LUZERN: Ein Leben für die Geschichten des Lebens

Immer mehr ältere Menschen bringen ihre Lebensgeschichte auf Papier. Die Luzernerin Lucette Achermann hilft ihnen dabei.

Rahel Schnüriger
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Hält die Geschichten anderer fest: Lucette Achermann. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Hält die Geschichten anderer fest: Lucette Achermann. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Nach sechs Uhr früh kann sie nicht mehr im Bett liegen, nimmt als Erstes ein Entspannungsbad, liest E-Mails und Zeitungen. Und dann? «Dann gebe ich Gas.» Gas geben, das bedeutet für Lucette Achermann das Eintauchen in die Geschichten anderer. Der Job einer Archäologin, nur ohne Dreck unter den blau lackierten Fingernägeln.

Die Luzernerin schreibt Autobiografien für Menschen, die ihr Leben auf Papier bringen wollen. Ein wachsender Markt: Immer mehr Menschen möchten im Alter ihre Geschichte aufschreiben. Im Zeitalter der neuen Medien habe heute jeder eine Stimme, sagt Lucette Achermann, das habe die Menschen geöffnet. Und: «Früher lebten die Familien in einem Mehr-Generationen-Haus, wo die Geschichten der Familie weitererzählt wurden. Heute sind die Umstände anders, doch das Bedürfnis, seine Geschichten zu erzählen, ist geblieben.»

Sie selbst ist in einer Wirtefamilie in Sursee aufgewachsen, stark geprägt von den Grosseltern: ein Literaturprofessor, ein Theaterregisseur, eine Kunsthändlerin und eine Bauersfrau mit grossem Erzähltalent. Während Fernseher, Auto und eigenes Bad fehlten, hatte die Familie eine grosse Stube, in der sich alle Kinder zum Lesen versammelten. Dass sie ihr Glück über die Worte finden würde, war Lucette Achermann bereits früh klar. Ein Hochschulstudium war ihr als ältestes von drei Kindern aber nicht vergönnt, und bis sie ihre Berufung gefunden hatte, sollte sie noch viele Reisen machen sowie selbst zwei Kinder grossziehen. «Ich bin heute noch am Nachholen», sagt sie. Die gestapelten Bücher in der farbig dekorierten Stube lassen erahnen, dass ihr Wissensdurst noch lange nicht gestillt ist.

Kreuzfahrt durchs Leben

Heute blickt die rund 60-Jährige – genau möchte sie ihr Alter nicht nennen – auf knapp 30 aufgeschriebene Lebensgeschichten zurück. Drei davon sind im Verlag erschienen. Die anderen waren in kleineren Auflagen vor allem für Familie und Umfeld gedacht. Die kleinste Auflage war eine einzige, das Buch endete als Vermächtnis im Tresor.

Die Lebensgeschichte in Buchform gibt es ab zirka 8000 Franken. Die meisten lässt Lucette Achermann vom Netzwerk Rohnstock Biografien Berlin lektorieren und produzieren. Sie vergleicht den Preis dafür mit einer Kreuzfahrt – schliesslich ähnelt ein solches Projekt einer Kreuzfahrt durchs Leben. Von ihrer Leidenschaft erzählte die Luzernerin gestern am Marktplatz 60plus, der unter dem Motto «Neugier kennt kein Rentenalter» stattfand (siehe Kasten). Durch ihre Arbeit kennt sie die Schwierigkeiten nur zu gut, die sich für manche mit Eintritt der Pension stellen: ein plötzliches Loch und weniger Wertschätzung in der Gesellschaft – dabei möchten viele noch so viel leisten. Mit ein Grund, weshalb sie selbst ihr Alter nicht in den Vordergrund stellen und so auf einen aufgedrückten Stempel verzichten will.

«Ich bin auch Beicht-Mutter»

Zu Lucette Achermann kommen Menschen, die Bilanz ziehen wollen, aber auch Selbstdarsteller, schwarze Schafe oder Menschen, die mit ihrer Vergangenheit abschliessen möchten. Entsprechend gross ist oftmals der therapeutische Anteil ihrer Arbeit. «Ich bin auch Beicht-Mutter», sagt sie. Manchmal vertrauen ihr die Leute mehr an, als deren Nächste wissen. Durchs Erzählen entdeckten sie selbst plötzlich Zusammenhänge im Leben oder würden erst erkennen, wie reich ihre Vergangenheit eigentlich war. Einer Verkäuferin, die auf den ersten Blick ein ganz normales Leben hatte, gab das eigene Buch beispielsweise eine völlig neue Identität.

Zwei Mal ist es Lucette Achermann bis jetzt passiert, dass jemand kurz nach dem Erzählen seiner Geschichte verstorben ist. Auch für die Autobiografin ist es nicht immer einfach, die berührenden Geschichten zu verarbeiten. Doch letztlich sei es eine riesige Bereicherung, die eigene Probleme blasser werden liessen.

Während ihrer Arbeit fühlt sie sich voll und ganz in die Menschen hinein, schliesslich erscheinen die Bücher unter deren Namen und sollen ihre Sprache sprechen. Dass manche sich nachher als Autoren feiern lassen, ist ihr gleichgültig. Schwieriger sei es dagegen, immer den richtigen Ton zu treffen. Für die Geschichte eines 70-jährigen Arbeiters, der zeitlebens für seine nicht jugendfreien Witze bekannt war, musste sie über ihren Schatten springen. «Ich darf nicht richten», findet sie, «sondern muss jeden Menschen nehmen, wie er ist.»