Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERN: Die geheimnisvolle Seite der Luzerner Hofkirche

Das Kirchenschiff und die Türme gehören der Kirchgemeinde, der Chor der Hofkirche den Chorherren – eine einzigartige Eigentumssituation. Sie ist nicht unumstritten. Unter anderem, weil das Chorherrenstift seine Finanzen nicht publik macht.
Hugo Bischof
Die Hofkirche mit dem Chorteil des Gebäudes im Vordergrund. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 12. September 2017))

Die Hofkirche mit dem Chorteil des Gebäudes im Vordergrund. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 12. September 2017))

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Unübersehbar steht sie da: die Hofkirche, Touristenattraktion und grösste Pfarrkirche Luzerns. Zehntausende gehen hier jedes Jahr ein und aus. Was viele von ihnen nicht wissen: Die dem heiligen Leodegar geweihte Kirche hat neben ihrer kunst- und kirchenhistorischen Bedeutung eine spezielle Eigenschaft – sie hat zwei Eigentümer. Der Chor der Kirche gehört dem Kollegiatsstift St. Leodegar, das Kirchenschiff inklusive Türme der katholischen Kirchgemeinde. Ein Unikum. Nur die Peterskirche in Zürich kennt eine ähnliche Konstellation: Schiff, Glockenstuhl und Glocken gehören der Kirchgemeinde, der 64 Meter hohe Turm der Stadt Zürich. Das hat historische Gründe: Der Turm diente als Brandwache; von 1340 bis 1911 hausten in der Turmstube Feuerwächter.

Auch in Luzern ist die eigentumsmässige Zweiteilung der Hofkirche historisch bedingt. Und: Sie birgt Konfliktpotenzial. Unlängst hat der Luzerner alt CVP-Grossstadtrat Louis Baume eine «städtische, katholisch-kirchenpolitische Streitschrift» verfasst. Er kritisiert darin die fehlende Transparenz des Kollegiatsstifts St. Leodegar. Dieses, auch Chorherrenstift genannt (siehe Kasten), ist für viele Luzerner ein Buch mit sieben Siegeln. Doch ist es tatsächlich ein öffentlichkeitsscheuer Geheimbund, wie Baume suggeriert?

Besitzverhältnisse verkomplizierten sich zusehends

Die Ursprünge der Hofkirche reichen ins 9. Jahrhundert zurück. Erbaut wurde sie vom dortigen Benediktinerkloster. Dieses wurde 1456 auf Wunsch der Mönche in ein weltliches Chorherrenstift umgewandelt, das damit das Besitzrecht an der Kirche erhielt. Am Ostersonntag 1633 brannte die Hofkirche bis auf die Grundmauern nieder. Der Wiederaufbau – die beim Brand unversehrten Türme blieben – kostete 212900 Gulden. Das entspricht heute über 1 Million Franken. Da das Stift diese Summe allein nicht zahlen konnte, mussten Private und die Stadt Luzern mit beträchtlichen Beiträgen aushelfen. Dennoch blieb die Hofkirche Alleineigentum des Stifts.

1798 bemächtigte sich die Helvetische Republik der meisten Klöster und Stifte. Für die Hofkirche konnte die Konfiszierung abgewendet werden. Doch die Besitzverhältnisse verkomplizierten sich zusehends, zumal die Stadt an den Unterhalt der Kirche bezahlte und der Kanton den Hofpfarrer wählte. 1822 wurde der Besitz aufgeteilt: Das Stift erhielt das Schulhaus sowie den Chor der Kirche, die Stadt die Türme, die Kapelle, die Orgeln, den Friedhof und das Kirchenschiff. 1874 übergab die Stadt ihren Anteil an die neu geschaffene katholische Kirchgemeinde Luzern. Noch in den 1930er-Jahren wollte das Stift das Eigentum an der ganzen Kirche zurückhaben. 1951 wurden das Stift und die Kirchgemeinde als Besitzer zu gleichen Teilen im Grundbuch eingetragen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Den Chorherren gehören zwei Hotels und ein Parkhaus

