LUZERN: Die Zahl der beschnittenen Frauen steigt

Die Zunahme der Asylsuchenden bringt ein grausames Ritual an die Öffentlichkeit: Immer mehr beschnittene Frauen kommen in die Schweiz – Experten verlangen einheitliche Strategien.

Christian Hodel
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Die Caritas Schweiz führt das Projekt «Prävention Mädchenbeschneidung» durch. Archivbild: Tag der offenen Tür beim Asylzentrum Hirschpark in Luzern im Jahr 2014. (Bild: Pius Amrein (Neue LZ))

Die Caritas Schweiz führt das Projekt «Prävention Mädchenbeschneidung» durch. Archivbild: Tag der offenen Tür beim Asylzentrum Hirschpark in Luzern im Jahr 2014. (Bild: Pius Amrein (Neue LZ))

Christian Hodel

Einen Sack trägt sie mit sich. Ein Holzbrett zieht sie heraus. Die Beschneiderin legt Nadeln und Faden darauf – Rasierklingen. Zwei Frauen aus dem Quartier halten Ranah Farah* an den Armen, zwei an den Beinen. Das Nächste, an was sie sich erinnert, ist Schmerz. Ein ungeheuerlicher Schmerz.

Ein Mädchen starb beim Eingriff

Sechs Jahre alt war Ranah Farah, als die Beschneiderin sie besuchte. Mutter, Grossmutter, Tanten und Nachbarinnen haben ein Fest organisiert. Es gab Tee und Popcorn. Die Genitalien von sieben weiteren Mädchen aus dem Quartier wurden an diesem sonnigen Wintertag in Mogadischu verstümmelt, der Hauptstadt Somalias. Sieben der acht Mädchen haben den Eingriff überlebt.

In Somalia gelten unbeschnittene Frauen als schmutzig und unrein, in der Schweiz ist die Beschneidung ein Verbrechen (siehe Kasten). Gemäss Unicef Schweiz sind weltweit die Genitalien von rund 125 Millionen Frauen verstümmelt – in einigen Orten Zentral- und Westafrikas sind bis zu 99 Prozent der Frauen betroffen. Alle 10 Sekunden kommt ein neues Mädchen hinzu.

Mit den zunehmenden Asylsuchenden aus afrikanischen Ländern wie Äthiopien, Somalia oder Eritrea wird die Mädchenbeschneidung auch in unserer Region immer mehr zum Thema. «Wir gehen derzeit von rund 14 700 Frauen und Mädchen in der Schweiz aus, die von der Genitalbeschneidung betroffen oder gefährdet sind», sagt Nadia Bisang, Projektverantwortliche Prävention Mädchenbeschneidungen der Caritas Schweiz mit Sitz in Luzern.

Ein Drittel der Ärzte kennt Betroffene

Zahlen zur Zentralschweiz gibt es laut Bisang nicht. Aber es dürften ein paar tausend Betroffene sein – Tendenz steigend. Eine von der Unicef 2013 veröffentlichte Studie zeigt: Rund ein Drittel der im Kanton Luzern tätigen Personen in der Medizin, im Sozial- oder Asylbereich sind durch ihre Arbeit mindestens schon einmal in Kontakt mit beschnittenen Mädchen und Frauen gekommen.

Der Tag, der den Schmerz in Ranah Farahs Leben brachte, ist für sie omnipräsent. «So was vergisst man nicht», sagt die heute 51-Jährige. Der Bürgerkrieg brachte sie und ihre sechs Kinder vor 12 Jahren in eine Gemeinde in den Kanton Luzern. Ihr Ehemann blieb zurück. Er lebe in Somalia, wo Polygamie praktiziert werde, mit anderen Frauen zusammen, sagt Ranah Farah. Heute arbeitet sie als Dolmetscherin und engagiert sich ehrenamtlich in ihrer Wohngemeinde. «Erst in der Schweiz habe ich richtig realisiert, was mit mir und den anderen Mädchen gemacht wurde.»

Fatale Folgen

Die Folgen, auch Jahrzehnte nach dem Eingriff, können für Betroffene gravierend sein, sagt Nadia Bisang: Menstruationsbeschwerden, Schmerzen beim Wasserlösen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Dennoch: Nur die wenigsten Frauen würden sich in der Schweiz wegen ihrer Beschneidung gynäkologisch behandeln lassen. Kommt hinzu: Je nach Art der Verstümmelung kann der Eingriff gar nicht rückgängig gemacht werden.

Bei Nadia Bisang erkundigen sich Fachpersonen oder Lehrerinnen, wie man mit beschnittenen Mädchen umgehen soll. Damit den betroffenen Frauen aber wirklich geholfen werden kann, braucht es laut Bisang ein besseres Netzwerk von ausgebildeten Fachpersonen – etwa Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen und Übersetzerinnen. «In der Westschweiz ist man diesbezüglich weiter.» Ärzte und andere Fachpersonen seien besser miteinander vernetzt, die Gemeinschaften würden öfters präventiv aufgeklärt. «In der Schweiz fehlt eine einheitliche Strategie, wie man mit Betroffenen und Angehörigen umgeht.» Eine solche wäre jedoch umso wichtiger, weil Mädchenbeschneidungen laut Unicef mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Schweiz praktiziert werden – trotz drohender Haftstrafe.

Viele Frauen sind stolz auf Eingriff

«Niemand kann die Kultur in meinem Heimatland von heute auf morgen verändern», sagt Ranah Farah. Viele Frauen seien gar stolz darauf, beschnitten zu sein – obwohl dies täglich Schmerzen mit sich bringt und eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Um dem Gräuel ein Ende zu bereiten, brauche es Aufklärungsarbeit, sagt Ranah Farah. Auch damit Mütter, die an ihnen geschehenen Verbrechen nicht an ihren eigenen Töchtern zulassen.

Ranah Farah hat selbst drei Mädchen – zwei von ihnen wurden in Somalia beschnitten. «Immerhin mit einer sanfteren Methode, als ich es wurde», sagt Ranah Farah. Die Beschneidung der jüngsten Tochter konnte die Mutter abwenden – trotz Widerstand der Familie.

Alle 10 Sekunden eine Beschneidung

Die weibliche Beschneidung gilt seit 1993 als Menschenrechtsverletzung. Sie wird vor allem in afrikanischen und asiatischen Ländern praktiziert – etwa in Ägypten, Somalia, Äthiopien, Eritrea, im Irak oder Jemen. Gemäss Unicef sind weltweit 125 Millionen Frauen betroffen. Alle 10 Sekunden kommt ein neues Mädchen dazu. Die Beschneidung bei Frauen zieht laut Experten schwerwiegende körperliche Schmerzen nach sich.

Kulturelles, kein religiöses Ritual

Mädchenbeschneidung bedeutet, dass die Klitoris eingestochen, geritzt oder weggeschnitten wird. Oder dass die Schamlippen ganz oder teilweise entfernt werden. Unterschieden wird zwischen vier verschiedenen Formen. Häufig geschieht der Eingriff ohne Anästhesie, wie Unicef Schweiz schreibt. Seit Juli 2012 ist in der Schweiz ein explizites Verbot der Mädchenbeschneidung in Kraft. Bei Verstoss droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Unbeschnittene Mädchen gelten in vielen Kulturen als unvollkommen. Sie riskieren, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Der Ursprung dieses kulturellen Rituals stammt wohl aus dem alten Ägypten und ist älter als das Christentum oder der Islam.

*Name von der Redaktion geändert