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LUZERN: Die Leiche wurde nie gefunden

Ein Zweijähriger verschwand vor 41 Jahren spurlos. Die Mutter hat den Schmerz bis heute nicht überwunden. Jetzt soll der Verschwundene für verschollen erklärt werden.
Thomas Heer
An diesem Bach ist 1974 ein zweijähriger Bub verschwunden – jetzt soll er für verschollen erklärt werden. (Bild: Philip Schmidli / Neue LZ)

An diesem Bach ist 1974 ein zweijähriger Bub verschwunden – jetzt soll er für verschollen erklärt werden. (Bild: Philip Schmidli / Neue LZ)

Langsam öffnet Agnes Wiedmer* die Türe zu ihrem Haus und mustert den Besucher mit skeptischem Blick. Ihre wachen Augen tasten den Fremden ab. Dieser begegnet einer körperlich rüstigen und geistig wachen Rentnerin. Ihr Gesichtsausdruck aber lässt vermuten, dass es im Leben dieser Frau längst nicht nur lichte Momente gab.

Kaum zwei Minuten sind seit der Begrüssung vergangen, als sich die Seniorin auf einen Stuhl am Küchentisch setzt. Sie kommt auf einen Eintrag im Luzerner Kantonsblatt zu sprechen, der vor wenigen Tagen publiziert wurde. Unter dem Titel «Aufruf im Verschollenheitsverfahren» wird in kurzen Zügen zusammengefasst, was Agnes Wiedmers Leben bis heute auf traumatische Art und Weise veränderte. Es geht um ihren Sohn Edi*, der am 8. Oktober 1974, wie von einem bösen Geist weggezaubert, für immer verschwand. «Ich war am Äpfelauflesen und bemerkte zu spät, dass mein Sohn plötzlich nicht mehr da war», erinnert sich die Frau an den wohl schlimmsten Augenblick in ihrem Leben. Noch heute denkt sie täglich an ihn. Jahrelang hat sie für den Verschollenen in der Kirche Kerzen angezündet.

Das Expressbaby

Vor fünfeinhalb Jahren erschien ein eindrückliches Porträt über das Schicksal von Agnes Wiedmer und ihrer Familie im «Willisauer Boten». Die Frau sagte damals: «Genauso schnell, wie Edi auf die Welt kam, verliess er sie wieder.» Sie nannte Edi das «Expressbaby». Dabei nahm Wiedmer im Gespräch mit der Journalistin Bezug auf den aussergewöhnlichen Geburtsvorgang ihres ersten Sohnes. Die Hebamme habe noch ohne Schürze dagestanden, und schon sei Edi auf der Welt gewesen. Dieser gesunde Stammhalter, der vom Ehepaar Wiedmer so lange herbeigesehnt wurde, 3820 Gramm schwer, 52 Zentimeter gross.

Als Edi an jenem trüben Oktobertag verschwand, löste das eine umfangreiche Suchaktion aus. Gemäss einem Bericht im «Luzerner Tagblatt» vom 11. Oktober 1974 stand ein «grösseres Polizeiaufgebot» im Einsatz. Daneben waren Mitglieder des örtlichen Samaritervereins an der Suchaktion beteiligt, ebenso stellte das Militär Rekruten zur Verfügung. Drei Taucher waren ebenfalls vor Ort. Dies darum, weil davon ausgegangen werden musste, dass das «Knäblein», wie es im «Tagblatt» hiess, in den Bach fiel, der die Liegenschaft von Familie Wiedmer tangiert. Aber nichts wurde gefunden, weder Kleider noch der Leichnam. Bis heute fehlt von Edi jede Spur. Auch Wahrsager, Pendler, Kartenleger und Handleser konnten nicht helfen. Das Rätsel um das Verschwinden des damals knapp 30 Monate alten Kindes wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Angehörige müssen handeln

Zurück zum Verschollenheitsverfahren: Agnes Wiedmer sagt, dass man dies früher hätte einleiten sollen. Passiert ist das erst jüngst. Der Grund: Im April verstarb der Ehemann von Agnes, der auch Edis Vater war. Das heisst, das amtliche Prozedere musste eingeleitet werden, damit die Erbteilung überhaupt abgewickelt werden kann. Das geht aber nicht, solange der erbberechtigte Edi noch im Einwohnerregister der Gemeinde figuriert. Ohne direkt auf den Fall Wiedmer Bezug zu nehmen, sagt Katrin Aeberhard, Leiterin Bevölkerungsdienste in der Stadt Luzern: «Wir dürfen die im Einwohnerregister aufgeführten Personen nicht einfach streichen. Angehörige müssen das Verschollenheitsverfahren beantragen.»

Das Gesetz sieht vor, dass ein Verschollenheitsverfahren frühestens nach einem Jahr eingeleitet werden darf. Nämlich dann, wenn davon ausgegangen wird, dass das Opfer bei einem Ereignis, wie zum Beispiel dem Tsunami, der am 26. Dezember 2004 Teile Südostasiens zerstörte, ums Leben kam. Ansonsten dürfen Verschollenheitsverfahren erst dann initiiert werden, wenn vom Verschwundenen während fünf oder mehr Jahren keine Nachrichten mehr eingegangen sind. In der eingangs erwähnten Mitteilung im Kantonsblatt heisst es in Bezug auf das Verschwinden von Edi Wiedmer unter anderem: «Jedermann, der Auskunft über die verschwundene Person geben kann, wird aufgefordert, sich innert eines Jahres beim Bezirksgericht (...) zu melden.» Andernfalls werde die Verschollenen-Erklärung ausgesprochen.

32 Langzeit-Vermisste

Im Kanton Luzern kommt es jährlich zu zahlreichen Vermisstmeldungen. Dabei handelt es sich um Menschen, die zwischenzeitlich aus ihrem gewohnten Lebensbereich verschwinden. Letztes Jahr wurden 90 solcher Fälle registriert. Diese Zahl liegt in etwa im Mittel der vergangenen Jahre. Ein Ausreisser nach oben wurde 2013 verzeichnet, als 104 solcher Dossiers polizeilich bearbeitet wurden. Signifikant weniger waren es mit 63 im vorletzten Jahr.

Seit 1971 führt die Luzerner Polizei ein Register mit sogenannten Langzeit-Vermissten. Darauf findet sich zusammen mit 31 anderen Personen auch der Name von Edi Wiedmer. Nach wie vielen Jahren des Verschwindens jemand auf diese Liste kommt, ist nicht exakt definiert. Die Polizei entscheidet von Fall zu Fall.

Thomas Heer

* Namen von der Redaktion geändert

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