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LUZERN: «Die Zeit der Götter in Weiss ist passé»

Fehler passieren überall. Auch in Spitälern. Chefarzt Marco Rossi erklärt, warum er gesetzliche Sicherheitsmassnahmen ablehnt – und was Patienten für die eigene Sicherheit tun können.
Interview Lena Berger
«Anfangs hatten viele Ärzte Bedenken, kritische Ereignisse zu melden.» Marco Rossi, Chefarzt LUKS (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ (Archiv))

«Anfangs hatten viele Ärzte Bedenken, kritische Ereignisse zu melden.» Marco Rossi, Chefarzt LUKS (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ (Archiv))

Von einem liegen gebliebenen Skalpell in der Bauchhöhle eines Patienten bis hin zur Amputation des falschen Beines: Fehler in Spitälern machen immer wieder Schlagzeilen. Es gibt eine Fülle möglicher Fehlerquellen – von Infektionen über Medikamentenfehler bis hin zur Verwechslung von Laborresultaten. Chefarzt Marco Rossi erzählt, wie man am Luzerner Kantonsspital damit umgeht.

Marco Rossi, woher kommt die grösste Gefahr für Patienten?

Marco Rossi*: Für jeden Patienten aufgrund seiner Akte die richtigen Medikamente zusammenzustellen, ist sehr anspruchsvoll – das Verhindern von Medikationsfehlern ist in jedem Spital ein zentrales Thema.

Was unternehmen Sie dagegen?

Rossi: Unsere Patienten tragen Armbänder, auf denen ihr Name zu lesen ist. Das erleichtert es, Verwechslungen zu vermeiden. Wer Medikamente zusammenstellt, trägt eine Weste, die signalisiert, dass er nicht gestört werden soll – um Ablenkungen zu vermeiden. In einigen Abteilungen können sich die Mitarbeiter dafür in separate Räume zurückziehen, damit sie sich konzentrieren können.

Nicht in allen Gebäuden gibt es solche Räume. Besteht ein Zusammenhang zwischen moderner Infrastruktur und Patientensicherheit?

Rossi: Ich habe keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass zum Beispiel die Infektionsgefahr in alten Gebäuden grösser ist – aber ich bin davon überzeugt. In einem Zimmer mit sechs Betten auf engstem Raum ist der Aufwand, Infektionen zu verhindern, massiv grösser.

Was können die Patienten selbst tun, um sich zu schützen?

Rossi: Es ist von Seiten der Spitäler ein Umdenken feststellbar. Heute verteilen wir allen Patienten eine Broschüre, in der wir sie darüber informieren, dass Fehler passieren können. Wir ermuntern sie, uns anzusprechen, wenn sie denken, dass etwas nicht korrekt läuft. Die Zeit der Götter in Weiss ist passé. In einem Spital arbeiten Menschen. Und Menschen machen Fehler. Was wir tun können, ist, das System um die Menschen herum so zu bauen, dass es möglichst einfach ist, fehlerfrei zu arbeiten.

Verunsichert diese «Warnung» die Patienten nicht erst recht?

Rossi: Das wurde zu Beginn teils befürchtet. Aber ich bin überzeugt, dass die Transparenz eine Voraussetzung dafür ist, dass die Patienten uns vertrauen. Man darf nicht vergessen, dass die meisten nicht freiwillig im Spital sind. Dem in uns gesetzten Vertrauen wollen wir mit Sorgfalt und Ehrlichkeit gerecht werden.

Wie werden Fehler am Kantonsspital erfasst, gibt es eine geheime Statistik?

Rossi: Kritische Ereignisse, also Fehler, die die Patienten nicht tangieren, können von allen Mitarbeitern anonym über ein Computersystem eingetragen werden. Pro Jahr gehen rund 1000 sogenannter Cirs-Meldungen ein, denen das Qualitätsmanagement nachgeht. Bei einer Häufung in einer Abteilung können so problematische Abläufe erkannt und geändert werden. Mit Fehlern, die Komplikationen verursachen, beschäftigt sich das Team vom Risikomanagement. Die Qualitätszahlen veröffentlicht das Luks auf der Internetseite.

