LUZERN: «Die Situation hat sich verbessert»

Vor 30 Jahren hat Sepp Riedener die kirchliche Gassenarbeit ins Leben gerufen. Es war schweizweit Pionier – und hat jetzt neue Pläne.

Interview Lena Berger
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Seelsorger Sepp Riedener redet mit grosser Begeisterung und einer feinen Prise Humor über seine Arbeit – hier in seinem Büro im Würzenbachquartier. (Bild Eveline Beerkircher)

Seelsorger Sepp Riedener redet mit grosser Begeisterung und einer feinen Prise Humor über seine Arbeit – hier in seinem Büro im Würzenbachquartier. (Bild Eveline Beerkircher)

Interview Lena Berger

Jahrzehntelang hat sich Sepp Riedener für Menschen mit Drogenproblemen eingesetzt. Gestern feierte er bei der Lukaskirche das 30-Jahr-Jubiläum der Gassenarbeit Luzern, die er begründet hat – und gleichzeitig seinen Abschied. Mit 72 Jahren gibt er sein Amt als Seelsorger auf Ende August ab. Zurücklehnen wird er sich aber nicht.

Sie haben über Jahre auf der Gasse gearbeitet. Wie hat Sie das verändert?

Sepp Riedener: Als ich angefangen habe, hatte ich die naive Vorstellung, dass ich allen Drogensüchtigen helfen könnte, clean zu werden. Das war eine Illusion. Ich habe gelernt, dass wir die Menschen nur in der Situation begleiten können, in der sie gerade sind, und dabei im Idealfall ihre Selbstheilungskräfte wecken. Das Evangelium hat mir geholfen, das zu akzeptieren: Selbst Jesus konnte nicht alle retten – also muss ich das auch nicht können. Es geht um die Vermenschlichung der Aussichtslosigkeit.

Was hindert Süchtige daran, auszusteigen?

Riedener: In der Leistungsgesellschaft hat man keine Identität, wenn man keinen Job hat. Was soll es bringen, clean zu werden, wenn man ohnehin nichts mehr erreichen wird? Es ist schwierig, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Nach Jahren auf der Gasse sind die Arbeitschancen verschwindend klein. Diese Aussichtslosigkeit ist niederschmetternd. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die es schaffen – sie und meine Familie waren es, die mir Kraft für meine Arbeit gegeben haben.

Aufgegeben haben Sie nie?

Riedener: Nein, obwohl die Erfolgsquote relativ tief ist. Wir arbeiten mit langjährigen Konsumenten, die wenig Perspektiven haben. Aber immer wieder gab es Menschen, denen es gelang, ihr Leben zu ändern: Ich kann mich zum Beispiel an einen Mann erinnern, der den Ausstieg geschafft hat, als er Vater wurde. Er hat sogar eine Ausbildung als Sozialbegleiter nachgeholt. Das ist doch wunderbar.

Das Vorurteil ist relativ verbreitet, dass Drogensüchtige selbst schuld an ihrer Misere seien.

Riedener: Vorurteile entstehen aus Unwissen. Die «Gasse-Zitig» ermöglicht Begegnungen zwischen der Gesellschaft und den Verkäufern. Die meisten Leute kamen vorher kaum in Kontakt mit Menschen, die Drogenprobleme haben. Sie schauten nicht hinter die Kulisse. Wenn ich mit Betroffenen rede, stelle ich fest, dass sie oft Schlimmes erlebt haben. Sexuellen Missbrauch und Gewalt in der Familie zum Beispiel. Die Drogen sind ein Weg, an solche Erlebnisse nicht mehr denken zu müssen. Es gibt aber auch solche, die nicht gelernt haben Nein zu sagen, die dem Gruppendruck nicht standhalten konnten.

Woher kam Ihr Drang, diesen Menschen helfen zu wollen?

Riedener: Mein Vater ist früh gestorben, meine Mutter musste vier Kinder allein durchbringen. In meiner Schulzeit musste ich betteln gehen, das Theologiestudium habe ich mit Nachtarbeit finanziert. Armut wurde so zu einem Lebensmotiv. Ich habe zehn Jahre in einem Kloster gelebt, das den Auftrag hatte, für Menschen am Rand der Gesellschaft da zu sein. Diese Idee hat mich fasziniert. Aber innerhalb der Klostermauern konnte ich nicht viel bewirken – das hat mich zum Austritt bewogen. Ich habe diesen Entscheid nie bereut, denn so konnte ich das Evangelium leben.

