LUZERN: Die schwarze Liste am Pranger

Säumige Prämienzahler werden nur im Notfall behandelt. Eine Ärztin kritisiert diese Praxis als moralisch fragwürdig. Notfälle würden provoziert statt vermieden.

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Behandeln oder nicht? Stehen Patienten auf der schwarzen Liste, sind Ärzte im Dilemma. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Behandeln oder nicht? Stehen Patienten auf der schwarzen Liste, sind Ärzte im Dilemma. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Seit drei Jahren gibt es in den Kantonen Luzern und Zug eine schwarze Liste für säumige Prämienzahler. Wer seine Krankenkassenprämien, Spital- oder Arztrechnungen nicht begleicht, dem droht ein Eintrag (siehe Box). Ende August befanden sich in Luzern rund 6600 Personen auf der Liste (Ausgabe vom 18. September). Ein Listeneintrag bedeutet, dass der Prämienzahler nur noch im Notfall behandelt wird.

Krankenkassen kritisieren die schwarze Liste. Sie sehen darin kaum einen finanziellen Nutzen, wie es beim Branchenverband der Krankenversicherer in der Schweiz, Santésuisse, heisst. Auch seitens der Ärzte gibt es Stimmen, welche grosse Mühe mit der Liste bekunden. Dazu zählt Cordula Giebel, die in Emmenbrücke eine Praxis für Allgemeine Innere Medizin, führt. Sie erzählt: «Seit es die schwarze Liste gibt, muss ich regelmässig Patienten ohne Behandlung wegschicken. Das bringt mich in ein ethisches Dilemma.» Weise sie Patienten ab, bleibe ein schlechtes Gewissen. Nicht immer aber kann die Hausärztin zusehen. «Ein paar Patienten behandle ich kostenlos. Doch das ist längst nicht bei allen Betroffenen möglich. Und es ist nicht die Lösung des Problems.»

Kein Insulin herausgegeben

Seit längerer Zeit begleitet die Emmer Ärztin einen Patienten, der an Zuckerkrankheit leidet. Markus Müller * ist auf Insulin angewiesen. Als er vor drei Jahren in die Praxis von Cordula Giebel kommt und sie erfährt, dass er auf der schwarzen Liste ist, weist sie ihn nach einiger Zeit Gratisbehandlung ab. «Obwohl der Patient Insulin braucht, fiel er nicht unter einen Notfall.» Sie hofft, dass der Patient seine ausstehenden Rechnungen bezahlen kann. Doch später erfährt sie, dass er einen Kollaps erlitten hat und auf der Intensivstation gelandet ist. Seither ist er praktisch arbeitsunfähig. «Ich hätte ihm die Medikamente damals gratis geben sollen», sagt die Ärztin heute.

Markus Müller ist vor wenigen Jahren noch ein gesunder Mann ohne finanzielle Sorgen. Die Scheidung von seiner Frau aber bringt ihn in einen finanziellen Engpass. Vom Lohn von 5500 Franken bleiben ihm fortan noch 2200 – der Rest geht als Alimente an seine Frau und zwei Kinder. Zudem macht er Schulden. Als seine Frau psychisch krank wird und in eine Klinik kommt, betreut er die Kinder wieder. «Ich habe die Krankenkassen von dem Moment an nur noch für meine Kinder bezahlt. Solange ich gesund war, gab es damit kein Problem», erzählt er. In der Folge wird er auf die schwarze Liste gesetzt. Kurze Zeit später erfährt er, dass er zuckerkrank ist, die Rechnungen häufen sich.

Dreimal vom Spital abgewiesen

Mit dem Listeneintrag erhält Müller kein Insulin mehr. Als es ihm immer schlechter geht, meldet er sich beim Luzerner Kantonsspital für einen Untersuch. «Dreimal wurde ich weggeschickt, ohne untersucht zu werden.» Zu dem Zeitpunkt zahlt er seine Prämien wieder – doch weil Schulden von nicht bezahlten Rechnungen bleiben, wird sein Eintrag auf der Liste nicht gelöscht.

Müller kollabiert kurze Zeit darauf. «Ich lag sieben Tage auf der Intensivstation, war während eines Monats im Spital.» Mittlerweile ist er nicht mehr auf der Liste säumiger Prämienzahler. Aber nur, weil seine Eltern die Schulden beglichen haben.

Ramona Helfenberger, Mediensprecherin des Luzerner Kantonsspitals (Luks), erklärt, dass man zu Einzelfällen keine Auskunft geben dürfe. Laut dem Luks werden Patienten, die auf der Liste sind, nur im Notfall behandelt. «Eine Erstbeurteilung des Patienten wird immer vorgenommen, um festzustellen, ob es sich um einen Notfall handelt», erklärt sie. Laut Helfenberger werden auf der Notfallaufnahme täglich zwei bis vier Patienten behandelt, die auf der Liste sind. «Der Umgang mit der Liste für säumige Zahler ist mit erheblichem Aufwand verbunden, dies von ärztlicher und administrativer Seite. Der Nutzen wurde bislang nicht quantifiziert.»

