LUZERN: «Druck hilft bei der Integration»

Max Plüss (65) wird nach 16 Jahren als Leiter des Amtes für Migration pensioniert. Er scheut sich nicht, den Finger auf wunde Punkte zu legen.

Luzia Mattmann
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«Es gab schon Fälle, bei denen mir die Haare zu Berge standen»: Max Plüss, abtretender Leiter des Luzerner Amts für Migration. (Bild Eveline Beerkircher)

«Es gab schon Fälle, bei denen mir die Haare zu Berge standen»: Max Plüss, abtretender Leiter des Luzerner Amts für Migration. (Bild Eveline Beerkircher)

Max Plüss, Sie haben das Image eines Hardliners und nehmen kein Blatt vor den Mund, Probleme im Ausländerwesen beim Namen zu nennen. Ist das eine Voraussetzung für Ihre Arbeit als Leiter des Amtes für Migration?

Max Plüss*: Für gewisse Kreise mag ich ein Hardliner sein, für andere ein Softie. Ich bin überzeugt, dass ich eine Linie irgendwo dazwischen vertrete. Wenn ich sage, dass die Integrationskapazitäten der Schweiz begrenzt sind oder dass über den Familiennachzug viele, für den Arbeitsmarkt nicht gut qualifizierte Leute aus Nicht-EU-Ländern in die Schweiz einwandern, dann ist das in meinen Augen eine Aussage, die faktisch und fachlich begründet ist. Eine politische Wertung der Fakten steht mir allerdings als Behördenvertreter nicht zu.

In Ihrem Job stossen Sie oft rechts und links auf Widerstand: Für die einen agieren Sie zu hart, für die anderen zu lasch. Haben Sie sich ab und zu die Finger verbrannt?

Plüss: Brandwunden habe ich keine, aber es gab schon Fälle, wo mir die Haare zu Berge standen. Zum Beispiel haben wir, das Amt für Migration, eine Person aus der Schweiz weggewiesen, das Justizdepartement des Kantons hat den Entscheid als erste Beschwerdeinstanz gestützt, das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern auch – aber das Bundesgericht hat den Entscheid umgestossen, weil er unverhältnismässig sei. Solche Fälle sind mehrmals pro Jahr vorgekommen.

Es gab aber auch Fälle, etwa jener eines Kosovaren in Hochdorf, der nach einer Verwarnung durch das Amt für Migration noch 15 Delikte begangen hat, bis er ausgewiesen wurde.

Plüss: Es gab sicher Fälle, die wir nicht schnell genug gehandelt haben. Aber in den meisten Fällen sind die langen Fristen darauf zurückzuführen, dass man gegen Entscheide Beschwerden über mehrere Instanzen und zudem noch Wiedererwägungs- und Revisionsgesuche erheben kann – und das dauert oft sehr lange.

Welches sind Ihre schwierigsten ­Klienten?

Plüss: Grundsätzlich macht der Grossteil der Einwanderer keine Probleme, die meisten werden ja von Unternehmern als Arbeitskräfte in die Schweiz geholt. Ein kleiner Teil macht aber Schwierigkeiten. Aus meiner Erfahrung sind vor allem jene Männer aus dem Balkan ein Problem, die erst im Alter von rund 25 Jahren in die Schweiz kommen, weil sie eine Frau mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung heiraten, die aus demselben Kulturkreis stammt. Die Männer lernen kaum Deutsch, haben selten eine für die Schweiz gerechte Ausbildung und haben daher auch schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Was hat sich in den Jahren, in denen Sie Leiter des Amtes für Migration waren, verändert?

Plüss: Das Abkommen zur Personenfreizügigkeit mit der EU hat seit 2001 den freien Personenverkehr zwischen der Schweiz und heute 27 Ländern ermöglicht und auf dem Arbeitsmarkt grosse Wirkung erzielt. Das Schengen-Abkommen hat seit 2009 im Visabereich für Touristen und Geschäftsleute grosse Erleichterungen gebracht. Das Dublin-Abkommen hat seit 2009 vor allem im Asylwesen das Asyl-Shopping innerhalb Europa eingeschränkt. Ein ungelöstes Problem im Asylwesen ist nach wie vor, dass wir mit vielen Ländern kein Rückübernahmeabkommen haben. Sie können nicht mehr oder nur mit riesigem Aufwand zurückgeführt werden. Weiter beobachten wir, nicht nur im Kanton Luzern, dass mehr Leute über den Menschenhandel und die internationale Kriminalität eingeschleust werden, vor allem aus afrikanischen Ländern.

