LUZERN: Der Abschied eines unkonventionellen Richters

Kaum einer kennt die Luzerner Familien besser als Bruno Roelli. Dreissig Jahre lang hat er über Besuchsrechte entschieden und Streitigkeiten geschlichtet – und sogar mal einen Vater nach Jahren der Trennung mit seiner Tochter zusammengeführt.

Lena Berger
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Bruno Roelli (61) gilt als besonders engagierter Familienrichter. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 16. Mai 2017))

Bruno Roelli (61) gilt als besonders engagierter Familienrichter. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 16. Mai 2017))

Wer wissen will, was für ein Mensch Kantonsrichter Bruno Roelli (61) ist, sollte ihn auf das eigenartige Bild ansprechen, das in seinem Büro hängt. Umgeben von einem pompösen Goldrahmen streifen auf der Leinwand Kühe durch eine Moorlandschaft. «Oh schön», sagt man, wenn man es das erste Mal sieht. Weil es nicht zu übersehen ist und man höflich sein will. Umso erstaunlicher ist dann, dass Roelli darauf fast verschämt reagiert. Es entspreche auch nicht ganz seinem Geschmack. Er habe es einem ihm bekannten Trödler abgekauft, der finanziell in Schwierigkeiten steckte. Nach seiner Pensionierung Ende Mai wird er ihm das Bild zurückgeben: damit er es noch einmal verkaufen kann. So ist Bruno Roelli. Er engagiert sich für Menschen – und geht dabei auch unkonventionelle Wege.

Bruno Roelli, Sie arbeiten seit 30 Jahren als Familienrichter. Da haben Sie viele tragische Familiengeschichten mitbekommen. Was raten Sie einem Paar, das Kinder möchte?

Die beiden sollten tief überzeugt sein, dass der andere ein verlässlicher Elternteil sein wird. Dabei ist vor allem die Gesprächskultur wichtig. Wer ein Kind bekommt, geht eine Verpflichtung ein. Eltern bleibt man, selbst wenn man dereinst kein Paar mehr sein sollte. Ich verstehe manchmal wirklich nicht, was Menschen alles unternehmen, um sich ihrer Pflicht als Eltern zu entziehen.

Die Familiengründung ist mit Hoffnungen verbunden. Zu Ihnen kommen die Leute, wenn diese geplatzt sind. Wie hat Sie das privat geprägt?

Ich habe früh geheiratet und selber eine Scheidung durchlebt. Ich habe also selber erfahren, was das heisst. Es war eine schwierige Zeit. Meine Kinder sind inzwischen über 30 Jahre alt – und wir haben herzlichen Kontakt. Selber bin ich wieder in einer glücklichen Beziehung.

Was haben Sie häufiger erlebt: Väter, die nach einer Trennung nichts mehr von ihren Kindern wissen wollten, oder Väter, die darunter litten, keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern zu haben?

Es kommt beides vor. Ich finde es erschreckend, wenn ich von Vätern erfahre, dass sie ihr Interesse an den eigenen Kindern verlieren, wenn sie eine neue Beziehung eingehen. Die Spannung zwischen einer neuen und einer alten Familie auszuhalten, ist anspruchsvoll. Ich habe erlebt, wie eine Mutter mit den Kindern und dem neuen Partner wegzog, um das Besuchsrecht zu vereiteln. Der Vater wird «ent-sorgt». Deshalb finde ich das gemeinsame Sorgerecht eine gute Sache. Denn wer Rechte hat, der nimmt auch eher die Pflichten wahr.

In Sachen Familienrecht wird landläufig oft behauptet, Männer seien benachteiligt. Was ist da dran?

