LUZERN: Die eigenartige Sammelwut der Pfader

Die Pfadistiftung Schweiz sammelt seit Jahren Gelder für Lagerplätze. Doch obwohl schon mehr als 1,2 Millionen Franken in der Kasse liegen, wurde noch kein einziger gebaut.

Lena Berger
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Auch Luzerner Pfader – im Bild die Pfadi Musegg im Sommerlager 2011 – haben zunehmend Schwierigkeiten, Lagerplätze zu finden. (Archivbild Nadia Schärli)

Auch Luzerner Pfader – im Bild die Pfadi Musegg im Sommerlager 2011 – haben zunehmend Schwierigkeiten, Lagerplätze zu finden. (Archivbild Nadia Schärli)

Lena Berger

Diese Tage ist ein grosser Bettelbrief der Pfadistiftung in die Schweizer Haushalte geflattert. Der Appell, mit dem sich Stiftungspräsident und alt Nationalrat Reto Wehrli an die Leser richtet, klingt dramatisch: Man stecke «bös in der Klemme». Aufgrund des Baubooms gebe es immer weniger Plätze für Zeltlager. Wenn die Entwicklung so weiter gehe, werde es irgendwann keine Sommerlager und keine Pfadis mehr geben – verhindern könne man dies mit Spenden.

Steigende Zahlen täuschen

Angesichts dieser verzweifelten Worte ist umso überraschter, wer einen Blick in die Lagerplatz-Datenbank der Stiftung wirft. Sie zeigt: Die Zahl der registrierten Lagerplätze hat in den letzten vier Jahren um mehr als 40 Prozent zugenommen. Waren es 2011 schweizweit 350, sind es heute bereits rund 500 Plätze. Weiter wird der Serviceklub Rotary den Jugendverbänden dieses Jahr acht bis zehn neue Lagerplätze zur Verfügung stellen – zwei davon im Kanton Luzern, wie die «Neue Luzerner Zeitung» am Freitag berichtete.

Dennoch verschickt die Pfadistiftung ein und denselben Bettelbrief in unverändert warnendem Ton seit 2011. Werden die Spender damit hinters Licht geführt? Stiftungspräsident Reto Wehrli wehrt sich: «Die Zahlen könnten zu der Vermutung verleiten, dass sich die Situation entschärft habe. Ich kann aber nur in aller Deutlichkeit betonen, dass dem nicht so ist.» Im Gegenteil: «Pro Sekunde geht in der Schweiz ein Quadratmeter Kulturland verloren. Land, auf dem die traditionellen Pfadilager bisher stattgefunden haben. Die Situation spitzt sich dramatisch zu.» Von den steigenden Registrierungen dürfe man sich auf keinen Fall blenden lassen. «Die wenigen noch vorhandenen Plätze werden heute dank den Bemühungen der Stiftung lediglich besser erfasst.»

Die Einnahmen explodierten

Die Warnung, dass künftig keine Pfadilager mehr stattfinden könnten, verfehlt ihre Wirkung bei vielen Schweizern nicht – und lockert so manches Portemonnaie. Die Spendenaktionen der Pfadistiftung sind ein immenser Erfolg. Die Spendengelder explodierten seit der Lancierung der Kampagne: Während im Jahr 2010 lediglich 320 000 Franken gesammelt werden konnten, waren es im Jahr darauf satte 1,3 Millionen Franken. Insgesamt kamen in den Jahren 2011 bis 2013 rund 4,5 Millionen Franken zusammen. Mit diesen Mitteln wurden sicher viele Lagerplätze geschaffen – könnte man meinen. Dem ist aber nicht so.

Spendenaktion kostete Millionen

Zum einen handelt es sich bei den 4,5 Millionen Franken nicht um den Nettoerlös. Die Schweizerische Pfadistiftung gibt derzeit für keinen Posten so viel Geld aus wie für die Spendenaktion selbst. Von 2011 bis 2013 wurde durchschnittlich die Hälfte ihrer Gelder dafür aufgewendet. Nur ein Drittel floss an die Pfadibewegung Schweiz. Und nur knapp 20 Prozent der Spendengelder wurden tatsächlich für die Schaffung von Lagerplätzen reserviert (siehe Grafik). Die Rückstellungen betrugen Ende 2013 rund 1,2 Millionen Franken. Ausgegeben wurde davon noch gar nichts.

«Auf bestem Weg»

Wie kann das sein? Sammelt die Pfadistiftung etwa auf Vorrat? Stiftungspräsident Reto Wehrli verneint. Dass der hohe finanzielle Aufwand für die Spendenaktion kritisch hinterfragt werde, könne er nachvollziehen. Er wirbt aber auch für Verständnis: «Die Aktion ist Teil einer langjährigen Strategie, für die wir einen grossen Initialisierungsaufwand auf uns nehmen mussten», erklärt er. Soll heissen: «Wir mussten am Anfang grössere Investitionen tätigen. Wir haben uns dabei von einer spezialisierten Firma beraten und die Aktion im wesentlichen von ihr durchführen lassen. Diese hat auch das finanzielle Risiko der Kampagne übernommen.» Ziel sei es, Aufwand und Ertrag in den nächsten Jahren in ein stimmiges Verhältnis zu bringen. «Wir sind bereits auf dem besten Weg dazu. 2014 haben wir rund 1,7 Millionen Franken eingenommen, während wir 0,5 Millionen Franken ausgegeben haben – wir liegen inzwischen also bereits unter einem Drittel.»