Wie wird sichergestellt, dass Fehler nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden?

Rossi: Das hat viel mit der Fehlerkultur zu tun. Die Haltung der Spitalleitung ist glasklar: Die Mitarbeiter sollen Fehler melden. Ich habe noch nie gehört, dass einer deswegen gemassregelt worden wäre.

Von Seiten des Pflegepersonals wird unter vorgehaltener Hand kritisiert, dass Ärzte es selten melden, wenn sie Fehler machen.

Rossi: Wahrscheinlich stimmt das. Das System basiert auf einer Fehlerkultur, die aufgebaut werden muss. Im Pflegebereich wird das Meldesystem bereits aktiver gelebt. Anfangs hatten viele Ärzte Bedenken, kritische Ereignisse zu melden. Und zwar darum, weil sie befürchtet haben, juristisch belangt zu werden, falls sich aus einer Cirs-Situation wider Erwarten ein Haftpflichtfall entwickelt. Ich habe aber noch nie von einem solchen Fall gehört.

Ein Drittel aller Infektionen könnten verhindert werden, wird von Patientenorganisationen behauptet. Stimmts?

Rossi: Diese Aussage stammt aus Studien, die auf den Standards aus den 90er-Jahren basieren. In der Zwischenzeit wurde in allen Spitälern bereits eine Fülle von Massnahmen getroffen, sodass das Verbesserungspotenzial inzwischen viel geringer sein dürfte. Trotzdem stützt sich auch das Bundesamt für Gesundheit auf diese Zahlen und investiert im Rahmen der Strategie Noso grosse Summen in ein nationales Projekt. Ich bin gespannt, wie gross der Effekt tatsächlich sein wird.

Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Personalmangel und Infektionsrisiko. Stehen Spardruck und Patientensicherheit im Konflikt?

Rossi: Das Verhältnis von Patienten und Personalbestand hat einen grossen Einfluss, das ist wissenschaftlich erwiesen. Ein Abbau des Pflege-, aber auch des Reinigungspersonals bleibt nicht ungestraft. Das muss wissen, wer solche Sparmassnahmen fordert.

2012 wurden Wundinfektionsmessungen durchgeführt. Demnach hat das Luks in Luzern die höchste Infektionsrate für Dickdarmchirurgie in der Zentralschweiz. Was kann ein Patient daraus schliessen?

Rossi: Für uns war diese Erhebung intern sehr wertvoll. Wir haben intensiv nach den Ursachen gesucht und alle Abläufe überprüft – auch unter Beizug externer Spezialisten. Es zeigte sich, dass die erhöhte Infektionsrate mehrheitlich durch den Schweregrad der Fälle erklärt werden kann. Der Vergleich solcher Zahlen ist komplex und sagt deshalb nicht zwingend etwas über die Behandlungsqualität aus. Es ist auch umstritten, wie weit die Veröffentlichung dieser Infektionsraten tatsächlich zur Verbesserung der Qualität beiträgt.

Viele Sicherheitsmassnahmen gehören inzwischen zum Standard. Die Spitäler sind aber nicht gesetzlich verpflichtet, sie umzusetzen. Ist das richtig?

Rossi: Wer in einem Spital arbeitet, will zum Wohl der Patienten gute Arbeit leisten. Deshalb werden die Sicherheitsmassnahmen am besten umgesetzt, wenn sie sinnvoll sind und in die Abläufe des Spitals passen. Es gibt Stimmen, die einheitliche und verbindliche Lösungen für alle Schweizer Spitäler fordern. Ich finde es besser, wenn Massnahmen von innen heraus ergriffen und nicht von aussen diktiert werden. Denn so sind sie massgeschneidert und werden vom Personal auch mitgetragen.

Interview Lena Berger

Hinweis

* Marco Rossi (54) ist Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital.

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