Aufgrund der gelebten Rollenteilung ist es oft so, dass die Kinder in die Obhut der Mutter kommen und der Vater Besuchsrechte hat. Nur sind die Besuchsrechte schwieriger durchzusetzen als finanzielle Ansprüche, die betrieben werden können. In anderen Ländern werden Kinder einer Mutter auch mal polizeilich entzogen, wenn sie die Besuchsrechte verweigert. In der Schweiz wird das nicht gemacht, weil Studien gezeigt haben, dass das für die Kinder sehr traumatisierend ist. Bezüglich Vollstreckung sind Väter tatsächlich benachteiligt.

Sie haben in unserer Zeitung mal gesagt, der Staat komme bei der Durchsetzung der Besuchsrechte an Grenzen – weil sie nicht polizeilich durchgesetzt werden können. Was kann man sonst tun?

Ich habe solchen Müttern in Extrem­fällen schon offengelegt, dass ich im Urteil festhalten werde, dass der Vater alles dafür getan hat, seine Kinder zu sehen – dies aber aufgrund des Verhaltens der Mutter nicht möglich war. Wenn die Kinder dann erwachsen seien, könnten sie das lesen. Das hat auch schon Wirkung gezeigt.

Es kommt aber auch vor, dass Sie sehr engagiert vermitteln.

Ich bin überzeugt, dass ein Kind für die Identitätsfindung beide Eltern braucht. Fehlt ein Elternteil, wird dieser oft idealisiert oder dämonisiert. Das ist nicht gut. Im letzten Halbjahr bin ich an drei Samstagen nach Lugano gefahren und habe die Zustimmung einer Mutter erreicht, den verlorenen gegangenen Kontakt zwischen Vater und Tochter wiederherzustellen. Solche Einsätze sind auch für mich sehr emo­tional.

So was mussten Sie nicht tun. Warum taten Sie es trotzdem?

Mich interessieren die Menschen. Ich höre Kinder meist bei ihnen zu Hause an oder begleite manchmal auch Besuchsübergaben vor Ort am Wochenende. Ich gehe dann mit dem ÖV und lasse mich an Bahnhöfen oder Bushaltestellen abholen; nur schon der Fussweg nach Hause bringt mich in guten Kontakt mit den Kindern. Dieses persönliche Erleben stärkt meine Entscheidungskraft. Und ich habe festgestellt, dass auch die Eltern die Urteile eher annehmen können. Zum Glück haben die Anwälte mein unkonventionelles Handeln nie bemängelt.

Sie sind auch Präsident der Beschwerdeinstanz über sieben Luzerner Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). Wie beurteilen Sie deren Arbeit?

Die Kesb ist besser als ihr Ruf. Sie arbeitet in einem schwierigen Umfeld, in dem teils schnell entschieden werden muss. Es kommt vor, dass mal ein Entscheid von uns korrigiert wird – aber nicht häufiger als bei den Urteilen der erstinstanzlichen Gerichte. Aufgrund vieler Einblicke in die Akten der Kesb habe ich gesehen, dass deren Entscheiden intensive Abklärungen vorausgehen, vor allem in Kindes­sachen.

Der Kesb wird vorgeworfen, sie sei zu wenig nah dran.

Das hat auch Vorteile. Früher entschied in solchen Fällen ein Gemeinderat darüber, ob ein Kind fremdplatziert wird oder nicht – just die Behörde, die dann auch für die teils hohen Kosten aufkommen musste. Das ist heikel.

Ende Monat gehen Sie in Pension. Der Wein für den Abschiedsapéro steht bereit.

Nach meinem letzten Arbeitstag werde ich mich im Restaurant Des Balances an den Flügel setzen und mein Leben als Richter ausklingen lassen. Dort, aber auch in der Villa Honegg, werde ich nun häufiger als Barpianist auftreten. Die Musik und auch der Sport – ich rudere intensiv im Seeclub Luzern – waren Kraftquellen in meiner richterlichen Tätigkeit.

Interview: Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch



 

Hinweis: Bruno Roelli ist am Montag nach 30 Jahren als Richter vom Kantonsrat verabschiedet worden.