Rektors übt eine Professorin oder ein Professor in der Regel zum Ende der Karriere aus, sozusagen als Krönung der Professur.»

Anders gesagt: Unter 50 Jahren kommt dieser Schritt für die meisten Professoren kaum in Frage, denn, so Norer: «Bis man die Habilitation hat, dauert es, da ist die Professur auf 20 bis vielleicht 25 Jahre begrenzt. Da will man seine Arbeit, sei das in der Forschung oder in der Lehre, vorantreiben und sich nicht für vier oder acht Jahre rausnehmen.» Schliesslich fülle der Rektorposten ein 75-Prozent-Pensum. Da bleibt für die Professur nicht mehr viel Zeit. Die meist jungen Professorinnen und Professoren der jungen Uni Luzern sind also noch gar nicht so erpicht auf das Amt des Rektors. «So gesehen ist unser Vorteil auch unser Fluch.» Denn auch der Schritt zurück in eine Fakultät könne nach dem exponierten Amt des Rektors schwierig sein. «Man ist vorbelastet, der Rektorposten ist auch ein politisches Amt.»

Anschluss kaum mehr möglich

Dasselbe, noch etwas pointierter, sagt auch Matthias Geering, Leiter Kommunikation und Marketing an der Uni Basel: «Kein Professor will mit 45 Jahren Rektor werden, denn das bedeutet oft das Ende der Forschungstätigkeit.» Gerade etwa in naturwissenschaftlichen Fächern finde man den Anschluss nach mehreren Jahren Abwesenheit nicht mehr.

Ausserdem ist das Amt des Rektors nicht jedermanns Sache: Man ist in der Öffentlichkeit stark exponiert, hat deutlich mehr Arbeit. Und der Lohnanstieg ist auch nicht derart attraktiv. Konkret: Professoren verdienen an der Uni Luzern gemäss Besoldungstabelle zwischen 130 000 und 208 000 Franken. Für das Rektorenamt kommen nur noch 25 000 Franken pro Jahr hinzu. Kein Wunder, überlegen sich Herr und Frau Professor eine Bewerbung sehr gut. Insbesondere an der eigenen Universität. Die Angst, bei einer Wahl zu unterliegen und danach gebrandmarkt zu sein, sei gross, sagt ein Insider. Deshalb würden Professoren sich oft nur dann bewerben, wenn sie sich praktisch sicher seien, dass sie allein zur Wahl vorgeschlagen würden und sich nicht einer Kampfwahl stellen müssten. Denn eine verlorene Wahl könne sowohl den Ruf als auch die spätere Tätigkeit an der Uni belasten.

Kampfwahl höchst unbeliebt

Eine Kampfwahl gabs an der Uni Zürich 2013. Dort setzte sich mit Michael Hengartner der Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät gegen die Wirtschaftswissenschaftlerin Andrea Schenker-Wicki durch. Hengartner ist seit August 2014 nun Rektor der Uni Zürich. Schenker blieb vorerst in Zürich, nahm dann aber die Gelegenheit wahr, als diese sich in Basel bot. Sie wurde im vergangenen Mai ohne Kampfwahl zur Rektorin der Uni Basel gewählt und ist seit August im Amt.

Sind «fremde» Rektoren an Unis also nichts Ungewöhnliches, oder haben sie sogar eine gewisse Logik? Die Realität zeigt ein anderes Bild: Wenn man sich an den kantonalen Universitäten der Schweiz umschaut, sind Luzern und Basel diesbezüglich die Ausnahme. An allen anderen Unis stammen die Rektoren aus dem eigenen Lehrkörper. Dass gerade die Uni Zürich gleich drei Rektoren stellt, ist hingegen wenig verwunderlich. Mit rund 500 Professoren und 26 000 Studenten ist sie die mit Abstand grösste der Schweiz. Im Vergleich: Die Uni Luzern als kleinste zählt rund 2770 Studenten und 68 Professoren.

Staffelbach war bereits im Uni-Rat

Roland Norer sieht es nicht als Nachteil, dass in Luzern ein «Externer» ins Amt gewählt wurde. «Jemand von aussen bringt auch neues Licht, eine andere Sicht ein.» Norer lässt keine Zweifel an seiner Ansicht, dass man eine gute Wahl getroffen hat. Natürlich ­spielte auch die Eignung für das spezifische Amt eine wichtige Rolle: «Wichtig war auch die Vernetzung in Luzern.» Dies sei mit Bruno Staffelbach gegeben. So war der gebürtige Stadtluzerner bereits Mitglied des Universitätsrats der Uni Luzern (2000 bis 2012). Spielte bei der Suche auch der ökonomische Hintergrund eine Rolle? Immerhin ist Staffelbach Professor für Betriebswirtschaftslehre. «Das war nicht massgebend», sagt Norer. «Aber natürlich ist es gut, wenn der Rektor ein Fach vertritt, das es an unserer Uni gibt.»

Dennoch: So klein die Uni Luzern auch ist und so plausibel die Begründung von Norer auch klingt – hier lehren nicht nur junge Professoren. Und unter den erfahrenen gibts auch einige, die das Rüstzeug für das Amt des Rektors mitbringen würden. Anfragen unserer Zeitung bei potenziellen Kandidaten wurden aber abgelehnt. Vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, wie heikel die Wahl des Rektors ist.

Guy Studer

Bruno Staffelbach (Bild PD)

Bruno Staffelbach (Bild PD)