LUZERN: Die Ampel folgt der Politik

Roland Koch ist für die Steuerung des Stadt-verkehrs zuständig. Er erklärt, was der Bypass bringt – und was Grünphasen mit Politik zu tun haben.

Robert Knobel
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Roland Koch auf einer Verkehrsinsel beim Luzernerhof. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Verkehr auf Luzerns Strassen rollt. (Bild Philipp Schmidli)

Roland Koch auf einer Verkehrsinsel beim Luzernerhof. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Verkehr auf Luzerns Strassen rollt. (Bild Philipp Schmidli)

Roland Koch, Sie sind dafür verantwortlich, dass der Verkehr in der Stadt Luzern rundläuft. Sind Sie zufrieden mit dem Resultat?

Roland Koch: Grundsätzlich ja. Während rund 22 von 24 Stunden haben wir kaum Verkehrsprobleme. Natürlich entdecke ich, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, immer wieder Details, die nicht gut funktionieren. Dann mache ich mir schon mal Skizzen, wie man das verbessern könnte.

Sie laufen also mit dem Notizblock durch die Stadt?

Koch: Nein, einen Block habe ich nie dabei, aber immer meinen Bleistift. Und irgendein Papier findet sich immer. Aber ich kann in der Freizeit auch abschalten und ganz einfach unsere schöne Stadt geniessen. Ich muss nicht für alles, was nicht optimal ist, gleich eine Lösung finden.

Angenommen, Geld würde keine Rolle spielen – was würden Sie im Luzerner Verkehrssystem als erstes ändern?

Koch: Einen Durchgangs-Tiefbahnhof bauen. Denn was der Stadt wirklich helfen würde, wäre ein gut funktionierendes ­S-Bahn-System. Doch dafür reichen die Kapazitäten der Bahnhofzufahrt nicht aus. Ein Tiefbahnhof würde hier Abhilfe schaffen.

Ein grosses Ärgernis für Verkehrsteilnehmer sind die Ampeln – die schalten ja immer gerade dann auf Rot, wenn man an die Kreuzung kommt. Nach welchen Kriterien werden eigentlich die Rot- und Grünphasen eingestellt?

Koch: Die Verteilung der Rot- und Grünphasen richtet sich im Zentrum nach dem Verkehrsaufkommen. In der Innenstadt haben wir vor sämtlichen Ampeln Verkehrszähler installiert, die den Verkehr permanent messen. Je nach Resultat läuft ein unterschiedlicher Ampelmodus ab.

Wer entscheidet über diesen Ampelmodus?

Koch: Ein Computer, der bei uns im Tiefbauamt steht – gleich im Nachbarbüro.

Und Sie programmieren diesen Computer?

Koch: Nein, das machen Spezialisten. Aber wir definieren, in welchem Fall wir wie viele Fahrzeuge aus welcher Richtung durchlassen wollen.

Nach welchen Kriterien wird dies gemacht?

Koch: Auf den Hauptverkehrsachsen streben wir einen möglichst guten Verkehrsfluss an, wollen aber die Wartezeiten der Fussgänger auch möglichst kurzhalten.

Wie lange man der Autobahneinfallsachse und dem Veloweg Grün geben will, ist doch auch eine politische Frage.

Koch: Ja, das ist letztlich immer auch eine politische Frage. Grundsätzlich wollen wir die Ampeln so einstellen, dass der öffentliche Verkehr fahrplangerecht durch die Stadt kommt, da er auf dem kleinsten Raum die meisten Personen transportieren kann. Doch dazu reicht es nicht, den Busverkehr allein zu betrachten. Wenn die Ampeln den Autos zu wenig Grün zeigen, so bleibt auch der Bus im Stau stehen, da er nicht überall eine Busspur hat. Alle Verkehrsträger hängen miteinander zusammen.

Dazu gehören auch die Fussgänger. Am Pilatusplatz haben ältere Personen kaum eine Chance, die Strasse während der Grünphase zu überqueren. Wieso geben Sie ihnen nicht einfach etwas mehr Zeit?

Koch: Wir versuchen, den Fussgängern so viel Zeit wie möglich zu geben. Mehr Zeit für die Fussgänger heisst aber auch weniger Zeit für den übrigen Verkehr, auch für den ÖV.

Nach der Eröffnung der Busspur auf der Pilatusstrasse sagten Sie, die Modellberechnungen hätten gezeigt, dass es kaum Schleichverkehr geben werde. Die Anwohner der Neustadt sehen das völlig anders ...

Koch: Warten wir die Resultate des Monitorings ab. Die subjektiven Wahrnehmungen der Anwohner sind mir aber auch wichtig. Modellberechnungen können die Wirklichkeit nicht immer genau abbilden.

