LUZERN: Das Phantom namens Vittorio F.

Er gibt sich als italienischer Schneider aus. Handstreichartig versucht dieser Mann im Raum Luzern auf der Strasse Anzüge zu verklickern. Das Ganze riecht nach Betrug.

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Ein Mann verkauft in Luzern edle Anzüge. (Symbolbild AP)

Ein Mann verkauft in Luzern edle Anzüge. (Symbolbild AP)

Thomas Heer

Es war zirka 17.50 Uhr, als Kevin Züsli* am vergangenen Mittwoch sein Auto in einem Stadtluzerner Aussenquartier parkierte. Seine Gedanken kreisten um das bevorstehende Training. Nach einem anstrengenden Arbeitstag freute er sich darauf, die Lungen mit einigen Jogging-Kilometern auszulüften. Kaum war der 42-Jährige seiner Limousine entstiegen, wurde er auch schon freundlich begrüsst. Und zwar von einem unbekannten Typen auf der gegenüberliegenden Strassenseite.

«Sie sind aber ein netter und charmanter Mann», schmeichelte der Fremde munter drauflos. Dieser, geschätzte 50 Jahre alt, stand neben einem Range Rover mit Appenzell Innerrhoder Autokennzeichen. Exakt jener Kanton – so dämmerte es Züsli später – ist nicht nur bekannt für seine gelebte kulturelle Vielfalt, sondern ist auch Basis zahlreicher Autovermieter. Wo immer sich ein Fahrzeug mit AI-Kontrollschild auf Schweizer Strassen bewegt – die Chancen sind gross, dass es sich um einen Mietwagen handelt.

Nach der kurzen Charme-Offensive wurde der Fremde konkret. Wie er denn am schnellsten die Autobahn Richtung Mailand erreiche, wollte er wissen. Sein Navy versagte offenbar den Dienst. Über Kartenmaterial schien er auch nicht zu verfügen. Bereitwillig erklärte Züsli dem Mann, wie er am schnellsten auf die A 2 Richtung Süden gelangt.

Billiganzug für 3000 Euro

Damit hatte es sich mit der Konversation aber längst noch nicht. «Ich bin ein italienischer Schneider», sprudelte es aus dem Fremden heraus, und er zückte seine Visitenkarte. «Vittorio F.» ist darauf unter anderem zu lesen. Die ebenfalls aufgedruckte Berufsbezeichnung lautet aber nicht «Tailor», sondern viel hochtrabender, nämlich «International Sales Manager». Die aufgedruckte Handynummer, so ergab ein Testanruf, ist allerdings ausser Betrieb. Auch alle anderen Angaben auf der Visitenkarte führen ins Leere. Die Identität von Vittorio F. bleibt unergründlich.

Die grosse Märchenstunde des angeblichen Italieners sollte aber erst noch folgen. Allein aufgrund dieser Konversation lohnte es sich für Züsli, einige Minuten Lebenszeit mit dem Fremden zu teilen. Einem Geschichtenerzähler dieses Kalibers begegnet man schliesslich nicht alle Tage.

Vittorio F. schwafelte von einem Dienstaltersgeschenk, das ihm sein Arbeitgeber grosszügig zukommen liess. Es handle sich dabei um 34 italienische Anzüge, die im kommenden Sommer in edlen Boutiquen zum Verkauf angeboten würden. Leider könne er aufgrund der Zollbestimmungen nur 30 davon über die Grenze nehmen, plauderte Vittorio drauflos. Vier Anzüge wolle er daher in der Schweiz verkaufen. Den Wert der Textilien bezeichnete der fliegende Händler mit 3000 Euro pro Stück. Züsli liess sich erweichen und schlüpfte in das eine oder andere Veston. Keines aber passte. «Zudem war die Verarbeitung schlecht», erinnert sich der Luzerner.

Vittorio F. realisierte, dass ihm die Felle davonschwammen, und wechselte die Tonart von Dur auf Moll. Vielleicht hilft ja noch die Mitleidschiene. Jüngst habe er Darmkrebs überlebt, die Haare auf dem Kopf seien erst kürzlich wieder nachgewachsen, erzählte Vittorio. Zudem würde seine Frau in Bälde Geburtstag feiern. Zu diesem ausserordentlichen Ereignis hat sich Vittorio offenbar vorgenommen, seiner Angetrauten eine Louis-Vuitton-Tasche angedeihen zu lassen. So jedenfalls liess er es Züsli wissen. Dieser aber liess sich ob all der herzerweichenden Geschichten nicht umstimmen und verabschiedete sich vom eloquenten Strassenverkäufer. Dessen Instant-Lachen sei schlagartig einem eisigen Gesichtsausdruck gewichen, erinnert sich Züsli leicht amüsiert.

Von Polizei verhört

Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei, ist die Masche a la Vittorio F. nicht unbekannt. Graf sagt: «Diese Leute versuchen, minderwertige Ware überteuert zu verkaufen.» Graf rät, sich das Nummernschild zu merken und möglichst rasch die Polizei zu alarmieren.

Weniger glimpflich als Züsli kam ein Luzerner davon, der in Zürich von einem fliegenden Händler belästigt wurde. Genau zu dem Zeitpunkt, als der Innerschweizer mit Kleidern auf den Armen am Strassenrand stand, fuhr die Polizei vor. Erst nach mehrstündiger Befragung wurde der Luzerner vor zirka einem Jahr als nicht tatverdächtig entlassen.

* Name von der Redaktion geändert.