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LUZERN: Ein Mandala wird geschaffen – und wieder weggewischt

Ein buddhistischer Mönch aus Tibet schafft über Tage ein kunstvolles Mandala. Dass es zum Schluss in seiner ganzen Schönheit in den Tiefen der Reuss verschwindet, hat eine starke Symbolik.
Benno Bühlmann
Das Sandmandala wird aufgelöst. (Bild: Videostill)

Das Sandmandala wird aufgelöst. (Bild: Videostill)

Benno Bühlmann

redaktion@luzernerzeitung.ch

Es ist Freitag, 10 Uhr. Im Luzerner Flüchtlingstreff «Hello Welcome» ist Lama Tsewang Nyima noch mit letzten Vorbereitungen für ein Ritual beschäftigt, das Schweizerinnen und Schweizer nur selten live miterleben können. Unzählige kleine Gefässe mit feinem Sand in allen möglichen Farbtönen stehen auf dem Tisch bereit. In wenigen Minuten beginnt der buddhistische Mönch damit, ein kunstvolles Mandala aus farbigem Sand zu erstellen. Die Geräusche im Raum erinnern vorerst an einen Handwerksbetrieb: Es wird geklopft, gehämmert und gemahlen, denn der Sand muss genügend fein zerrieben sein, damit er für das Mandala gebraucht werden kann.

Wenig später betritt der 12. Zurmang Gharwang Rinpoche aus Sikkim, einer der wichtigsten Vertreter der Karma-Kagyü-Linie, den Raum. Mit einem freundlichen Lächeln begrüsst er die zahlreichen Besucherinnen und Besucher, die sich das eindrückliche Eröffnungsritual nicht entgehen lassen wollen. Bevor der Vajra-Meister die ersten Linien aus farbigem Sand streut, beginnen drei tibetische Mönche das offizielle Eröffnungsritual: Gebetsartig rezitieren sie tibetische Mantras, tragen singend heilige Silben vor und vollziehen damit ein wichtiges Reinigungsritual zur Befreiung von den drei Bewusstseinsgiften Gier, Hass und Verblendung.

Mandala-Ritual dauert mehrere Tage

Nun kann die eigentliche Konstruktion des Mandalas beginnen – eine äusserst aufwendige Arbeit, die mehrere Tage in Anspruch nimmt. Die anwesenden Gäste sind beeindruckt, mit welcher Konzentration der buddhistische Mönch sein farbenfrohes Kunstwerk Schritt für Schritt von innen nach aussen entstehen lässt: Vorerst schaufelt er farbigen Sand in ein langes, trichterförmiges Gefäss. Durch die winzig kleine Öffnung an der Unterseite rinnt der Sand langsam hindurch. Mit schabenden Bewegungen entlang des Trichters gelingt es dem Mönch, den Sand exakt an die gewünschte Stelle rieseln zu lassen. «Wer sich Zeit nimmt und dem buddhistischen Mönch beim Malen des Mandalas zuschaut, kann etwas ganz und gar Nichtalltägliches erleben», meint Gabriela Hofer, Leiterin der Zentralschweizer Sektion der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft.

Entbindung von der materiellen Welt

Im tibetischen Buddhismus seien Sandmandalas eine uralte Tradition, erklärt Gabriela Hofer weiter: «In den tibetischen Mandalas, wie wir sie heute kennen, ist das Quadrat in der Mitte als Palast dargestellt, dessen Tore in die vier Himmelsrichtungen zeigen. Umgeben ist dieses Quadrat von drei Ringen, die ein Mandala gegen aussen abschliessen. Es sind von innen nach aussen der Lotosblumen-, der Vajra- und der Flammenkreis.» Um jedes Mandala lodere ein kreisförmiges Feuer, um alle negativen Kräfte vom Inneren des Mandalas fernzuhalten. Etliche Besucherinnen und Besucher, die mit grosser Faszination den Entstehungsprozess des Mandalas im Flüchtlingstreff «Hello Welcome» mitverfolgen, sind auch vier Tage später beim Schlussritual wieder anwesend: Silvia Wanner aus Root und Roland Blättler aus Luzern erleben diese Zeremonie zum ersten Mal und zeigen sich tief beeindruckt. «Es ist unglaublich, mit welcher Ruhe und Konzentration der buddhistische Mönch innerhalb von vier Tagen ein solches Kunstwerk schaffen konnte», meint Silvia Wanner. Und Roland Blättler fügt hinzu: «Es hat mich persönlich sehr berührt zu erleben, welche Energie ein solches Ritual ausstrahlt.» Und gleichzeitig falle es ihm aber auch nicht ganz leicht, am Schluss von diesem wunderschönen Kunstwerk wieder Abschied nehmen zu müssen.

Doch das ist unumgänglich: Das Auflösen des Sandmandalas gehört unverzichtbar zum Ritual. Während der Abschlusszeremonie wischt der tibetische Mönch den Sand seines Mandalas mit einem kleinen Besen behutsam zusammen, sammelt ihn in einer Glasschüssel und begibt sich dann mit den Gästen in einer kleinen «Prozession» zur Luzerner Jesuitenkirche, wo der Sand in die Reuss geschüttet wird. «Mit diesem Ritual soll an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert und das Ideal der Entbindung von der materiellen Welt symbolisch vollzogen werden», so Gabriela Hofer, die in den vergangenen Jahren immer wieder bei der Entstehung und Auflösung von Sandmandalas dabei war.

Lama Tsewang Nyima übergibt das Mandala der Reuss. Zahlreiche Besucher hatten zuvor die Entstehung des tibetischen Kunstwerkes verfolgt. (Bild: Keystone)

Lama Tsewang Nyima übergibt das Mandala der Reuss. Zahlreiche Besucher hatten zuvor die Entstehung des tibetischen Kunstwerkes verfolgt. (Bild: Keystone)

Zahlreiche Besucher hatten zuvor die Entstehung des tibetischen Kunstwerkes verfolgt. (Bild: Benno Bühlmann)

Zahlreiche Besucher hatten zuvor die Entstehung des tibetischen Kunstwerkes verfolgt. (Bild: Benno Bühlmann)

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