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LUZERN: «Die Frauen sind uns nicht egal»

Strassenstrich, Littering, Nachtruhestörungen: Luzerns Sicherheitsmanager Maurice Illi bewegt sich in einem brisanten Spannungsfeld. Im Moment ist es recht ruhig in der Stadt, zudem gibts ein neues Angebot für die Prostituierten.
Interview Daniel Schriber
Hier wird bald ein Container errichtet, in dem Prostituierte Beratung, Schutz und Wärme finden. Der Brennpunkt «Ibach» ist in Maurice Illis Alltag als Luzerner Sicherheitsmanager allgegenwärtig. (Bild Eveline Beerkircher)

Hier wird bald ein Container errichtet, in dem Prostituierte Beratung, Schutz und Wärme finden. Der Brennpunkt «Ibach» ist in Maurice Illis Alltag als Luzerner Sicherheitsmanager allgegenwärtig. (Bild Eveline Beerkircher)

Maurice Illi, verschiedene Nachtstern-Busse reduzieren künftig ihren Betrieb. Bedeutet dies das Ende der 24-Stunden-Gesellschaft?

Maurice Illi: Eine Trendwende im Bezug auf das Nachtleben ist nicht spürbar.

Aber?

Illi: So wie ich das einschätze, handelt es sich nur um Sparmassnahmen. Die Leute gehen genauso oft in den Ausgang wie vor zwei, drei Jahren. Vielleicht ist das Wachstum nicht mehr ganz so krass.

Das Nachtleben bringt immer wieder Probleme mit sich. Littering, Gewalt, Lärm. Wo brennts im Moment?

Illi: Aktuell ist es ziemlich ruhig, doch das kann sich erfahrungsgemäss rasch ändern.

Wir erinnern uns an den Stress rund um den ehemaligen Luzerner Club Opera. Wie hat sich die Lage am Hallwilerweg entwickelt?

Illi: Seit kurzem ist der neue Club Princess in Betrieb. Es läuft gut, gerechtfertigte Reklamationen gab es noch keine. Das war früher ganz anders.

Woran liegt das?

Illi: Wir haben frühzeitig mit den Betreibern das Gespräch gesucht und sie auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht. Das hat sich gelohnt. Es wurden gleich zu Beginn mehrere präventive Massnahmen getroffen.

Wie zum Beispiel?

Illi: Clubgänger, die mit ihrem Auto im Parkhaus Kesselturm parkieren, erhalten mit dem Parkticket ein alkoholfreies Getränk offeriert. Das reduziert den Parkplatzsuchverkehr im Bruchquartier, was früher oft zu Reklamationen geführt hat.

Weitere Massnahmen?

Illi: Viele Partygänger holen sich am frühen Morgen in der Bäckerei an der Ecke etwas zu essen. Das führte in der Vergangenheit immer wieder zu Lärmemissionen vor dem Laden. Seit kurzem liefert die Bäckerei nun Sandwiches in den Princess-Club. Auch das eine einfache, aber effiziente Massnahme.

Warum werden diese Lösungen erst jetzt umgesetzt?

Illi: Es ist schwierig, bei einem bestehenden Club das Konzept zu ändern – deshalb haben wir hier jetzt bereits vor der Neueröffnung aktiv eingegriffen. Wir wollten nicht warten, bis wieder Geschirr zerschlagen ist.

Massnahmen wurden vor einiger Zeit auch bei der Strassenprostitution ergriffen. Die Frauen stehen nicht mehr in der Innenstadt, sondern im Gewerbegebiet Ibach. Die richtige Lösung?

Illi: Mit dem neuen Strassenstrich-Reglement hat die Stadt den Auftrag des Parlaments erfüllt und die Strassenprostitution erfolgreich aus den Wohnquartieren verbannt. Ob die Lösung richtig ist, ist die andere Frage.

Wie meinen Sie das?

Illi: Für die Anwohner der Quartiere hat sich das Problem erledigt. Aber wie Sie sich vorstellen können, dauerte es keine Woche, ehe sich die Gewerbetreibenden bei der Stadt meldeten und wegen der Prostituierten reklamierten. Das ist das Schwierige an meinem Job: Man löscht ein Feuer, und an einem andern Ort entflammt wieder ein neues.

Die Geschäftsbesitzer stören sich am Dreck auf der Strasse und darüber, dass Angestellte oder Kunden von den Prostituierten angemacht werden.