Nun aber zu Louis Baumes Kritik. «Obwohl das Stift sich als ‹öffentlich-rechtliche Körperschaft› versteht, gibt es über seine finanzielle Lage nichts bekannt», schreibt er. Einblick erhielten nur die bischöfliche Kurie, der private Treuhänder und das Steueramt. «Ein Ärgernis», so Baume. Die Kirchgemeinde hingegen informiert offen. Sie beziffert den Verwaltungsvermögenswert ihres Anteils an der Hofkirche in der Jahresrechnung 2016 mit 1,2 Millionen Franken (der Gebäudeversicherungswert der ganzen Kirche beträgt 38 Millionen Franken).

Das Stift kommuniziert den Wert seines Anteils der Hofkirche nicht. Bekannt ist einzig, dass das Stift weitere Immobilien besitzt, die es zu marktüblichen Preisen vermietet oder im Baurecht abgibt. Etwa die Hotels Rebstock und Hofgarten, ein Mehrfamilienhaus im Mühlemattquartier und ein Parkhaus an der Haldenstrasse. Auch dazu gibt es keine Zahlen. «Es darf nicht sein, dass das Stift in seiner Öffentlichkeitsarbeit seinen nicht kirchlichen Zwecken dienenden Immobilienbesitz nicht erwähnt und wertet», schreibt dazu Baume: «Besonders ärgert dies, wenn man im Gegensatz dazu die freundliche und offene Sprache über die finanziellen Verhältnisse des Chorherrenstiftes St. Michael in Beromünster gegenüberstellt.»

Ein Adressat von Baumes Streitschrift ist der von ihm persönlich «hochgeschätzte» Chorherr Paolo Brenni (91), Priester, Pfarrer und früherer Religionslehrer. «Unsere Finanzen werden von einem Treuhänder und dem Steueramt sorgfältig überprüft; wir haben uns da nichts vorzuwerfen», sagt Brenni auf Anfrage. Dass das Stift Beromünster zurzeit offensiver informiere, habe damit zu tun, dass dieses auf der Suche nach Donatoren für Restaurierungsarbeiten sei. Das Stift sei generell nur der bischöflichen Kurie Rechenschaft schuldig.

Baume kontert: «Der laizistische Staat betont immer wieder, dass eine öffentlich-rechtliche Körperschaft demokratische Strukturen haben muss. Das trifft auf das Stift der Natur nach nicht zu.» Er bemängelt auch den «dürftigen» Web-Auftritt des Stifts. «Da könnten wir mehr machen», räumt Brenni ein. Laut einem Brief, den uns Baume vorlegt, hat man auch am Bischofssitz in Solothurn Interesse an einer gewissen Öffnung. In Beromünster habe das Projekt «ultra fines» nach einigen Jahren und vergeblichen Versuchen nun einen Zukunftsprozess ausgelöst, schreibt Generalvikar Markus Thürig. «Ich erwarte von diesem Projekt für einen ähnlichen Prozess in Luzern Hinweise und Vorarbeiten.»

Auch die Stadt zahlt Teil der Unterhaltskosten

Den Vorwurf Baumes, wegen der unklaren Situation werde ein Teil des Kirchenunterhalts mit Steuergeldern der Kirchgemeinde «quersubventioniert», weist Brenni entschieden zurück: «Der Unterhalt des Areals ist klar geregelt.» Das bestätigt Urban Schwegler, Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche Stadt Luzern. «Die Zusammenarbeit zwischen Kirchgemeinde, Pfarrei und Stift St. Leodegar läuft reibungslos. Die Besitzverhältnisse haben keine Auswirkungen auf die Nutzung der Kirche. Die Belegung durch verschiedene Nutzergruppen ist klar geregelt. Wir sehen keinen Anlass, an der Situation etwas zu ändern.» Zur Rechnungsführung sagt Schwegler: «Als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist die Kirchgemeinde von Gesetzes wegen zu einer offenen und transparenten Rechnungslegung verpflichtet.» Auf die Rechnungsführung des Stifts habe die Kirchgemeinde keinen Einfluss. «Ebenso wenig auf die rechtlichen oder kirchlichen Vorgaben.»

