LUZERN: Der Traum vom grossen Gastmahl

Der Theologe Sepp Riedener hatte bereits vor 30 Jahren mit der Gründung der kirchlichen Gassenarbeit in Luzern Pionierarbeit geleistet. Für sein Engagement hat er nun den theologischen Ehrendoktor-Titel erhalten.

Benno Bühlmann
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Gassenarbeit-Gründer Sepp Riedener (73, Mitte) in seiner Luzerner Gassenküche mit Chefkoch Oliver ­Wehrli (rechts) und einem Gast.

Gassenarbeit-Gründer Sepp Riedener (73, Mitte) in seiner Luzerner Gassenküche mit Chefkoch Oliver ­Wehrli (rechts) und einem Gast.

Benno Bühlmann

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Es ist Dienstag, kurz nach 11 Uhr. In der Küche der Luzerner «Gasse-Chuchi» ist der Theologe und langjährige Gassenseelsorger Sepp Riedener (73) gerade in ­einen Schwatz mit dem Küchenchef vertieft, der täglich 40 bis 50 Mahlzeiten zubereitet. Auf dem Herd steht ein Kochtopf mit Suppe bereit, und im Backofen wartet eine Lasagne auf hungrige Mäuler. Im Aufenthaltsraum gleich nebenan ereifern sich eini­ge Stammgäste bei einem angeregten Spiel am «Töggelikasten». Gerade in der Zeit rund um die Festtage sind viele froh, dass sie in der Gasse-Chuchi für 5 Franken eine warme Mahlzeit bekommen und etwas Gemeinschaft erleben können.

Sepp Riedener wird von den Anwesenden herzlich begrüsst, und einige suchen spontan das Gespräch mit ihm. «Es ist für mich ein gutes Gefühl, dass an diesem Ort immer noch ein bedeutendes Stück kirchlicher Diakonie erlebbar ist und damit ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen am Rande gesetzt wird», meint der Gassenarbeit-Pionier. Das sei für ihn die konkrete Umsetzung einer Vision, die in der Bibel im Gleichnis vom «grossen Gastmahl» beschrieben werde. Bei diesem Gastmahl gebe es «keine Tischkärtchen», denn alle seien eingeladen, unabhängig von ihrem sozialen Status – «Arme und Krüppel, Blinde und Lahme», wie es im Lukas-Evangelium heisst.

Für viele Menschen ein Stück Heimat

Der Augenschein vor Ort zeigt, dass es sich hier nicht bloss um ein leeres Lippenbekenntnis handelt. Dem Verein Kirchliche Gassenarbeit ist es gelungen, für ­viele Menschen ohne Zukunftsperspektiven in Luzern ein Stück Heimat zu schaffen.

Ohne das unermüdliche Engagement von Sepp Riedener, der sich über viele Jahre hinweg stets für Menschen am Rande unserer Gesellschaft eingesetzt hat, gäbe es diese Institution wohl kaum in der heutigen Ausprägung. So erstaunt es nicht, dass Sepp Riedener in den vergangenen Jahren für sein «Lebenswerk» schon mehrfach ausgezeichnet worden ist. Die letzte Würdigung erfolgte Mitte November durch die Verleihung des Ehrendoktortitels durch die Theologische Fakultät der Universität Luzern. «Ich muss mich noch daran gewöhnen, in Briefen mit dem Doktortitel angesprochen zu werden», meint Sepp Riedener mit einem Schmunzeln. «Aber ­natürlich freue ich mich über diese Ehrung, die ich gerne auch mit meiner Frau Martha teilen möchte, denn ohne ihre Unterstützung im Hintergrund wäre meine ­Arbeit nicht möglich gewesen.»

Der 1985 von Sepp Riedener gegründete Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Kirchen durch effiziente Vernetzungs- und Integrationsarbeit die Lebenssituation von Menschen am Rande der Gesellschaft verbessern können. Was einst auf der Basis einer bescheidenen 50-Prozent-Stelle begonnen hat, ist inzwischen zu einem grösseren Unternehmen mit 50 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von 4,3 Millionen Franken angewachsen. Unter dem Dach des Vereins Kirchliche Gassenarbeit versammelt sich inzwischen eine Vielzahl sozialer Projekte: das Projekt Gassenarbeit, das Ambulatorium (für medizinische Betreuung von Süchtigen), Kontakt- und Anlaufstelle, die Gassenküche, die Seelsorge auf der Gasse, das so genannte «Paradiesgässli» und das Kinder- und Jugendprojekt Listo/Listino für Kinder von Drogen konsumierenden Eltern.

Getragen wird der Verein von der römisch-katholischen, evangelisch-reformierten und der christkatholischen Kirchgemeinde der Stadt Luzern, wobei die Gassenarbeit auch durch öffentliche Gemeinwesen, Organisationen sowie Spenderinnen und Spendern finanziell und ideell unterstützt wird.

Soziale Leistungen der Kirche sind massgebend

Die Kirche habe ihre «vornehmste Existenzberechtigung im ­diakonischen Dienst am Menschen», so zitiert Sepp Riedener seinen Lieblingssatz aus dem pastoralen Orientierungsrahmen Luzern. Und er doppelt nach: «Ich glaube, dass wir heute als Kirche vor allem über die Diakonie an Glaubwürdigkeit gewinnen können.» Für eine ernst zu nehmende Minderheit des Kirchenvolkes seien heute die Leistungen im sozialen Bereich dafür ausschlaggebend, die Kirchenmitgliedschaft nicht aufzukündigen. Mancher zahle seine Kirchensteuer, nicht weil er gerne wieder einmal am Sonntag zur Kirche gehen würde, sondern weil er die Kirche mit ihren vielfältigen sozialen Dienstleistungen nicht im Stich lassen möchte.

Buchhinweis

Adrian Loretan, Ueli Mäder, Sepp Riedener, Fridolin Wyss (Hrsg.): Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Eine 30-jährige Zusammenarbeit von Kirchen und staatlichen Institutionen zu Gunsten von suchtbetroffenen Personen. LIT-Verlag, 136 Seiten, 29 Franken.