Schleichverkehr gibt es auch im Bruchquartier, seit der Eröffnung des Einbahnabschnitts auf der Bruchstrasse. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Stadt mit jeder Massnahme neue Probleme schafft.

Koch: Es stimmt, dass es nun Schleichverkehr durch die Zähringerstrasse gibt. Dafür hat der Verkehr in der Bruchstrasse deutlich abgenommen. Jede Massnahme hat auch negative Auswirkungen. Es ist immer ein Abwägen, wie man den grössten Gesamtnutzen erzielen kann.

Auch auf dem Bundesplatz finden sich seit der Neugestaltung viele Autofahrer und Fussgänger nicht mehr zurecht. Der Platz ist unübersichtlicher und enger geworden. Was wollte die Stadt damit bezwecken?

Koch: Am Bundesplatz haben wir in Zusammenarbeit mit dem Kanton Sofortmassnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit für die Fussgänger realisiert. Wenn sich im Rahmen des Monitorings zeigen sollte, dass durch Anpassungen weitere Verbesserungen möglich sind, realisieren wir diese.

Wann wird es am Bundesplatz eine bessere Lösung geben?

Koch: Eine Gesamtumgestaltung des Bundesplatzes ist erst nach 2018 vorgesehen. Der Vorteil von Provisorien ist der, dass sie mit verhältnismässig kleinem Aufwand angepasst werden können.

Gewerbe und Wirtschaftsvertreter werfen der Stadt vor, sie sei autofeindlich. Stimmt das?

Koch: Nein, aber wir sind beim Autoverkehr, zumindest in den Stosszeiten, an der Kapazitätsgrenze angelangt. Mehr können die Strassen nicht schlucken. Als Lösung für die Zukunft sehe ich das Road Pricing. Luzern wird so einen Schritt aber nicht im Alleingang tun können. Das ist nur landesweit möglich.

Der Bypass soll dereinst die Luzerner Innenstadt vom Durchgangsverkehr entlasten. Hat die Stadt überhaupt Durchgangsverkehr?

Koch: Messungen auf der Seebrücke haben gezeigt, dass nur 8 Prozent des Verkehrs Durchgangsverkehr ist. 42 Prozent ist rein innerstädtischer Verkehr, 50 Prozent der Fahrten haben zumindest Ausgangspunkt oder Ziel innerhalb der Stadt.

Für 8 Prozent weniger Verkehr braucht es ein milliardenteures Projekt?

Koch: Der Bypass mit Spange Nord wird nicht nur für die Entlastung der Stadt erstellt. Er dient der ganzen Agglomeration. Dennoch könnte er künftig auch für innerstädtische Strecken benutzt werden, zum Beispiel um vom Tribschen zum Würzenbach zu gelangen.

Der Kanton verspricht, nach Eröffnung des Bypasses eine durchgehende Busspur zwischen Kriens und Luzernerhof einzurichten – auf Kosten einer Autospur. Dazu müsste der Verkehr in der Innenstadt aber massiv abnehmen.

Koch: Der Bypass ist nicht nur Voraussetzung für die Busspur. Die Busspur soll umgekehrt auch den Verlagerungseffekt verstärken: Wenn die Strassenkapazität in der Innenstadt verkleinert wird, wird es für Autofahrer auch attraktiver, die Umfahrung oder ein anderes Verkehrsmittel zu wählen. Für uns ist deshalb zentral, dass der Bypass und die Spange Nord zusammen mit den flankierenden Massnahmen in der Innenstadt realisiert wird.

Zum Schluss noch ein Tipp vom Verkehrsexperten: Wie kann man als einzelner Autofahrer dazu beitragen, dass der Verkehr flüssig bleibt?

Koch: Immer die Kreuzungen frei lassen. Wenn eine Kreuzung blockiert ist, geht gar nichts mehr. Lieber einen Moment länger vor der Kreuzung warten, bis auch die Ausfahrt frei wird. Am besten geht es immer «miteinander»: Ein Fussgänger darf ruhig mal einem Auto den Vortritt lassen.

Interview Robert Knobel

Verkehrsexperte

Roland Koch (55) ist Bauingenieur ETH mit Schwerpunkt Verkehrsingenieur und hat ein Nachdiplom in Unternehmensführung. Er arbeitet seit 12 Jahren beim städtischen Tiefbauamt, zuletzt als stv. Stadtingenieur. Seit der Neuorganisation des Tiefbauamts Anfang 2015 hat er eine Stabsstelle als Verkehrsexperte. Koch wohnt in der Stadt Luzern und fährt meist mit seinem Elektroauto Twike oder per Velo zur Arbeit. Gelegentlich benützt er auch das Auto und den Bus.