Ganz so einfach ist die Frage des Unterhalts aber nicht. Denn die Stadt besitzt ebenfalls einen Teil der Hofkirche-Liegenschaft, nämlich die öffentlichen Wege und Zugangstreppen. Für deren Unterhalt ist die Stadt somit zuständig. Zahlen muss sie aber auch für die Instandhaltung der öffentlichen Gräberhallen – obwohl diese dem Kollegiatsstift gehören. So wurde es 1946 in einem Vertrag zwischen Stadt und Stift geregelt. Es gibt Bestrebungen, die Unterhaltspflichten neu zu regeln. «Vertreter des Kollegiatsstifts und der Stadt sind diesbezüglich in Kontakt», bestätigt Stadträtin Manuela Jost: «Es geht darum, den Vertrag aus dem Jahre 1946 an die heutigen Zuständigkeiten anzupassen.» Seitens der Stadt Luzern werde der bauliche Unterhalt für die Gräberhallen ein Thema sein. Wird hier künftig also das Stift in der Pflicht stehen? Jost: «Dieses Thema wird im Gesamtkontext der Verhandlungen besprochen.»

Seine letzte grosse Bewährungsprobe musste das Konstrukt der geteilten Eigentümerschaft bei der Innenrenovation der Hofkirche 2000 bis 2001 bestehen. An den Gesamtkosten von 5,3 Millionen Franken beteiligte sich das Kollegiatsstift damals mit 1 Million Franken. Die katholische Kirchgemeinde zahlte 1,3 Millionen, die Denkmalpflege 0,6 Millionen Franken. Den grossen Rest von 2,4 Millionen Franken trug der Verein Pro Hofkirche mit Spendengeldern aus der ganzen Schweiz bei.

Chorherren wirken karitativ

STIFT Chorherren sind heute altgediente Geistliche und Theologen. Sie sind nicht Mönche und tragen somit auch kein Ordensgewand. Ein Kollegiatsstift (Chorherrenstift) besteht meist aus maximal zwölf Chorherren. In Luzern sind es zurzeit neun. Sie wohnen in den Chorherrenhäusern rund um die Hofkirche. Ihre Hauptaufgabe ist das tägliche Stundengebet, das jeweils am Morgen und Abend gemeinsam verrichtet wird. Zudem steht täglich ein Chorherr einer Messfeier in der Hofkirche vor, die am Sonntag als Choralamt gefeiert wird. Alle Chorherren leisten zudem in den Pfarreien der Stadt und Agglomeration Luzern zahlreiche priesterliche Dienste. Weiter kümmern sie sich um Einzelseelsorge.

Das Kollegiatsstift verwaltet sein eigenes Vermögen (dazu gehört neben Teilen der Hofkirche auch weltliches Besitztum, siehe Haupttext). Mit den Erträgen machen sie finanzielle Vergabungen an karitative, gemeinnützige Institutionen (darunter Verein Kirchliche Gassenarbeit, Verein Hotel Dieu Stutzegg, Verein zur Begleitung Schwerkranker, Caritas Kanton Luzern). Sie fördern auch Musikanlässe in der Hofkirche.

Zu den Aufgaben der Chorherren gehört auch die Pflege der historisch-kulturellen Güter der Hofkirche und der Stiftshäuser. So bieten sie unter anderem Führungen in der Hofkirche an. Zuständig sind sie auch für die Verwaltung der Gräber rund um die Hofkirche. Das Kollegiatsstift (Chorherrenstift) Luzern wird vom Propst geleitet, dem der Custos als Stellvertreter zur Seite steht. Neuaufnahmen geschehen auf Initiative des Stiftes. Es prüft die Kandidaten, lässt sie vom Bischof von Solothurn bestätigen, der sie dem Regierungsrat des Kantons Luzern zur definitiven Wahl vorschlägt.

(hb)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.