LUZERN: «Die Schule sollte sich stärker abgrenzen»

Peter Imgrüth geht nach 30 Jahren in der Schulentwicklung in Pension. Er spricht über Veränderungen, (zu) hohe Erwartungen und seine Zukunft.

Interview Stephan Santschi
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Prägte die Luzerner Schullandschaft entscheidend mit: Peter Imgrüth (64). (Bild Dominik Wunderli)

Prägte die Luzerner Schullandschaft entscheidend mit: Peter Imgrüth (64). (Bild Dominik Wunderli)

Peter Imgrüth, wie findet man als gelernter Maschinenschlosser zum Beruf des Lehrers und Schulentwicklers?

Peter Imgrüth: Schon früh merkte ich, dass die tote Materie mir eigentlich nicht entspricht, ich bevorzuge den Umgang mit Menschen. Ich war früher Leiter in der Jungwacht und auch in verschiedenen Theaterproduktionen tätig.

Sie waren zwölf Jahre Lehrer und rund 30 Jahre Schulentwickler. Wie hat sich die Schule verändert?

Imgrüth: Die Schule hat ihr Monopol in der Wissensvermittlung verloren. Heute gibt es viele andere Möglichkeiten, um sich zu informieren, allen voran das Internet. Die Ausgangslage ist ähnlich wie beim Arzt: Jeder hat sich vorgängig schon informiert und glaubt, Bescheid zu wissen. Für den Lehrer sind das ganz andere Voraussetzungen. Sein Job ist hoch anspruchsvoll, er braucht einen breiten Rücken. Verändert hat sich auch seine Funktion. Er ist nicht mehr nur für seine Klasse zuständig. Er ist Teil eines Teams, zu dem auch Lehrpersonen für die Integrative Förderung und Therapeuten zählen. Die Lehrperson interessiert sich im Gegensatz zu früher auch dafür, was im Nebenzimmer passiert.

Was nützt das dem Schüler?

Imgrüth: Er fühlt sich sicherer. Die Lehrer unterscheiden sich in der Art des Unterrichts nicht gross. Und der Schüler hat mehr Ansprechpersonen. Hätte er nur seinen Klassenlehrer und käme mit diesem nicht zurecht, kann dies dramatische Folgen haben. In der Basisstufe zum Beispiel, also zwischen Kindergarten und zweiter Primarklasse, ist darum meistens mehr als eine Lehrperson im Unterricht. Das möchten wir in den späteren Schuljahren weiterentwickeln. So kann eine Lehrperson seinem Kollegen auch Feedbacks geben.

Sie sagten, ein Lehrer brauche einen breiten Rücken. Sind die Erwartungen an die Schule zu gross?

Imgrüth: Die Schule sollte sich manchmal stärker abgrenzen, ja. Wenn es irgendwo nicht rund läuft, heisst es schnell, dass die Schule mehr tun sollte. Steigt die Zahl der Verkehrsunfälle, werden Stimmen nach intensiviertem Verkehrsunterricht in der Schule laut. Klar: Die Schule muss auf Veränderungen reagieren, doch sie ist nicht die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist das Angebot einer Grundausbildung.

Wie hat sich die Rolle der Eltern entwickelt?

Imgrüth: Der Anteil der klassischen Familie mit einem arbeitenden Elternteil und einem, der sich um die Kinder kümmert, liegt mittlerweile unter 50 Prozent. Heute gibt es alle möglichen Familienformen – von Alleinerziehenden bis zu Patchworkfamilien. Es gibt zum Beispiel die Tendenz, Erziehungsfragen verhaltens­auffälliger Kinder der Schule zu überlassen. Weil aus wirtschaftlichen Gründen beide Elternteile arbeiten müssen, weil es nur noch selten Familien mit vielen Kindern gibt, wo es zu natürlichen Regulierungen kommt. Grundsätzlich erlebe ich die Mehrheit der Eltern in der Erziehung aber als sehr engagiert.

Und wie sehen die aktuellen Inhalte des Projekts «Schulen mit Zukunft» aus?

Imgrüth: Das Projekt umfasst fünf Punkte. Umgang mit der Heterogenität im Unterricht, konkret: Weg vom ausschliesslichen Frontal- hin zum individualisierenden Unterricht. Die Umsetzung des Lehrplans 21, hier sind wir mittendrin. Dann möchten wir künftig – wie in der Basisstufe bereits üblich – auch ab der dritten Primarklasse bis und mit Sekundarstufe die Durchlässigkeit erhöhen. Das heisst: flexiblere Lernzeiten, die dem Rhythmus des Kindes angepasst sind. Ein wichtiges Element ist ferner die Integrative Förderung, indem möglichst alle Kinder in den normalen Unterricht aufgenommen werden. Und schliesslich geht es um den Ausbau der Tagesstrukturen.

Haben Sie auch persönliche Ideen für die Schule der Zukunft?

Imgrüth: Der Einbezug der technischen Möglichkeiten, wie Tablets zum Beispiel, muss intensiviert werden. Eine Vision betrifft die Aufhebung der Selektionen. Also keine Einteilung nach der 6. Klasse in A-, B- oder C-Schüler mehr, sondern das individuelle Eingehen auf die Fähigkeiten jedes Schülers. Dazu gehört die Abkehr von der ziffernlastigen Bewertung der Schulleistungen. Das heisst nicht, dass es keine Noten mehr geben kann, entscheidend ist aber, wie diese Noten entstehen. Die weiteren Lernziele sollten individuell auf den Schüler abgestimmt werden und nicht abhängig von der Stärke der Klasse sein. Die Fortschritte jedes Schülers sollten individuell beurteilt werden.

Ende November gehen Sie in Pension. Wissen Sie schon, was dann kommt?

Imgrüth: Nein. Ich bin bewusst ratlos. Ich werde drei, vier Monate nichts tun. Ich mache einen Schnitt, um mich neu zu orientieren. Ich schaffe eine Lücke, damit Neues entstehen kann, anstatt schon jetzt etwas zu planen. Grundsätzlich lese ich viel und bin kulturinteressiert, ich spielte früher Theater. Die Mitarbeit an kulturellen Projekten würde mich reizen. Fest aber steht: Ich möchte nicht zu jenen Menschen zählen, die nach der Pension mehr zu tun haben als davor (lacht).