LUZERN: Der Anwalt des Unsichtbaren

Der Luzerner Jürg Manser (54) ist der höchste Archäologe der Schweiz. Er zeigt, wie die Archäologie sich trotz knappen finanziellen Mitteln behaupten kann.

Rosline Troxler
Drucken
Teilen
Archäologe Jürg Manser (54) mit Funden aus dem Unesco-Weltkulturerbe Hitzkirch-Seematt von 3700 v. Chr. (Bild: Manuela Jans)

Archäologe Jürg Manser (54) mit Funden aus dem Unesco-Weltkulturerbe Hitzkirch-Seematt von 3700 v. Chr. (Bild: Manuela Jans)

«Als Archäologe ist man Anwalt des Unsichtbaren – unsere Denkmäler liegen unter der Erde verborgen», sagt der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser und schildert somit eine der grössten Herausforderungen seiner Arbeit. Dennoch werde die Archäologie von der Bevölkerung gut getragen. «Funde üben auf Menschen eine Faszination aus.» Das «Archäomarketing» sei eine wichtige Aufgabe, um der Bevölkerung das kulturelle Erbe bewusst zu machen. Die Archäologen verfolgen das Ziel, alle Spuren der Menschen zu schützen, damit sie für die Nachkommen erhalten bleiben.

Seit Januar vertritt der 54-jährige Luzerner auch in Bern die Interessen der Schweizer Archäologen. Während zweier Jahre präsidiert er die Konferenz der Schweizer Kantonsarchäologen und -archäologinnen (KSKA). «Es ist toll, dass ein Kanton der Konferenz vorsteht, bei dem die Archäologie nicht im Geld schwimmt» sagt Manser. Daher sei es für den kulturgeschichtlich reichen Kanton Luzern eine Ehre.

Besondere Faszination für Römer

Bereits in jungen Jahren lässt sich Jürg Manser von der Archäologie begeistern. «Im Regal meines Vaters standen viele Archäologieklassiker, worin ich gerne schmökerte.» Nach einem Jahr brach Manser sein Romanistikstudium ab und begann mit dem Archäologiestudium. «Obwohl viele die Archäologie als brotloses Studium empfanden und mir abrieten.» Der Vater einer 17-jährigen Tochter bereut seine Entscheidung keinen Tag. «Die Freude hat nie nachgelassen. Ich habe den nötigen Punch für die Aufgabe.» Jürg Manser interessiert sich für jedes Zeitalter. Besonders ans Herz gewachsen seien ihm aber die Römer. «Das Tolle an der Arbeit als Archäologe ist die Vielfalt.» Während der zwei Jahre, in denen Jürg Manser die KSKA präsidiert, will er die Bevölkerung für die Kulturschätze sensibilisieren, die Archäologen der Kantone besser vernetzen und ihnen in Bern mehr Gehör verschaffen. Die Archäologen seien ein kleiner Klub und müssten daher Gleichgesinnte suchen, um Projekte durchzusetzen. So kämpft Manser gegen die Parlamentarische Initiative des Zuger Ständerats Joachim Eder (FDP) zur «Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission und ihre Aufgabe als Gutachterin». So sagt der Präsident der KSKA: «Diese Initiative würde den Natur- und Heimatschutz, zu dem auch die Archäologie zählt, massiv schwächen.» Mit der Energiewende und dem neuen Raumplanungsgesetz kommen weitere Herausforderungen auf die Arbeit der Archäologen zu. «Eine grossflächige Solaranlage, wie sie in Inwil geplant war, würde uns das Genick brechen, wenn sie an einem Ort mit grossem archäologischem Potenzial entsteht.» Durch das neue Raumplanungsgesetz gerieten die an Kulturgüter reichen Zentren noch stärker unter Druck. «Wir können schon heute mit dem Bauboom nicht mithalten.» Manser verlangt bei Bauprojekten eine ernsthafte Güterabwägung, bei der Archäologen so früh wie möglich in Projekte einbezogen werden.

Eine weitere Schwierigkeit bestehe in den abnehmenden finanziellen Mitteln: «Die Bautätigkeit steigt, während die Bundes- und Kantonsgelder sinken.» Der Bund stellt heute 26 Millionen Franken für den Heimatschutz und die Denkmalpflege zur Verfügung – die Hälfte der Gelder von 1990.

«Eine Grabung ist der Notausgang»

In einem Inventar, welches im Internet einsehbar ist, dokumentieren die Archäologen, wo sich Fundstellen befinden. «Wir versuchen die historischen Gegenstände möglichst im Boden zu lassen.» Eine Grabung sei der Notausgang, um die Spuren in die Zukunft zu retten. «Wir wollen damit auch vermeiden, dass ein Fund erst auf der Baustelle entdeckt wird.» Dies käme im Kanton Luzern jährlich nur ein- bis zweimal vor. Dann gäbe es eine Ausgrabung im Eiltempo. «Unser Ziel ist es, das Feld schnell wieder zu verlassen, um den Bau nicht zu blockieren.» Bei einer Grabung werden Funde zunächst am Platz verlesen und statistisch erfasst. Nur die Funde mit wissenschaftlichem Wert werden mitgenommen und in Luzern mit tausenden weiteren Fundstücken aufbewahrt.

Obwohl sich Jürg Manser heute vor allem administrativen Tätigkeiten widmet, versucht er regelmässig Ausgrabungen zu besuchen. Das Highlight der letzten Jahre sei der Fund auf dem Hofstetter Feld in Sursee gewesen. «Wir haben ein 2 300 Jahre altes, keltisches Frauengrab entdeckt – reich an Grabbeigaben», sagt Manser stolz. Der Fund habe schweizweit Aufsehen erregt und die Forschung weitergebracht. Im April 2014 wird die adlige Keltin im Naturmuseum Luzern präsentiert – pünktlich zum 60-jährigen Jubiläum der Archäologie des Kantons Luzern. Darauf freut sich Manser ganz besonders.