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LUZERN: Das Doppelleben junger Tamilen

Aggressiv und betrunken: Tamilische Jugendliche sind in den letzten Monaten vermehrt negativ aufgefallen. Für Experten kommt das nicht überraschend – sie nennen verschiedene Gründe.
Lena Berger
Madeleine Meier, Gewaltprävention Lîp: «Für manche tamilische Jugendliche ist der Alkohol ein Ventil.» (Bild: pd / Franco Mantovani)

Madeleine Meier, Gewaltprävention Lîp: «Für manche tamilische Jugendliche ist der Alkohol ein Ventil.» (Bild: pd / Franco Mantovani)

Jugendliche, die sich an den Wochenenden in der Stadt Luzern öffentlich betrinken – das ist für viele Stadtbewohner längst kein ungewohntes Bild mehr. Ein neues Phänomen ist allerdings, dass sich auch junge Tamilen auf Spiel- oder Schulhausplätzen treffen, um sich teils masslos zu betrinken. «Es ist in den letzten Monaten aufgefallen, dass jugendliche Tamilengruppen vermehrt stark alkoholisiert durch die Stadt ziehen und provozieren. Gegenüber der Polizei sind sie teils aggressiv und uneinsichtig», bestätigt Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

Verbale Angriffe auf die SIP

Der städtischen Integrationsbeauftragten Sibylle Stolz ist das Problem bekannt. «Die SIP hat gemeldet, dass sie besonders beim Vögeligärtli immer wieder Schwierigkeiten mit tamilischen Jugendlichen hatte – es ist zu mehreren verbalen Angriffen gekommen.» An einem runden Tisch mit tamilischen Schlüsselpersonen wurde dies im Juni thematisiert. «Seither ist es zu keinen weiteren Eskalationen gekommen», sagt Stolz. Die tamilischen Kontakte hätten auf die Jugendlichen eingewirkt.

Das zugrunde liegende Problem sei damit aber nicht gelöst. Das Verhalten der Jugendlichen sei ein Symptom für Integrationsschwierigkeiten. «Einerseits ist es normal, dass auch tamilische Jugendliche ihre Grenzen austesten – wie Schweizer Jugendliche auch.» Der Unterschied sei jedoch, dass junge Tamilen stark unter Druck stehen. «Den Eltern ist es ein grosses Anliegen, dass ihre Kinder in der Schule gute Leistungen bringen und auf keinen Fall negativ auffallen. Gleichzeitig geraten die familiären Hierarchien durcheinander, wenn die Eltern der deutschen Sprache nicht gut mächtig sind – und so von ihren Kindern abhängig werden. Das ist ein Konfliktherd.»

Fehlende Orientierung

Die tamilische Bevölkerung sei stark heimatorientiert. Die eigene Kultur soll beibehalten werden. «Die Jugendlichen leben dadurch in zwei Welten – in der tamilischen und der schweizerischen», stellt Stolz fest. Die Eltern würden zudem nicht immer ein gutes Vorbild bieten. In der ersten Generation seien Alkoholprobleme keine Einzelfälle. Das habe mit Erwartungsdruck, Kriegserfahrungen und auch der belastenden Arbeitssituation zu tun. «Es wird zwar bereits viel für die Integration der tamilischen Bevölkerung gemacht, insbesondere auch durch die tamilische Bevölkerung selbst. Ein spezifisches Projekt, das auf den Umgang mit Alkohol abzielt, wäre aber sicher sinnvoll. Die Frage ist, wie man dies angehen kann, ohne dass dies als stigmatisierend wahrgenommen wird», sagt Stolz.

Die Koordinationsstelle für Gewaltprävention des Kantons (LîP) ist an den runden Tischen des Netzwerks Jugend und Gewalt ebenfalls involviert. Die stellvertretende Leiterin Madeleine Meier sagt: «Ich stelle fest, dass tamilische Jugendliche daheim oft wenig Handlungsspielraum haben. Häufig sind jugendliche Liebesbeziehungen tabu, und sie dürfen kaum in den Ausgang, auch wenn sie schon fast volljährig sind.» Die Eltern hätten Angst, dass ihre Kinder verdorben werden könnten und schotten sie deshalb ab. «Entsprechend übertreiben die Jugendlichen es dann, wenn sie doch die Gelegenheit dazu bekommen auszubrechen», vermutet Meier. «Manche tamilische Jugendliche führen sozusagen ein Doppelleben. Der Alkohol ist für sie ein Ventil. Entsprechend wäre bei einer besseren Integration der Eltern anzusetzen, um bei den Jugendlichen Druck wegzunehmen und den Eskapaden entgegenzuwirken.»

Normen gerieten ins Wanken

Der Fachstelle Akzent Prävention und Suchttherapie ist das Thema Alkoholsucht in der tamilischen Bevölkerung schon länger bekannt. «Meines Wissens gibt es dazu keine exakten Zahlen. Aufgrund der Beobachtung von verschiedenen Fachstellen gehen wir aber davon aus, dass bei der tamilischen Bevölkerung die Belastung mit Alkoholproblemen hoch ist», sagt Sprecherin Rebekka Röllin. Aufgrund ihrer Lebenssituation sei diese Bevölkerungsgruppe hohen Belastungen ausgesetzt. «Durch die Migration sind sie aus den sozialen Netzen ihrer Herkunftsfamilie herausgerissen und in der Schweiz oft schlecht integriert. Normen, die zu Hause gegolten haben, kommen hier ins Wanken. Ausserdem sind sie oft hohen Arbeitsbelastungen im Niedriglohnbereich ausgesetzt. All dies erhöht das Risiko, Alkoholprobleme zu entwickeln.»

Kinder aus suchtbelasteten Familien haben generell ein erhöhtes Risiko, selbst Suchtprobleme zu entwickeln. «Wir arbeiten deshalb derzeit an einem Projekt, das sich speziell an suchtbelastete Familien wendet», erklärt Röllin. Dieses werde auch der tamilischen Bevölkerung offen stehen. Akzent biete zudem Elternveranstaltungen zum Thema «Ausgang, Party, Alkohol» an. «Diese passen wir an die Bedürfnisse verschiedener Ethnien an», erklärt Röllin.

«Grenzen zu testen ist normal»

Sujevan Thiyagarajah ist Leiter der Jugendgruppe beim Luzerner Verein Tamilmandram. Er findet es normal, dass auch tamilische Jugendliche ihre Grenzen austesten. «Ich werte es als Zeichen für eine fortschreitende Integration, wenn auch sie hin und wieder mit Kollegen etwas trinken gehen.» Natürlich gebe es solche, die es übertreiben würden.

Dass tamilische Eltern ihren Kindern wenig Freiheiten bieten würden, erlebe er selten. «Ihnen ist wichtig, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung machen. Aber sonst sind die meisten nicht strenger als andere Eltern auch.» Richtig sei, dass die Mädchen mehr behütet würden. In seiner Generation stelle er eine Spaltung zwischen den Werten ihrer Eltern und den Werten der hiesigen Gesellschaft fest. «Ich bin aber überzeugt, dass es unsere Kinder einfacher haben werden – weil ihre Eltern bessere Berufschancen hatten und selber auch mit Schweizer Werten aufgewachsen sind.»

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