LUZERN: Der «Schweizerhof» sieht Rot

Es war, als würden so viele Steine von den Herzen fallen, die locker ausreichen, einen weiteren schmucken Berg neben dem Pilatus aufzustellen. Vor der Grossleinwand im Luzerner «Schweizerhof» verwandelte Haris Seferovic mit seinem Last-Second-Tor die Lethargie schlagartig in einen Freudentaumel.

Rainer Rickenbach
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Jaaaaa, das 2:1 für die Schweiz - eine rote Welle geht hoch, und das Luzerner Hotel Schweizerhof bebt. (Bild Dominik Wunderli)

Jaaaaa, das 2:1 für die Schweiz - eine rote Welle geht hoch, und das Luzerner Hotel Schweizerhof bebt. (Bild Dominik Wunderli)

Vorwiegend rot gewandete Fussballfans lagen sich nach dem Siegestreffer des Surseers Haris Seferovic in den Armen. Sie klatschten sich gegenseitig die Hände ab. Bier wurde verschüttet. Einige betagtere Fussballfans führten Freudentänze auf, die Rückenchirurgen reflexartig veranlassen, einen Blick in die Agenda zu werfen.

Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ
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Mitten drin sass Marion Wigger. Sie hatte auf 2:1 getippt. Der Tipp ihrer Mutter Monika Böttcher (1:0 für die Schweiz) ging schon nach 22 Minuten in die Hosen. Genauso wie derjenige der neunjährigen Jeanne Fischer (2:0 für die Schweiz).

Doch das spielte am Schluss ohnehin keine Rolle mehr. Auf dem gut gefüllten Public-Viewing-Platz des «Schweizerhofs» herrschte endlich ein Lärmpegel, der die monumentalen Übertragungsboxen übertönte. Dagegen kam auch SRF-Kommentator Sascha Ruefer nicht an – was dem Happy End noch einen zusätzlichen Glücksmoment bescherte.

«Diesmal reichts für die Achtelfinals!», schrie ein junger Mann mehrmals, bevor er mit voller Bruststimme in die Nationalmannschaftshymne «Schwiizer Nati, Schwiizer Nati, olé olé olé» einstimmte. Dass er dabei höchstens jeden zweiten Ton annähernd traf, darf ihm nicht als mangelndes Musikvermögen angelastet werden. Erstens ist ein Fussballspiel keine Chorveranstaltung, und zweitens hatte er zuvor kaum Gelegenheit, an seinem Bass zu feilen. Zuerst verschlug ihm Ecuadors Führungstreffer schon früh die Stimme, und nach dem 1:1 nach der Pause war das Spiel der Nati nicht dazu angetan, ihren Anhängern Freudengesänge zu entlocken.

Vielmehr wurden Erinnerungen wach an das torlose Unentschieden gegen Honduras vor vier Jahren in Südafrika. Als die Abwehr der eigentlich fussballerisch bescheidenen Mittelamerikaner für die Schweizer eine undurchdringliche Gummiwand darstellte und sie schliesslich trotz des gloriosen Startsiegs gegen den späteren Weltmeister Spanien frühzeitig heimflogen. Gestern deutete alles auf ein Start-Unentschieden gegen die clever agierenden Südamerikaner aus Ecuador hin. Was für die zwei Spiele gegen Frankreich und wieder dieses Honduras einen enormen Siegesdruck nach sich gezogen hätte.

Frauen sehen so etwas locker. Erst recht Luzernerinnen. Wer mehrere Jahrzehnte lang dem FCL treu gewesen ist, hat sich die Leidensfähigkeit verinnerlicht. Ein Unentschieden sei doch auch nicht schlecht, schliesslich handle es sich um eine Fussball-WM, gab Marion Wigger zu bedenken. Ihre Mutter nickte zustimmend.

Die Männer hingegen finden sich trotz denselben Innerschweizer Fussballerfahrungen mit solchen Situationen nicht so leicht ab. Dass der Schiedsrichter ein Tor fälschlicherweise wegen Abseits aberkannte, löste bei der Wiederholung an der Grossleinwand ein Gezeter aus, und Djourou zog sich mit seinen paar Abwehrflops den lautstarken Unmut einiger Besucher zu.

Trainer Hitzfeld bekam aus Luzern eine Reihe von Auswechselvorschlägen zugerufen. Vielleicht wars ja Gedankenübertragung, dass er den von einer Gruppe Surseer heftig geforderten Seferovic doch noch für den glücklosen Drmic ins Spiel brachte und der in Sursee aufgewachsene Immigranten-Sohn in der 93. Minute auf dem «Schweizerhof»-Gelände die riesigen Steine von den Fan-Herzen fallen liess. Der Herz-Geröllsturz war eine Freudenexplosion an dem von der Neuen LZ und Radio Pilatus veranstalteten Event.

Gerechnet hatte damit niemand mehr. Was nach der Grossleinwand-Veranstaltung folgte, bekamen alle Stadtbewohner mit. Der Sieg sorgte für zahlreiche spontane Autofahrten mit Hupkonzerten im Stadtzentrum. Die Luzerner Polizei sorgte mit Umlenkungen an den neuralgischen Punkten dafür, dass die nicht mehr erwartete Siegesfreude nicht einen Verkehrskollaps nach sich zog.