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LUZERN: Die besetzte Stadtvilla wird ein Fall für die Polizei

Die Aktivisten müssen das Haus an der Obergrundstrasse wohl demnächst verlassen. Der Eigentümer hat eine Anzeige eingereicht.
Gabriela Jordan und Matthias Stadler
Aktivisten haben das Haus an der Obergrundstrasse 99 besetzt. Der Eigentümer will es abreissen lassen. (Bild Pius Amrein)

Aktivisten haben das Haus an der Obergrundstrasse 99 besetzt. Der Eigentümer will es abreissen lassen. (Bild Pius Amrein)

Der Eigentümer hat genug. Die Bodum AG mit Sitz in Triengen hat bei der Luzerner Polizei Anzeige gegen unbekannt wegen Hausfriedensbruchs eingereicht. Grund dafür ist die leer stehende Villa an der Obergrundstrasse 99 in Luzern, die seit vergangenem Samstag besetzt wird. Ob und wann die Besetzer das Haus räumen müssen, ist laut Polizeisprecher Kurt Graf zurzeit noch unklar. Die Anzeige bedeute nicht, dass automatisch eine Räumung stattfinden würde.

Stadträtin Manuela Jost sagt, dass sie es begrüsst hätte, wenn die Besetzer sich bei der Stadt erkundigt hätten. Jost verurteilt die Besetzung, auch wenn man «gewisse Anliegen durchaus diskutieren kann». Sie würde es bedauern, wenn es zu einer Polizeiaktion käme.

Hausregeln in besetztem Haus

Das besetzte Haus an der Obergrundstrasse – die Aktion nennt sich Gundula – wirkt am gestrigen Nachmittag verlassen. Erst auf der Terrasse auf der hinteren Seite der Villa finden sich drei Aktivisten auf einem abgenutzten Sofa und einer abgeschnittenen Gymnastikmatte. An der Wand hängen diverse Leintücher, bemalt mit alternativen und anarchistischen Parolen. Die Aktivisten begrüssen die Journalisten mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Eigentlich wollten sie an diesem Tag mit keinen Pressevertretern sprechen und in Ruhe gelassen werden. Nach einem kurzen Gespräch geben sie unserer Zeitung dann doch Auskunft und genehmigen Zutritt ins besetzte Haus.

Vier Frauen und ein Mann – geschätztes Alter zwischen 20 und 30 – sind vor Ort. Ihren Namen nennen wollen sie nicht. Drei Aktivistinnen führen die Besucher durch die Villa. Was auffällt: Die Besetzer wollen Ordnung im Haus. So stehen gleich am Eingang die «Hausregeln», welche unter anderem besagen, dass weder Fotos noch Graffiti geduldet werden. Zudem sollen «Sexisten, Rassisten und Homophobe» draussen bleiben. Im Hausinnern wird zudem der Abfall getrennt, so hat es eine Recycling-Station im sonst leer stehenden Wohnzimmer. An einer Türe klebt eine leere Bierdose, die als Aschenbecher dient. Im Gang ist der Tagesablauf festgehalten und das Protokoll der täglichen Plenumssitzung aufgestellt. «Wir wollen nicht, dass die Leute hier nur Bier saufen und rumhocken. Zum Partymachen gibt es genügend Alternativen in der Stadt. Wir wollen, dass das Haus in einem politischen Rahmen steht, ohne Kommerz und Konsumzwang. Offen steht es für alle», sagen die Aktivisten.

Besuch von Pfarrer erwartet

Ziel der Hausbesetzer ist ein selbst organisierter Freiraum, in dem «jeder Mensch sich aufhalten und mitgestalten kann». Dass die Besetzung illegal ist, ist den Aktivisten bewusst. Trotzdem sagen sie: «Wir sind der Überzeugung, dass ein illegal belebter Freiraum einen grösseren Beitrag für die Gesellschaft leistet als ein legal besetzt gehaltener Leerraum.» Die Gruppe der Hausbesetzer ist lose organisiert. Laut eigenen Angaben kommen und gehen Leute, verantwortlich sei niemand bestimmtes. Die Besetzung komme in der Nachbarschaft gut an. So seien insgesamt bereits über 800 Besucher vorbeigekommen, und sie hätten «zahlreiche positive Rückmeldungen» erhalten. Die Besetzer erwarten demnächst Besuch eines Pfarrers aus der Stadt Luzern. «Und wenn es schön ist, hat es auf dem Anwesen Dutzende Leute, die lesen, diskutieren und den Ort geniessen», erklärt eine der Frauen. Die Jungen Grünen des Kantons Luzern, die Grünen und die Juso der Stadt Luzern äusserten ihre Sympathie für die Besetzung. Parteien sind aber laut den Hausbesetzern keine vertreten. CVP-Nationalrätin Andrea Gmür, die ganz in der Nähe wohnt, hat sich selber ein Bild vom Leben in und um das Haus gemacht, wie sie auf Twitter schreibt. Gutheissen würde sie die Aktion nicht, aber die Besetzer seien friedlich gewesen.

Das sieht der Hauseigentümer freilich anders. Jørgen Bodum, Geschäftsführer der Bodum AG, sagte gegenüber unserer Zeitung, dass die Besetzung «inakzeptabel» sei (Ausgabe vom 12. April). Auf erneute Anfrage unserer Zeitung wollte er nichts zur Angelegenheit sagen. Bekannt ist, dass er das Gebäude gerne abreissen und Mietwohnungen realisieren lassen will. Momentan seien Diskussionen mit der Stadt Luzern am Laufen. Problem dabei ist, dass es sich in der Ortsbildschutzzone B befindet. In dieser Zone sollen historische Gebäude erhalten bleiben.

Haus braucht Renovation

Dass das Haus vor einer allfälligen Neunutzung renoviert werden muss, ist augenscheinlich. An vielen Wänden fehlt der Verputz, Kabel hängen aus den Wänden. Und der Balkon scheint schon sicherere Tage gesehen zu haben. Das stört die Besetzer nicht. Sie veranstalten Kurse, zum Beispiel eine «Schreibwerkstatt», oder bemalen Holzkonstruktionen. Zudem haben sie einige Sofas in die Räume gestellt, im obersten Stock liegen mehrere Matratzen und Schlafsäcke. Im Esszimmer steht eine Bank mit Lebensmitteln. Jemand hat mehrere fertig verpackte Salate mitgebracht. Daneben befindet sich eine kleine Bar, sogar mit einem Zapfhahn eines lokalen Bierproduzenten. Im Raum daneben steht ein gutes Dutzend leere Bierfässer.

«Wertvoller Beitrag»

Zu einer möglichen Räumung sagen die Besetzer, dass sie «nicht in Räumungsfristen planen. Wir gehen davon aus, dass die Besitzer erkennen, welchen wertvollen Beitrag Gundula für die Gesellschaft zu leisten imstande ist.»

Gabriela Jordan und Matthias Stadler

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