LUZERN: Der grosse Knall, der alles veränderte

Bei einer Gasexplosion in Kriens haben sich zwei Männer schwerste Verbrennungen zugezogen. Jetzt, sechs Jahre später, stehen die Verantwortlichen vor Gericht. Doch keiner will am Unfall schuld sein.

Lena Berger
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Kriens, 2010: Auf diesem Kran explodierte das Gas. (Bild: Boris Bügrisser / Neue LZ)

Kriens, 2010: Auf diesem Kran explodierte das Gas. (Bild: Boris Bügrisser / Neue LZ)

Den 22. April 2010 wird Roger A.* nie vergessen. Die Narben auf seiner Haut und die Schmerzen in seinem Knie erinnern ihn täglich daran. Mit seinem jungen Mitarbeiter ist er an diesem Donnerstag dabei, die Aussenfassade einer Produktionshalle in Kriens zu demontieren. Stahlträger für Stahlträger nehmen sie sich vor. «Du kannst mit dem harten Geschütz auffahren», soll ihm der Auftraggeber vorher gesagt haben. Und das macht Roger A. Er zerschneidet die metallenen Pfeiler mit einer Trennscheibe, sein Handlanger ist mit ihm auf dem Hebekran, um ihm beim Abtransport der massiven Einzelteile zu helfen. Es ist kurz nach 16 Uhr, als er das letzte verbliebene 2,5 Meter lange Stück durchtrennen will. Da merkt er, dass etwas nicht stimmt. Plötzlich hat er eine Stichflamme vor sich. Aus einer angeschnittenen Wasserstoffleitung hinter dem Stahlträger tritt Gas aus, das wegen der Funken jetzt lichterloh brennt. A. ist völlig perplex, ist er doch davon ausgegangen, dass alle Leitungen abgebaut sind. Sein Kollege gerät in Panik. Hastig will er den Hahn zudrehen, um weiteren Gasaustritt zu verhindern. Im nächsten Moment gibt es eine gewaltige Explosion – Roger A. und sein Kollege stehen in Flammen. In Todesangst versucht er, dem brennenden Hebekran-Korb zu entkommen, aber die Elektronik funktioniert nicht mehr. Um sich zu retten, springt er 7,5 Meter in die Tiefe, prallt erst gegen eine Mauer und fällt dann noch weiter in einen Graben.

April 2010: Auf diesem Kran in Kriens ist es zu einer Explosion gekommen. (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ))
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April 2010: Der Kran in Kriens weist Brandspuren auf. (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ))
August 2011: Eine Explosion hat ein Reihen-Einfamilienhaus in Rüfenach in Brand gesetzt. Der Unfall hat ein Menschenleben gefordert. (Bild: Kantonspolizei Aargau)
Dezember 2012: Der Wohnwagen ist nach der Gasexplosion auf dem Campingplatz in Lungern beschädigt. Zwei Frauen erlitte Verbrennungen. Zur Explosion kam es beim Wechseln einer Gasflasche. (Bild: pd)
November 2014: Beim Bahnhof in Arth-Goldau tritt aus einem vermeintlich leeren Eisenbahncontainer eines Güterzuges Gas aus. Das Gebiet wird abgesperrt, denn es bestand Explosionsgefahr. Verletzt wurde niemand. (Bild: Geri Holdener / Bote.ch)
November 2014: Zwei Chemiespezialisten der Feuerwehr Stützpunkt Schwyz werden in einen Vollschutzanzug gekleidet. (Bild: Geri Holdener / Bote.ch)
November 2014: Die zwei Chemiespezialisten machen sich auf den Weg zum Güterwaggon. (Bild: Geri Holdener / Bote.ch)
November 2014: Die Spezialisten nähern sich dem betroffenen Güterwaggon. (Bild: Geri Holdener / Bote.ch)
November 2014: Beim betroffenen Güterwaggon führen die Experten Messungen durch. (Bild: Geri Holdener / Bote.ch)

April 2010: Auf diesem Kran in Kriens ist es zu einer Explosion gekommen. (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ))