Hohe rechtliche Hürden

Doch warum wurde das Geld in den letzten Jahren nicht eingesetzt? Wehrli sagt dazu: «Wir sind an verschiedenen Standorten in Verhandlungen. Erschwert werden diese allerdings durch die rechtliche Situation.» So ist es nach bäuerlichem Bodenrecht als Nichtlandwirt zum Beispiel nicht möglich, landwirtschaftliches Land zu kaufen. «Auch das Raumplanungsrecht macht uns zu schaffen. So ist ein Lagerplatz auf Dauer weder in einer Bau- noch in einer Landwirtschaftszone möglich», erklärt Wehrli.

Man sei aktuell mit Vorstössen daran, auf nationaler Ebene für eine Öffnung der Vorschriften zu kämpfen. Das brauche Zeit. «Wenn sich aber Möglichkeiten bieten, müssen Gelder bereit stehen, damit wir gleich zugreifen können», sagt Wehrli. «Würden wir erst dann anfangen Geld zu sammeln, wäre es zu spät.» In der Zwischenzeit würden bestehende Lagerplätze saniert. So sollen 2015 in Churwalden 50 000 Franken in eine neue Infrastruktur investiert werden. «Auch für die Lagerplätze haben wir zusehends höhere Auflagen zu erfüllen.»

Lena Berger

 

«Geht die Rechnung auf für Sie?»

Die Kosten der Flyer-Aktion der Pfadistiftung betrugen in den ersten drei Jahren rund die Hälfte der Einnahmen. Geht das auf?
Christine Breitschmid: Wir gehen davon aus, dass eine gute Aktion etwas kostet. Diese erste Aktion 2011 war die erste gross angelegte Kampagne der Pfadi-stiftung und wurde entsprechend breit gestreut. Wir glauben nicht, dass die Kosten übertrieben sind. Wir sind überzeugt, dass diese Aktionen langfristig für das Image und die Bekanntheit der Pfadi Schweiz sinnvoll sind. Wir schätzen es, dass die Pfadistiftung für die Pfadibewegung Schweiz und somit auch für uns Geld sammelt. Auch hat sich das Kosten-Ertrag-Verhältnis der Kampagne inzwischen verändert.

Haben dieses Jahr alle Luzerner Pfadis Lagerplätze gefunden?
Breitschmid: Ja, aber es ist nicht einfach, geeignete Plätze zu finden. Gewisse Lagerplätze von früher wurden umgezont und können heute nicht mehr benutzt werden. Darum wurde 2011 auch die Aktion der Pfadistiftung ins Leben gerufen: Sie soll helfen, langfristig genügend geeignete Lagerplätze zu sichern, damit nie ein akuter Lagerplatzmangel herrschen wird.

Sind in Luzern seit 2011 neue Lagerplätze hinzugekommen?
Breitschmid: Es ist schwierig, von absolut vorhandenen Lagerplätzen zu sprechen. Einige Plätze werden einmalig verwendet und dann nicht mehr, während andere jedes Jahr gemietet werden. So funktioniert auch die Datenbank der Pfadistiftung: Sie registriert nicht offizielle Pfadilagerplätze, sondern solche, die einfach mindestens einmal verwendet wurden. Es gibt unter diesen Plätzen einige, die bei einer heutigen Anfrage nicht mehr vermietet würden – etwa weil sie inzwischen überbaut wurden oder an eine Siedlung angrenzen.

Ist die Datenbank der Pfadistiftung hilfreich bei der Suche?
Breitschmid: Die Datenbank ist ein wertvolles Instrument, um zu sehen, in welchen Regionen es Lagerplätze gibt. Die Bewertungen durch andere Lagerleitungen sowie zusätzliche Informationen zu einzelnen Plätzen sind eine weitere Hilfe. Eine andere Möglichkeit, einen Platz zu finden, ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Oder die Leitung fährt einfach ins Grüne und fragt den Landbesitzer vor Ort persönlich an, wenn ihnen ein Gebiet gefällt.

Wie haben die Luzerner Pfadis von den Spenden profitiert?
Breitschmid: Etwa durch die Instandhaltung und den Ausbau der Lagerplätze-Datenbank. Zudem investiert die Pfadibewegung Schweiz mehr in die Ausbildung und hat zum Beispiel den nationalen Pfaditag ins Leben gerufen, der uns wachsende Mitgliedszahlen beschert hat. Weiter bieten diese Einnahmen Sicherheit in einer Zeit, in der das Risiko besteht, dass die Gelder für die Jugendarbeit von staatlicher Seite gekürzt werden.

Bild: Grafik / web

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