LUZERN: Demo-Pflicht für Lehrlinge?

Bevor am Montag im Kantonsrat die Budgetdebatte startet, sollen Lehrlinge der Zimmerleute demonstrieren. Wer sich weigert, dürfte mit einem Vortrag bestraft werden.

Evelyne Fischer
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Das Bild aus dem Jahr 2013 dürfte sich am Montag wiederholen: Schüler und Lehrer demonstrieren vor dem Luzerner Regierungsgebäude gegen die geplanten Sparmassnahmen. (Bild Pius Amrein)

Das Bild aus dem Jahr 2013 dürfte sich am Montag wiederholen: Schüler und Lehrer demonstrieren vor dem Luzerner Regierungsgebäude gegen die geplanten Sparmassnahmen. (Bild Pius Amrein)

In der Kasse des Kantons klafft ein grosses Loch. Dieses will die Regierung mit vielen Pflastern notdürftig flicken. Bluten dafür muss auch der Bildungsbereich: In der Budgetdebatte, die am Montag startet, schlägt die Regierung dem Kantonsrat unter anderem vor, die Fachklasse Grafik in der Altstadt zu schliessen. Das Schulgeld für die Wirtschafts- oder Gesundheitsmittelschule will sie um 300 Franken erhöhen und Berufsschullehrer zu einer zusätzlichen Lektion verpflichten. Zudem versucht die Regierung erneut, Gymnasien und Berufsschulen Zwangsferien aufzubrummen – was Pensen- und Lohnkürzungen zur Folge hat (wir berichteten).

Betroffene vom Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe (BBZB) am Standort Bahnhof wollen sich dagegen zur Wehr setzen: Vor dem Start der Kantonsratssession soll beim Regierungsgebäude eine Kundgebung stattfinden.

Die Bildung zu Grabe tragen

«Unsere Lehrerin im Fach Allgemeinbildung forderte uns auf, am Montag zu demonstrieren», sagt Yannick Gerber aus Wiggen, angehender Zimmermann im ersten Lehrjahr. Auf den Aufruf folgten Weisungen: «Wir sollen uns schwarz anziehen, ein Kreuz basteln und dieses schwarz anmalen.» Symbolisch soll die Bildung zu Grabe getragen werden – so, wie dies bereits an einer früheren Kundgebung der Fall war. Gerber schüttelt darob nur den Kopf. «Ich lasse mich nicht für politische Zwecke einspannen», sagt der 15-Jährige. Er sehe nicht ein, inwiefern die Lehrlinge von der Demo profitieren können. Ihm pflichtet ein Berufsschulkollege bei. «Man kann uns nicht zum Demonstrieren zwingen», sagt der 16-jährige Lehrling aus Dallenwil.

«Teilnahme ist das kleinere Übel»

Auf diesen Standpunkt werden sich nicht alle Schulkameraden stellen: Rund die Hälfte der 20-köpfigen Klasse nehme an der Demonstration teil, schätzt Yannick Gerber. Vermutlich dürfte dies nicht einzig aus Überzeugung passieren, sondern auch aus einem gewissen Druck heraus: «Wer sich weigert, zu demonstrieren, muss später einen Vortrag halten. Deshalb ist die Teilnahme für viele das kleinere Übel.» Möglicherweise werde das Referat am Ende gar benotet.

«Schüler werden erpresst»

«Gar kein Verständnis» für den Demo-Aufruf hat ein Lehrmeister, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Während der Unterrichtszeit sind De­monstrationen fehl am Platz. Zudem werden die Schüler mit der Androhung eines Vortrags erpresst.» Lehrlinge derart zu instrumentalisieren, sei eine Frechheit. «Die Schüler sind bei der Demo doch nur Mittel zum Zweck.» Abgesehen vom Turnunterricht, den man seiner Meinung nach «ersatzlos» streichen könnte («Lehrlinge haben genug Freizeit, um sich sportlich zu betätigen»), sei er als Lehrmeister klar gegen Abbau im Bildungsbereich, sagt der Holzbauunternehmer.

Werden hier Zimmerleute für politische Zwecke instrumentalisiert? Auf Anfrage verweist die besagte Lehrerin an die Schulleitung. Prorektor Stefan Zurkirchen will von einer Demonstration mit Todeskreuzen nichts wissen. «Unsere Lehrer werden am Montag keine Kundgebung veranstalten», sagt er. «Im Rahmen der politischen Bildung werden nächste Woche zehn Klassen des BBZB auf der Tribüne die Debatte des Kantonsrats während einer halben Stunde mitverfolgen. Von weiteren Aktionen distanziert sich die Schulleitung entschieden.»

Weiter hält Zurkirchen fest: «Die Sparmassnahmen, die der Kantonsrat nächste Woche beschliessen könnte, treffen die Berufsbildung direkt und massiv.» Entsprechend würden diese unter der Lehrerschaft und im staatsbürgerlichen Unterricht auch mit den Schülern diskutiert. «Jene dürfen jedoch nicht für politische Zwecke eingespannt werden.»

Verband: Verständnis für Demo

Von Seiten des Verbands der Luzerner Berufsschullehrer hat man keine Kenntnis von einer organisierten Demonstration. «Wenn Klassen von Zimmerleuten aber geschlossen Präsenz markieren und zeigen wollen, dass sie mit den Sparplänen nicht einverstanden sind, hätte ich dafür Verständnis», sagt Stefan Moser, Präsident des Verbands. «Ihr Unmut trifft den Nagel auf den Kopf und zeigt, dass Berufsschüler bereits heute unter den verschlechterten Bedingungen leiden.» Moser betont: «Wenn sich gestandene Zimmerleute in einer Kundgebung für eine starke Berufsbildung einsetzen, hat dies eine besondere Wirkung.» Er begrüsse es sehr, dass im Rahmen der Allgemeinbildung die Debatte auf der Tribüne mitverfolgt werde. «Damit wird niemand instrumentalisiert. Nicht tolerierbar wäre hingegen ein Aufruf zur Teilnahme an einer Demo.»