Hohe Kosten wären zu verhindern

Cordula Giebel betont: «Der Kollaps von Markus Müller hätte verhindert werden können. Doch mit der Liste wurde dieser in Kauf genommen.» Würden Betroffene schon früher unterstützt, könnten hohe Kosten eines Aufenthalts im Spital verhindert werden, ist sie überzeugt. Durch die Unterversorgung vieler Personen würden längerfristig Mehrkosten entstehen. «Erst wenn ein Mensch körperlich ganz kaputt ist, gilt er im Kanton Luzern als Notfall», sagt sie.

Betroffen sind laut der Emmer Ärztin Working Poor, also Personen, die trotz Erwerbstätigkeit arm sind, und so auch geschiedene Männer, die Alimente zahlen. «Diese Menschen sind stolz, wollen arbeiten und somit nicht aufs Sozialamt gehen. Wären sie auf dem Sozialamt, würden ihre Krankenkassenkosten übernommen.» Diese Betroffenen verdienen zu viel, um von der Sozialhilfe unterstützt zu werden, und doch zu wenig, um die Rechnungen zu zahlen. Giebel sieht in der schwarzen Liste des Kantons Luzern einen Systemfehler. «Es sollte unterschieden werden, ob jemand nicht zahlen will oder nicht kann.»

Tendenz für Folgekosten möglich

Entstehen denn höhere Folgekosten, wenn Patienten nicht behandelt werden, bevor es zum Notfall kommt? Ramona Helfenberger vom Luks sagt: «Diesen Zusammenhang können wir so nicht generell bestätigen.» Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, erklärt: «Patienten auf der schwarzen Liste müssen sich, da sie oft von Praxen abgewiesen werden, auf dem Notfall melden.»

Dort werde rascher die Bonität erkannt und die Behandlung auf das absolut Notwendige beschränkt. Damit könne die Summe der Verluste der Notfallpraxen reduziert werden. Ob damit höhere Folgekosten entstehen, könne er nicht beurteilen. «Die Tendenz ist aber sicher möglich, dass ernsthafte gesundheitliche Probleme verzögert diagnostiziert werden und so höhere Kosten entstehen.»

Zum Nutzen der Liste sagt Kramis: «Für die Praxen ist es schwierig, bei jedem Patienten zu prüfen, ob er auf der Liste der säumigen Zahler ist. Deshalb hat die Liste für uns weniger Bedeutung.»

«Patienten definieren Notfall selbst»

Ähnlich tönt es bei Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. Er erachtet den Nutzen der schwarzen Liste für die Ärzte als beschränkt: «Die Patienten definieren den Notfall immer selbst. Um herauszufinden, ob ein Notfall vorliegt, müssen die Ärztinnen und Ärzte den Patienten untersuchen. Da fallen natürlich schon Kosten an.» Zihlmann erzählt aber auch: «Viele Praxen kennen die betroffenen Personen und sind daher mit den Zahlern sehr kulant.» Er betont, dass die Situation jedoch sehr unterschiedlich sei. «In der Agglomeration sind die Zahlungsausstände in den Arztpraxen viel höher, da die Zahlungsmoral der Patienten dort schlechter ist.»

Laut Andrea Linnemöller, Leitende Medizinische Praxisassistentin der Pilatus Praxis Luzern, spielt die schwarze Liste im Tagesgeschäft kaum eine Rolle: «Sie ist zu wenig übersichtlich. Wenn Krankenkassen uns aber die Rechnungen zurücksenden, suchen wir den Kontakt zu den Patienten.» Manchmal gebe es simple Erklärungen für die offenen Rechnungen. «Ansonsten behandeln wir die Patienten weiter, falls sie bar bezahlen können.»

* Name von der Redaktion geändert

So funktioniert die schwarze Liste

Prämienrt. Im Kanton Luzern erstellt die Stelle für ausstehende Prämien und Kostenbeteiligungen (Stapuk) eine Liste der säumigen Prämienzahler. Wenn jemand seine Krankenkassenprämie oder Arzt- und Spitalrechnungen nicht zahlt, wird er von seiner Krankenkasse gemahnt. Wird die Rechnung nicht beglichen, leitet die Krankenkasse eine Betreibung ein und meldet dies der Stapuk. Diese prüft, ob die Person Ergänzungsleistungen, Sozialhilfe oder Mutterschaftsbeihilfe bezieht oder minderjährig ist. Ist dies nicht der Fall, setzt die Stapuk den Versicherten auf die Liste. Gleichzeitig weist sie die Krankenkasse darauf hin, die Leistungen einzustellen – ausser in Notfällen. Sobald ein Prämienzahler seine Schulden beglichen hat, wird der Eintrag gelöscht.>

Roseline Troxler