Stichwort Integration: Was sind da Ihre Erfahrungen?

Plüss: Eine grosse Hilfe bei der Integration von Ausländern ist sicher der neue Integrationsartikel: Personen von ausserhalb der EU können verpflichtet werden, innerhalb des ersten Jahres einen Sprachkurs von 120 Lektionen zu besuchen. Das wird kontrolliert. Erfüllen sie diese Anforderung auch im zweiten Jahr nicht, können wir ihnen die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängern.

Funktioniert Integration Ihrer Erfahrung nach nur unter Druck?

Plüss: So generell kann man das nicht sagen. Aber ja, das kommt vor. Wir haben Beispiele von 65-jährigen Italienerinnen, die schon 40 Jahre in der Schweiz leben und kaum ein Wort Deutsch reden. Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Wer Deutsch spricht, kann sich umso besser integrieren.

Hat es während Ihrer Amtszeit auch Fälle gegeben, die Ihnen persönlich nahegegangen sind?

Plüss: Nach dem Ende des Jugoslawienkrieges 1999/2000 waren viele vorläufig aufgenommene Familien zur Rückreise in ihr Heimatland verpflichtet. In der Klasse meiner Söhne gab es Jugendliche aus Ex-Jugoslawien, die sich innert kürzester Zeit in die Klasse integriert hatten. Dass diese Jugendlichen auf Geheiss des Bundes wieder zurückreisen mussten, hat mich emotional sehr betroffen.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Plüss: Ich habe versucht, das Ganze zu sehen und nicht nur den Einzelfall. Wir haben den Leuten vorübergehend Schutz und ein Heim geboten. Irgendwann kommt aber die Zeit, wo es Sinn macht, dass sie zurückgehen und in ihrer Heimat beim Aufbau helfen. Das ist natürlich.

Wie war es für Sie, diese negativen Entscheide des Bundes umzusetzen?

Plüss: Das ist nicht angenehm, aber notwendig. Der Kanton Waadt hat damals im Gegensatz zu Luzern einen grossen Teil dieser vorläufig Aufgenommenen behalten. Und hatte im Nachhinein ein grosses Problem mit Sans-Papiers, weil sie ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung in der Schweiz waren.

Wie gross ist eigentlich der Spielraum, den Sie haben?

Plüss: Im Asylbereich entscheidet immer das Bundesamt für Migration beziehungsweise das Bundesverwaltungsgericht darüber, ob jemand Asyl erhält. Wir setzen diesen Entscheid um. Im positiven Fall stellen wir eine Aufenthaltsbewilligung aus, im negativen Fall versuchen wir die abgewiesenen Asylsuchenden für eine freiwillige Rückreise zu bewegen, und falls dies nicht gelingt, bleibt die unschöne Aufgabe der Zwangsrückführung.

Ab dem 1. August sind Sie pensioniert. Wie sehen Sie dem neuen ­Lebensabschnitt entgegen?

Plüss: Am meisten sehne ich mich danach, dass ich freier entscheiden kann, was ich mit meiner Zeit machen kann. Aber ich freue mich auch auf mehr Privatheit.

Fühlen Sie sich denn jetzt als öffentlicher Mensch?

Plüss: Ja.

In welchem Fall stört Sie das?

Plüss: Wenn jemand das Gefühl hat, wir hätten einen falschen Entscheid gefällt, obwohl der Person das Wissen um den konkreten Fall oder die rechtlichen Grundlagen fehlt. Sei es von rechter oder von linker Seite.

Viele Amtsträger haben Mühe mit der plötzlichen Pensionierung. Sie waren Chef von mehr als 50 Mitarbeitern und müssen von einem Tag auf den anderen Verantwortung abgeben – wie empfinden Sie das?

Plüss: Das Abgeben dieser Verantwortung empfinde ich als befreiendes Gefühl. Ich werde mehr Zeit haben für mich, für die Familie und Freunde. Ich freue mich auf mehr Bewegung beim Tennisspielen, Wandern, Velofahren, Skifahren. Ausserdem werde ich die Organisation des Leichtathletikmeetings in Luzern weiterführen. Ich bin ein Bewegungsmensch.

* Max Plüss (65) wird nach 16 Jahren als Leiter des Amtes für Migration pensioniert. Der studierte Betriebswirt ist verheiratet, wohnt in Meggen und hat drei erwachsene Söhne und zwei Grosskinder. Seine Nachfolge übernimmt Alexander Lieb (FDP, 52), kantonaler Sicherheitskoordinator und stellvertretender Sekretär des Justiz- und Sicherheitsdepartementes sowie Stadtrat von Sempach.