Illi: Was natürlich nicht erfreulich ist. Gegen den Dreck haben wir rasch etwas unternommen – das Gebiet Ibach wird jeden Morgen von einem Reinigungsinstitut geputzt. Dass Leute von den Frauen angesprochen oder gar bedrängt werden, dagegen können wir nur schwer etwas tun.

Das dürfte die Betroffenen ärgern.

Illi: Wir informieren die Leute über ihre rechtlichen Möglichkeiten. Die Geschäftsbesitzer können zum Beispiel Verbotstafeln auf ihrem Firmengelände aufstellen, was auch gemacht wurde. Wenn ein Freier trotzdem aufs Firmengelände fährt, kann er verzeigt werden.

Und dann gibt es ja auch noch die betroffenen Frauen.

Illi: Eine schwierige Situation. Die Prostituierten sind letztendlich die Leidtragenden. Und ja, wahrscheinlich sind darunter auch Frauen, die diesen Job nicht freiwillig machen. Gegen Menschenhandel geht die Kriminalpolizei konsequent vor.

Trotzdem: Wie sehr kümmern Sie sich um die Interessen der Frauen?

Illi: Die Prostituierten sind uns nicht egal. Ab Dezember starten wir auf dem Strassenstrich das Projekt Hotspot. Geplant ist, dass fortan zweimal pro Woche Beraterinnen auf dem Strassenstrich anwesend sind, um die Prostituierten in verschiedenen Belangen zu unterstützen.

Zum Beispiel?

Illi: Für die Beratung steht ein Container zur Verfügung, in welchem den Sexarbeiterinnen Kondome, Hygieneartikel und Informationsbroschüren abgegeben werden. Es geht dabei um gesundheitliche Themen, rechtliche Fragen oder Aufenthaltsbestimmungen. Die Pilotphase des Projekts läuft 18 Monate.

Wissen Sie eigentlich, wie es auf dem Strassenstrich zu- und hergeht? Waren Sie selber vor Ort?

Illi: Natürlich. Es gehört zu meiner Aufgabe, dass ich mir immer ein Bild über die Situation mache – egal ob es um den Strassenstrich, um eine Disco oder um die Situation auf dem Bahnhofplatz geht. Da versetzt man sich auch mal in die Rolle sozusagen «als Freier» und beobachtet die Situation vor Ort aus dem Auto heraus. Dabei wurde ich sogar auch schon von der Polizei kontrolliert.

Strassenstrich, Nachtleben, Drogenszene, Litteringprobleme – Ihr Aufgabengebiet ist vielfältig. Wie viele Reklamationsbriefe aus der Bevölkerung landen täglich auf Ihrem Pult?

Illi: Anfänglich erhielt ich fast täglich Mails, Briefe oder Anrufe, heute noch ein bis zweimal pro Woche. Es ist schon so, dass ich als Sicherheitsmanager auch ein wenig die Funktion eines Blitzableiters habe. Auch dafür ist diese Stelle da.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Illi: Die Kritik ist in der Regel ja nicht an mich gerichtet. Wichtig ist, dass man die Anliegen der Leute ernst nimmt. Ich beantworte alle Schreiben, wenn möglich nicht nur mit einem Standardschreiben. Oft greife ich zum Telefonhörer, um ein Thema direkt mit dem Schreibenden zu besprechen.

Sie sind berufsbedingt nah dran am Puls der Stadt. Wie tickt Luzern?

Illi: Luzerner wünschen sich eine schöne, ruhige und friedliche Stadt und sind gleichzeitig das Zentrum der Zentralschweiz. Das verträgt sich nicht immer.

Wie meinen Sie das?

Illi: Luzern ist sicher und sauber – aber Luzern ist eine Stadt, die lebt. Auch nachts. Wie andernorts gibt es auch hier urbanere Gebiete mit allen Vor- und Nachteilen.

Fordern die Luzerner tendenziell schneller Verbote als andere?

Illi: Das glaube ich nicht. Ich bin selber immer skeptisch gegenüber neuen Verboten.

Wieso?

Illi: Verbote sind ein Zeichen von Hilflosigkeit. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, zu vermitteln, Toleranz und Verständnis zu schaffen. Meistens gibt es bei einem Problem nicht nur Täter und Opfer, sondern mehrere Beteiligte mit den unterschiedlichsten Interessen. Die Strassenprostitution ist ein gutes Beispiel dafür.

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