Das grosse Aufräumen im Kanton Luzern nach dem Unwetter

Rund 250 Schadensmeldungen, Millionenschaden, viel Schlamm und Treibgut: Das Unwetter über dem Kanton Luzern vom Montag hat Spuren hinterlassen. Jetzt ist Aufräumen angesagt.

Alexander von Däniken
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Josef Bircher aus Nottwil hat beim Hochwasser an die 20 Ferkel verloren. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Josef Bircher aus Nottwil hat beim Hochwasser an die 20 Ferkel verloren. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Hochwasserschäden im Lutherer Dorfteil Willmisbach. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
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Hochwasserschäden im Lutherer Dorfteil Willmisbach. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Hans Nyffenegger bei Aufräumarbeiten vor der Nachbarsscheune im Lutherer Dorfteil Willmisbach. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Familie Birrer befreit ihr Ackerland von angeschwemmtem Holz der Seewag. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Josef Bircher in Nottwil hat durch das Hochwasser rund 20 Ferkel verloren. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Landwirtfamile Bircher wurde vom Hochwasser schwer getroffen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Famile Bircher wurde vom Hochwasser schwer getroffen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Vom Mannebach angeschwemmtes Material wird weggeräumt. 
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser in Schüpfheim. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser in Schüpfheim. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Josephine Müller aus Schüpfheim vor dem Spielplatz während der Aufräumarbeiten. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser in Schüpfheim. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Beim Mannebach in Schüpfheim hat das Hochwasser viel Schlamm zurückgelassen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Beim Bahnhof Nottwil ist ein Bach über die Ufer getreten... (Bild: Leserreporter Michael Müller)
... und hat die Geleise überspült. (Bild: Leser Michael Müller)
Der Eglibach tritt in der Rohrmatt bei Willisau über die Ufer. (Bild: Leser Alois Gassmann)
Sempach: Aufräumen nach dem Unwetter. Was noch bleibt, sind die Beweis-Fotos für die Versicherungen. (Bild: Keystone)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Schüpfheim (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Luthern: der gleichnamige Bach sucht sich einen eigenen Weg. (Bild: Leserreporter)
Die Luthern ist in Zell über die Ufer getreten. (Bild: Leser Franz Wüest)
7cm Wasser im Heim Violino in Zell (Bild: Leser Franz Wüest)
Randvoll: Sarner Aa in Sarnen (Bild: Keystone)
Aufräumen nach dem Unwetter: Die Melchaa ob Kriens brachte viel Geschiebe. (Bild: Keystone)
Schüpfheim (Bild: Keystone)
Schüpfheim (Bild: Keystone)
Schüpfheim (Bild: Keystone)
Schüpfheim (Bild: Keystone)
Menznau (Bild: Kilian Scheiber)
Schüpfheim (Bild: Luzerner Polizei)
Schüpfheim (Bild: Luzerner Polizei)
Schüpfheim (Bild: Luzerner Polizei)
Schüpfheim (Bild: Luzerner Polizei)
Schüpfheim (Bild: Luzerner Polizei)
Ein Surfer beim Perlen Reusswehr. Links donnern Baumstämme gegen den Brückenpfeiler (Bild: Leserreporter)
Wasser kann auch mein Spielkamerad sein..... fotografiert bei Hellbühl. (Bild: Heidi Köpfli)
Hochgehende Luthern in Nebikon. (Bild: Leserreporter)
Neuer Damm in Buttisholz hält Wasser zurück. (Bild: Leserreporter)
Im Oberberg in Schüpfheim können die Matten das Wasser nicht mehr aufnehmen. (Bild: Leserin Bernadette Fallegger)

Hochwasserschäden im Lutherer Dorfteil Willmisbach. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Heftige Niederschläge haben am Montagabend in der Zentralschweiz zahlreiche Bäche über die Ufer treten lassen und zu kleinen Erdrutschen geführt. Am meisten betroffen war der Kanton Luzern. Weitere Überschwemmungen gab es im Kanton Obwalden (siehe Bericht im Regionalteil). Bei der Luzerner Gebäudeversicherung sind bis gestern Abend gegen 250 Schadensmeldungen eingetroffen, wie Direktor Dölf Käppeli auf Anfrage erklärte. Dutzende Keller und Gebäude standen unter Wasser.

Schadenssumme: über 1 Million

Die Gebäudeschäden dürften über eine Million Franken betragen. Die meisten Schäden werden von der Gebäudeversicherung oder Hausratsversicherungen übernommen. Die Polizei hat keine Meldungen über verletzte Personen erhalten. Betroffen waren vor allem das hintere Entlebuch mit der Gemeinde Schüpfheim, das Luzerner Hinterland mit Luthern und das südliche Sempachersee-Gebiet mit Nottwil. Die Aufräumarbeiten waren gestern in vollem Gang, wie ein Augenschein vor Ort zeigte. Allerorts spürbar ist eine grosse Solidarität. Zahlreiche Helfer aus dem Dorf, aber auch Verwandte und Bekannte greifen den Geschädigten beim Aufräumen unter die Arme.

22 Feuerwehren im Einsatz

Seit dem Montagnachmittag standen insgesamt 22 örtliche Feuerwehren mit rund 700 Personen im Einsatz, wie die Luzerner Polizei gestern Abend mitteilte. Die Einsatzkräfte haben ihre Arbeit an der kantonalen Notfallplanung ausgerichtet. Diese wurde Anfang 2014 fertiggestellt und enthält wichtige Angaben und Vorgehensweisen zur Bewältigung von Hochwasserereignissen. Gestern Abend waren noch fünf Feuerwehrorganisationen für Räumungsarbeiten im Einsatz.