Wie kam es dann dazu, dass Sie ausgerechnet in Luzern aktiv wurden?

Riedener: Nach meinem Zweitstudium hat mir ein Freund erzählt, hier gebe es Menschen, die meine Hilfe brauchen könnten. Aber ich müsse gar nicht meinen, dass da etwas zu machen sei. Luzern sei verbürgerlicht und konservativ. Es kam anders. Die Kirchen haben mich von Anfang an unterstützt.

Es gab aber auch massive Widerstände gegen Ihre Arbeit.

Riedener: Die gibt es bis heute. Anfangs wurde mir sogar vorgeworfen, ich hätte das Drogenproblem nach Luzern gebracht – weil es vorher nie Thema war. Aber natürlich war es Realität, dass Menschen auf unmenschliche Art zu Grunde gingen. Mit meinem Antrag zur Gründung der kirchlichen Gassenarbeit hatte ich im Kirchenrat sofort Erfolg. Gestartet haben wir mit einem 50-Prozent-Pensum. Heute umfasst der Verein 50 Mitarbeitende. Das Paradiesgässli ist nun im Pfarrhaus Maihof untergebracht. Damals wäre das undenkbar gewesen.

Es gibt Menschen, die wollen mit der Kirche nichts zu tun haben. War Ihr theologischer Hintergrund eine Hemmschwelle bei Ihrer Arbeit?

Riedener: «Kirche, nein danke», so etwas habe ich nie gehört. Ich missioniere auch nicht. Aber wir machen zum Beispiel für jeden eine religiöse Feier in der Gassenküche, wenn er stirbt – um ihn mit Würde zu verabschieden. Die Menschen wissen vom kirchlichen Hintergrund der Gassenarbeit. Aber sie sind einfach dankbar, dass jemand Anteil nimmt.

Seit der Räumung der Eisengasse vor über 20 Jahren ist die Drogenszene aus dem Stadtbild verschwunden. Was ist heute besser?

Riedener: 1993 gab es keine grösseren Institutionen, die sich um diese Menschen gekümmert haben. Die Gassenküche war ein erstes niederschwelliges Angebot. Als dort immer häufiger Mütter mit kleinen Kindern auftauchten, wurde das Paradiesgässli gegründet. Der Verein Jobdach begann, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. So entstanden viele kleine Betriebe. Vor allem die saubere Heroinabgabe hat die Situation massiv verbessert. Die Kriminalität hat abgenommen. Heute haben wir eine völlig andere Situation als damals. Auf dem jährlichen Angstbarometer standen Drogen dannzumal an zweiter Stelle – heute sind sie daraus ganz verschwunden.

Und doch gibt es heute immer wieder Diskussionen – zum Beispiel um die Menschen, die den ganzen Tag bei den Busperrons am Bahnhof sitzen.

Riedener: Diese Leute wollen nicht zu Hause vereinsamen und versauern, sondern unter anderen Menschen sein. Es ist nachvollziehbar, dass sich Pendler teilweise belästigt fühlen. Aber eine polizeiliche Wegweisung kann auch nicht die Lösung sein – deswegen hören die Menschen nicht auf, zu existieren.

Welche Pläne haben Sie jetzt für Ihren Ruhestand?

Riedener: Jetzt habe ich endlich mehr Zeit für mich, meine Familie und für Freiwilligenarbeit. Ich engagiere mich für Sans Papiers, den Treffpunkt Stutzegg und den Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeitenden (Lisa). Ich habe so viele Anfragen, dass ich problemlos 100 Prozent weiterarbeiten könnte.

Sepp Riedener (72) ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder.

Die Meilensteine

Die Luzerner Gassenarbeit wurde 1985 mit einer 50-Prozent-Anstellung des Gassenarbeiters Markus Kopp ins Leben gerufen. Ein Jahr darauf nahm die Gassenküche an der Zürichstrasse den Betrieb auf. 1993 war die Drogenpolitik geprägt von Repression, die Drogenszene in der Eisengasse wurde geräumt. 1994 wurde der Fixerraum geschlossen, worauf der Spritzenbus das erste Mal zum Einsatz kam. Es folgte 1997 die Gründung der «Gasse-Zitig» und 2000 der Start des Projekts Paradiesgässli, das Kinder von Drogensüchtigen unterstützt. Letzteres zog 2005 ins Pfarrhaus Maihof. Die Gassenküche ist seit 2002 am Geissensteinring untergebracht