LUZERN: Die Jungbauern preschen vor

Die Landwirtschaft macht einen Wandel durch. Gefragt sind neue Ideen – und das Durchbrechen alter Strukturen, sagt der Präsident der Junglandwirte Zentralschweiz.

Christian Hodel
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Stefan Doppmann (31), Präsident der Junglandwirte Zentralschweiz, auf einer Wiese bei seinem Hof in Blatten. (Bild: Philipp Schmidli / Neue  LZ)

Stefan Doppmann (31), Präsident der Junglandwirte Zentralschweiz, auf einer Wiese bei seinem Hof in Blatten. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Christian Hodel

Er hat sich frisch gemacht. Er trägt ein weisses Poloshirt mit dem Aufdruck der Junglandwirte Zentralschweiz auf seiner Brust. Mit dem Velo biegt er um die Ecke zu seiner Scheune oberhalb von Blatten. Stefan Doppmann, 31-jährig, winkt schon von weitem. Der Präsident der Junglandwirte Zentralschweiz ist stolz auf sein Amt. Und auf seinen Berufsstand, obwohl dieser schon bessere Zeiten erlebt hat.

Stefan Doppmann, was beschäftigt die Jungbauern?

Stefan Doppmann: Viele Höfe sind nicht effizient genug. Es gibt Landwirte, die verdienen nach Abzügen null Franken in der Stunde und andere über 35 Franken. Die Spannweite ist riesig.

Hat das Bauern eine Zukunft?

Doppmann: Bestimmt. Aber es muss sich einiges ändern. Auch darum haben wir vor gut zweieinhalb Jahren die Jungbauern Zentralschweiz ins Leben gerufen. Mittlerweile sind wir auf 300 Mitglieder angewachsen. Wir helfen uns gegenseitig, die Betriebe zu optimieren.

Vor acht Jahren hat Doppmann den Hof übernommen, auf einem Hügel, hoch über Blatten, mit Sicht aufs Renggloch. Sein Geschäft ist die Milchwirtschaft.

Sinkt der Preis, will jeder Bauer mehr produzieren, um sein Einkommen zu halten. Damit werde der Milchpreis weiter gedrückt, sagte der Ökonom Hans Rentsch jüngst in unserer Zeitung. Ein Teufelskreis sei das.

Doppmann: Ich glaube, bei den jungen Landwirten hat diesbezüglich ein Umdenken stattgefunden. Viele sind sich bewusst, dass der Milchpreis mit einer höheren Produktion nicht besser wird. Immer mehr produzieren ist nicht die Lösung.

Sondern?

Doppmann: Wir sollten unsere Kühe mit unserem Gras ernähren und nicht Unmengen an Kraftfutter beigeben, damit die Milchproduktion steigt. Damit können Bauern übrigens auch Futter- und Tierarztkosten einsparen. Viele Jungbauern haben das erkannt.

Findet also gerade der grosse Strukturwandel bei den Bauern statt?

Doppmann: In gewisser Weise schon. Die jungen Bauern sind sich bewusst, dass sie in Zukunft effizienter sein müssen. Sie müssen mehr rausholen aus dem, was sie haben. Man muss auch Vermarkter und Buchhalter sein.

Innert zehn Jahren sind in Luzern gut 10 000 Betriebe verschwunden. Gab es einfach zu viele Bauern?

Doppmann: Jede Schliessung ist für die Betroffenen bedauerlich. Aber der Strukturwandel bietet für jene, die zu hundert Prozent Landwirte sein wollen, eine Chance. Landflächen werden frei. Ich glaube, es ist besser, wenn es ein paar Betriebe weniger gibt, dafür können jene, die bestehen, von der Landwirtschaft leben.

Im vergangenen Jahr wurden im Kanton Luzern 213,5 Millionen Franken Direktzahlungen an rund 4400 Landwirtschaftsbetriebe und 245 Alpen ausgerichtet – fast 46 000 Franken macht das pro Jahr runtergerechnet auf einen Betrieb.

 

Hält man mit Bundesgeldern Bauern künstlich über Wasser?

Doppmann: Jeder Bauer würde sein Geld gerne über den Erlös seiner Produkte verdienen. Aber solange im Ausland günstiger produziert wird, braucht es die Gelder. Es ist ja nicht so, dass jeder Landwirt mit seinem Hof seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Ich kenne eine Vielzahl an Jungbauern, die Teilzeit woanders Geld verdienen müssen, um auf ihr Einkommen zu kommen.

Vor vier Jahren schloss sich Doppmann mit dem Nachbarn zu einer Betriebsgemeinschaft zusammen. Biomilch produzieren sie. So generiert Doppmann sein Einkommen zu hundert Prozent aus der Landwirtschaft. Damit ist er eine Ausnahme, wie neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen (siehe Kasten): Rund einen Viertel des Einkommens verdient der Schweizer Bauer ausserhalb der Landwirtschaft.

 

Will ein Landwirt Geld verdienen, ist auch Innovation gefragt.

Doppmann: Das ist ein Dauerthema. Aber für jeden Betrieb bedeutet Innovation was anderes. Ein Beispiel: Vor kurzem besuchten wir den Forellenhof Ludiswil in Römerswil. «Fishing on the farm» nennt der Betrieb sein Konzept. Besucher können unter fachkundiger Betreuung im Teich Forellen fischen: eine super Idee, die aber nicht auf jedem Hof funktioniert.

Wie schwierig ist es für junge Landwirte, den elterlichen Betrieb zu übernehmen und neue Ideen umzusetzen?

Doppmann: Generationenkonflikte sind häufig ein Problem. Oft arbeiten Vater und Sohn nicht nur miteinander, sondern sie wohnen auch auf der gleichen Liegenschaft. Teils kommt es da zu wüsten Reibereien. Oft hilft es, wenn nicht beide Generationen auf dem Hof wohnen.

Zum Schluss: Wie sieht die Landwirtschaft der Zukunft aus?

Doppmann: Das ist schwierig zu beantworten. Wir Junglandwirte Zentralschweiz sind derzeit daran, ein Szenario für das Jahr 2030 zu erarbeiten. Es gibt noch viele offene Fragen. Ich denke aber, die Milchwirtschaft wird weiterhin dominieren. Es wird mehr zusammengearbeitet werden, um Maschinen- und Gebäudekosten einzusparen. Die Qualität der Produkte wird vermehrt im Fokus stehen, nicht mehr die Menge. Jedoch wird es auch in fünfzehn Jahren finanzielle Unterstützung vom Bund brauchen.

Hinweis

Die Jungbauern haben das Projekt «Von Jungbauer zu Jungbauer» lanciert. Angesprochen werden junge Landwirte, die einen Betrieb übernehmen. Ein Info­anlass findet am 24. August um 19.30 Uhr auf Doppmanns Hof Egerten in Blatten statt. Mehr unter: www.junglandwirte-zentralschweiz.ch
 

Weniger Betriebe – höheres Einkommen

Landwirtschaftchh. Schweizweit ging die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe von 79 500 im Jahre 1996 auf 53 000 im vergangenen Jahr zurück, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen, die diese Woche veröffentlicht wurden. Gleichzeitig bewirtschaften die Schweizer Bauern immer mehr Flächen. Kurzum: Immer weniger Landwirtschaftsbetriebe produzieren mit weniger Beschäftigten mehr Nahrungsmittel – und erzielen dadurch auch ein höheres Einkommen. 67 800 Franken betrug dieses 2014 gemäss BFS im Durchschnitt pro Betrieb.