Die Wetterlage in Luzern hat sich gestern verbessert. Für den Abend wurden nur kleinere Gewitter erwartet. Aber: «Heikel könnte die Situation nochmals ab Mittwochmittag werden», erklärte Daniel Arnold von der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur. Ab heute müsse mit weiteren Niederschlägen gerechnet werden, nicht aber in der Intensität wie am Montag.

Die Reportage aus dem Unwettergebiet

Nottwil

Im Ortsteil Eggerswil staute sich ein nahe gelegener Bach bei einer Röhre, die unter der Hauptstrasse durchführt, und suchte sich den Weg über die Strasse – direkt zum Bauernhof der Familie Bircher. «Wasser und Schlamm kamen urplötzlich», sagt Josef Bircher (48). «Ich dachte nur, ich muss die Tiere retten.» Rund 150 Schweine blieben am Leben, etwa 20 junge Schweine fielen der rund 60 Zentimeter hohen Schlammlawine zum Opfer. Diese bahnte sich weiter den Weg über ein Feld Richtung Sempachersee. Nach zwei Stunden war der Spuk vorbei.

Birchers Frau Priska zeigt den ruinierten Keller: «Alle Kühlgeräte stiegen aus, selbst Gummistiefel mussten wir kaufen.» Besonders bitter: Birchers haben fast alle Produkte verloren, die sie im eigenen Hofladen verkaufen wollten. Immerhin: Die Solidarität ist gross. Selbst Autofahrer haben während des Unwetters angehalten, um zu helfen, wie Priska Bircher erzählt. Auch gestern packten neben der örtlichen Feuerwehr auch Bekannte an. Nun hofft die vom Unwetter gezeichnete Familie, dass sich dieses schreckliche Ereignis nicht wiederholt.

Schüpfheim

Das Dorf im Entlebuch hat es am schwersten getroffen. Allein im Schächli-Quartier wurden 20 Keller und 3 Tiefgaragen überflutet. Das Wasser hat die örtliche Feuerwehr noch in der Nacht auf gestern abpumpen können, wie Feuerwehrkommandant Patrik Hodel vor Ort erklärt. Mehr zu schaffen machen den mittlerweile 20 Feuerwehrleuten, 25 Zivilschützern und unzähligen Helfern nun der Schlamm und das Treibgut, das Rohrbach und Mannebach tonnenweise ins Quartier getragen haben. Viele Gärten sehen aus wie Schlammgruben.

Ruedi Müller (36) ist Eigentümer eines Mehrfamilienhauses. Er hält mit den Aufräumarbeiten inne und sagt: «Es war wie eine braune Flut, die mit unglaublicher Wucht kam – und nach etwa 20 Minuten schon wieder vorbei war.» Der Garten ist ein Schlammfeld. Auf ihm sind zerfetztes Spielzeug und verschlammte Kühltruhen aus den Kellern gestapelt. Ein erst ein Jahr alter Brunnen ist aus der Verankerung gerissen. Seit 6 Uhr morgens standen Müller und 25 Helfer gestern fast ununterbrochen im Einsatz. «So etwas haben wir noch nie erlebt», so Müller.

Luthern

Das Gebiet Willmisbach im Hinterländer Dorf Luthern ist zwar schwach besiedelt. Trotzdem hat das Unwetter hier eine grosse Spur der Verwüstung hinterlassen. Das Ufer entlang des Willmisbachs ist gesäumt von umgestürzten Bäumen und mannshohem Treibgut. Der Uferweg ist an mehreren Stellen unterbrochen, sogar Asphaltteile wurden weggespült. Einige hundert Meter flussaufwärts liegt ein Bauernhof – vom einzigen Verkehrsweg völlig abgeschnitten. Dort wohnt Hans Nyffenegger (65)  zur Miete. Er zeigt auf die noch immer wütenden braunen Massen, rund 20 Meter vom Hof entfernt: «Hier müsste eine Bachbiegung sein. Doch mitgeschwemmtes Holz hat sich gestaut, und auf einen Ruck kam alles Richtung Hof.»

Ein Teil der Scheune ist voller Schlamm und Treibgut. Die Tiere kamen mit dem Schrecken davon. Unentwegt schaufelt Nyffenegger den Schlamm weg.

Ihm helfen zwei junge Männer der örtlichen Feuerwehr. Auch sonst sei die Solidarität aus dem Dorf riesig. «Viele Bauern sagten mir, dass sie so ein Unwetter noch nie erlebt haben», sagt Hans Nyffenegger.

Menznau

Von den vier am meisten betroffenen Orten sind in Menznau die Aufräumarbeiten am weitesten fortgeschritten. Und das, obwohl am Montagabend mehrere Bäche über die Ufer getreten sind. Über 30 Schadensmeldungen gingen ein.

Da und dort sind gestern im Dorf noch Feuerwehrleute zu sehen, die Wasser aus den Kellern pumpen. Auf einer Wiese in der Nähe der Kronospan ist eine Familie mit Harken und Schaufeln unterwegs. Es ist die Bauernfamilie Birrer. Vater Adrian (37) erzählt, wie der nahe liegende Bach Seewag über die Ufer getreten ist, übt sich dabei aber in Gelassenheit: «Es war zwar schlimm. Aber kein Vergleich zu den Hochwassern 2005 und 2007, als auch unser Wohnhaus betroffen war.» Seit 9 Uhr morgens sei er mit Frau Regina (34) und den Kindern Corinne (9), Jonas (7), Franziska (4), Daniel und Dominik (je 2½) auf der Wiese unterwegs. Gemeinsam sammeln sie Treibholz ein. Auch der eine oder andere Hygieneartikel ist darunter. In Adrian Birrers Gesicht macht sich nun doch Ärger breit. Die Kinder helfen derweil kräftig mit, grössere Hölzer auf die Schubkarre zu hieven.