46 Operationen in fünf Jahren

Die Folgen des Unfalls sind verheerend. Bei seinem Kollegen führt er zu schweren Verbrennungen an den Armen und einem Schädel-Hirn-Trauma. Roger A. trifft es noch härter. 60 Prozent seines Körpers sind mit Verbrennungen dritten Grades überzogen. Durch den Sturz zieht er sich schwere Becken- und Kopfverletzungen zu. Drei Monate liegt er im Koma. Was er die nächsten Jahre durchmachen muss, ist ein Albtraum. 46 Operationen lässt der Vater von sieben Kindern über sich ergehen. Die nächste steht bereits an. Er ist zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Eine geplante Umschulung muss er schweren Herzens aufgeben – die Schmerzen sind zu stark. Es ist ihm nicht möglich, längere Zeit zu sitzen.

Zur Verhandlung vor dem Bezirks­gericht kommt er an Krücken. Als Beschuldigter steht der Mann vor Gericht, der gemäss dem Strafbefehl der Luzerner Staatsanwaltschaft dafür hätte sorgen müssen, dass die Wasserstoffleitung entleert und rückgebaut ist. Seit fast 20 Jahren arbeitet der kleine Mann mit den buschigen Augenbrauen als Monteur für das Schweizer Gasunternehmen, das auf besagter Baustelle für die Gasversorgung zuständig war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er die Nebenleitung – anders als vereinbart – nicht bis zur Hauptleitung zurückgebaut und zudem vergessen hat, eine Verschlusskappe zu montieren, die den Gasaustritt verhindert hätte. Und sie macht ihm zum Vorwurf, dass er die Arbeiter nicht sofort gestoppt habe, als er tags zuvor sah, dass sie in gefährlicher Nähe zu den Leitungen frästen und die Funken stoben. «Ich hatte ein ungutes Gefühl», sagt der Mann auf die Frage des Richters, warum er Roger A. nicht sofort da runtergeholt habe. «Ich habe den Unfall aber nicht kommen sehen. Ich machte mir mehr Sorgen wegen der 300 Wasserstofftanks auf der hinteren Seite des Gebäudes.» Er informierte seinen Arbeitgeber telefonisch über die Gefahr. Nur erreichte die Information Roger A. nie. Und so nahm die Katastrophe ihren Lauf.

War der Auftrag missverständlich?

Die Staatsanwaltschaft beantragt eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen à je 130 Franken – zusätzlich zu einer Busse von 1300 Franken. Der Staatsanwalt nahm an der Verhandlung diese Woche vor dem Bezirksgericht aber nicht teil. Und so erläutert der Anwalt von Roger A. die Vorwürfe vor den Richtern. Er verlangt eine Verurteilung wegen fahrlässiger, schwerer Körperverletzung. «Der Beschuldigte war der ortskundige Spezialist und für alle Arbeiten an den Leitungen zuständig. Doch er war schlicht zu bequem, sie zu entleeren, zu spülen und komplett zurückzubauen.»

Der Verteidiger widerspricht dieser Darstellung. Sein Klient habe gar nie den Auftrag bekommen, die Leitungen zurückzubauen. Von den geplanten Abrissarbeiten an der Halle habe er nichts gewusst. Er habe am Tag vor dem Unfall zufällig auf dem Heimweg gesehen, dass diese im Gange seien. Zu dem Zeitpunkt war man aber noch weit entfernt von der kritischen Stelle, deshalb habe er davon ausgehen dürfen, dass es ausreiche, seinen Arbeitgeber telefonisch in Kenntnis zu setzen. Zusammengefasst: Nicht seinen Klienten, sondern den Auftraggeber treffe die Schuld.

Dieser muss sich in zwei Wochen ebenfalls vor dem Bezirksgericht verantworten. In beiden Verhandlungen geht es nicht nur um eine Busse oder eine Geldstrafe. Es geht auch um Schadensersatzansprüche, die im Falle einer Verurteilung geltend gemacht werden könnten. Wie hoch diese ausfallen könnten, lässt sich auch nach fast sechs Jahren nicht genau beziffern – weil noch offen ist, wie viele Operationen Roger A. wegen dieses Unfalls noch bevorstehen werden. Das Urteil steht noch aus.

Lena Berger

* Name von der Redaktion geändert.

Eine Übersicht zu Gasunfällen in der Region finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bilder