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LUZERN: Den Naturgewalten ausgesetzt

Pascal Graf umrundete auf einer Forschungsreise den Globus und traf in der Antarktis auf unberührtes Gebiet. Seine Forschungen sollen dazu beitragen, Wetterkatastrophen künftig besser vorauszusagen.
Stephan Santschi
Die St. Andrews Bay ist bekannt für Königspinguin-Kolonien: Die Bucht liegt auf Südgeorgien im Südatlantik, östlich der Küste vor Argentinien. (Bild: Sharif Mirshak (Parafilms/EPFL))

Die St. Andrews Bay ist bekannt für Königspinguin-Kolonien: Die Bucht liegt auf Südgeorgien im Südatlantik, östlich der Küste vor Argentinien. (Bild: Sharif Mirshak (Parafilms/EPFL))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Unglaublich eindrücklich.» Pascal Graf gerät ins Schwärmen, wenn er an gewisse Episoden seiner Forschungsreise zurückdenkt. Besonders angetan hat es ihm die zweitgrösste Königspinguin-Kolonie der Welt mit Hunderttausenden von Tieren auf engstem Raum. Oder er erinnert sich an die Ausflüge auf die Inseln der Antarktis, wo er Wasserproben sammelte. «Das war Natur pur. Keine Touristen, keine Bewohner, vielleicht mal eine kleine Forschungsstation, sonst war aber alles absolut wild», sagt er. «Es ist ein spezielles Gefühl, wenn man weiss, dass man einer der ersten Menschen ist, die einen Ort betreten.»

Seit Mitte März ist er wieder zurück in seiner Wohngemeinschaft in Zürich-Oerlikon. Viereinhalb Monate war er auf Reisen, drei davon auf einem russischen Forschungsschiff, dazwischen machte er einen Monat Back­packing-Ferien mit seiner Freundin in Kolumbien. Rund 30 000 Kilometer legte er auf der Forschungsexpedition zurück – von Bremerhaven an der Nordsee nach Kapstadt in Südafrika über Hobart in Australien weiter nach Punta Arenas in Chile und wieder zurück nach Kapstadt. Oder anders formuliert: von Europa nach Südafrika und dann entlang der Antarktis einmal um den Globus.

Russische Seeleute tauen bei Wodka auf

Wie kam es dazu? Pascal Graf, 29-jähriger Krienser, ist Naturwissenschafter an der ETH Zürich und hat sich in den Bereichen Wetter, Klima und Atmosphäre spezialisiert. Seine Doktorarbeit, die er im nächsten Herbst abschliessen wird, dreht sich um Atmosphärendynamik. «Immer wieder werden auf den Universitäten der ganzen Welt Inserate für Forschungsexpeditionen her­umgereicht», sagt er. Nach erfolgreicher Bewerbung machte er sich gemeinsam mit Kommilitonin Iris Thurnherr auf den Weg in Richtung des Südpolarmeers. Letztlich fanden sich 80 Forscher aus der ganzen Welt auf dem Schiff ein, alle mit unterschied­lichen Forschungsthemen, dazu kam eine fast ausschliesslich russisch sprechende Besatzung von 60 Mann. «Zu Beginn fragte ich mich schon, ob ich mich hier wohl fühlen würde», erzählt Graf und schmunzelt. Bedenken, die sich bald zerstreuen sollten.

Am Ende kannte er jeden Forscher auf dem Schiff beim Namen, mit einer Engländerin und einem Spanier haben sich sogar Freundschaften mit Langzeitpotenzial ergeben. Selbst die russischen Seeleute, die ihn anfänglich keines Blickes würdigten, hätten sich nach einem Abend mit ein paar Wodkas als «sehr freundlich und gesellig» herausgestellt. «Es war ein wenig wie in der Fernsehshow ‹Big Brother›, nur dass uns keiner zugeschaut hat.»

Gewohnt hat Graf in einer nicht unkomfortablen Zweierkabine mit Bullauge, das Internet war sehr langsam, das Essen gar lausig. «Gnadenlos überkochte Pasta ohne Sauce oder Reis mit Kanalisationsnote», so schildert Graf auszugsweise den Menüplan. Der Alltag auf hoher See drehte sich derweil stets um das Zusammentragen von Daten. Graf fing Regentropfen mit einem Trichter auf, liess Wetterballone steigen, nutzte den Regenradar, um die Vorgänge hoch droben in den Wolken nachvollziehen zu können, und untersuchte mit dem Laserspektro­meter den Wasserdampf. Hoher Wellengang und starker Wind erschwerten oftmals die Arbeit.

Die grosse Bedeutung für das Weltklima

Über die Ergebnisse kann Graf noch nicht viel sagen, es dauere noch Monate, bis die Daten ausgewertet seien. Grundsätzlich erklärt er den Sinn und Zweck seiner Arbeit so: «Wir richten unseren Fokus auf die Wechselwirkung von Meer und Atmosphäre. Wie kommt es zu Trockenheit? Oder zu grossen Fluten wie jene, die 2005 bei uns in Luzern getobt hat?» Mit seiner Grundlagenforschung möchte Graf Wetter- und Klimamodelle optimieren. «Vielleicht gelingt es uns so, irgendwann einmal Grossereignisse besser vorauszusagen.» Weshalb man dafür in die Antarktis reist, hat mit der Topografie des Südlichen Ozeans zu tun. «Es ist das einzige Meer, das sich rund um den Erdball erstreckt und durch keinen Kontinent unterbrochen wird», so Graf. «Die Kräfte des Windes und der Wellen können sich ungestört entwickeln.» Darüber hinaus spiele die Antarktis fürs Weltklima eine zentrale Rolle: «Das Wasser, das aus der Tiefe kommt, enthält sehr wenig Kohlendioxid. Auf diese Weise ist es im Stande, rund 10 Prozent des globalen CO2-Ausstosses zu absorbieren. Ohne den Südlichen Ozean würde sich unser Planet noch viel stärker erwärmen.» Dass es Pascal Graf eines Tages in die Antarktis zurückziehen wird, ist nicht ausgeschlossen. «Solch ein Abenteuer würde mich wieder reizen, dann aber fix auf einer Forschungsstation», sagt er. Auch die angewandte Forschung oder ein Job in der Privatwirtschaft mit einem wissenschaftlichen Aspekt sind Möglichkeiten für die Zukunft. «Mir stehen viele Türen offen.»

Zuerst aber geniesst er die hiesigen Gefilde mit Velofahrten, Wanderungen oder Gleitschirmfliegen. Und er gewöhnt sich wieder an den Alltag, der auch seine Tücken hat. «Wenn ich hier das Handy oder den Laptop vergesse, spielt das eine grössere Rolle als auf einem Schiff, wo ich einfach fünf Stockwerke raufgehen und es mir schnell holen kann.»

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