LUZERN: Ein Verein bietet Perspektiven zwischen Gasse und Gesellschaft

Der Verein Jobdach führt ein Heim für Langzeitdrogensüchtige und gewährt erstmals einen Einblick. Es soll die Bewohner auf ein möglichst «normales» Leben vorbereiten. Aber was ist schon normal mit einem Vorleben, wie es Andi (48) führte?

Alexander von Däniken
Drucken
Teilen
Heimleiterin Marianne Berchtold im Gespräch mit einem Bewohner. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 22. 12. 2016))

Heimleiterin Marianne Berchtold im Gespräch mit einem Bewohner. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 22. 12. 2016))

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Trübe Kälte legt sich über das ehemalige Personalhaus des Betagtenzentrums Rosenberg in Luzern. Ein Velofahrer taucht auf, ausgerüstet mit Schal, Mütze, Handschuhen. Der Herr stellt sich als Daniel Wicki (63) vor. Er wohnt in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Personalhaus. «Ich habe gar nichts Negatives zu berichten», sagt Wicki. Dabei waren die Ängste unter einzelnen Quartierbewohnern anfangs gross. Das war vor über zwei Jahren, als die Stadt Luzern alle Anwohner zu einem Infoanlass eingeladen hat. Thema: Ins ehemalige Personalhaus mit seinen zehn Wohnstudios sollen Menschen ziehen, die Drogen konsumieren und «gassenmüde» sind (wir berichteten).

Seit Jahren war der dafür zuständige gemeinnützige Verein Jobdach auf Standortsuche. Mit Hilfe der Stadt, der das besagte Haus gehört, konnte eine Lösung gefunden werden: ein auf sieben Jahre befristeter Mietvertrag. Hintergrund: Der Verein betreibt schon die Notschlafstelle an der Gibraltarstrasse und das «Wohnhuus 1» an der Murbacherstrasse. Dort werden die Bewohner während 24 Stunden von Bezugspersonen betreut – haben aber einen befristeten Beherbergungsvertrag. Wohin können sie danach? Hier setzt das «Wohnhuus 2» an, das ehemalige Personalhaus. Seit Juli 2015 leben hier zehn Menschen ab 40 Jahren, die mit ihrer Sucht zu kämpfen haben, und oft auch mit sich selbst.

80 Menschen bräuchten einen Platz

Vor dem Eingang wartet Annamarie Käch. Sie ist Präsidentin des Vereins Jobdach. Und begründet die zurückhaltende Kommunikation über das Wohnhuus 2 mit der schwierigen Ausgangslage. Ein Heim für Langzeitdrogenabhängige in einem Wohnquartier ist weder alltäglich noch überall gern gesehen. Doch die anfängliche Skepsis sei einer Akzeptanz gewichen.

Sie sei froh darüber, einen Standort gefunden zu haben, sagt Käch. Allerdings: Im Kanton Luzern gibt es schätzungsweise 80 Menschen, die auf eine solche Einrichtung angewiesen sind. Ist das Wohnhuus 2 mit seinen 10 Plätzen nicht ein Tropfen auf den heissen Stein? «Immerhin ist es ein Tropfen», entgegnet Käch. Sie versichert, dass der Verein nach weiteren geeigneten Häusern und Wohnungen sucht. Diese müssten idealerweise in der Stadt gelegen und gut mit dem ÖV erschlossen sein. So wie eben das Wohnhuus 2, laut Käch ein «idealer Ort mitten in der Gesellschaft, am Rande eines Quartiers».

Der Verein Jobdach wird vom Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung unterstützt. Dieser wiederum erhält Beiträge von Kanton und Gemeinden. Dazu finanziert sich der Verein mit Eigenmitteln und Spenden. Die Miete der Bewohner zahlt nach Kostengutsprache das zuständige Sozialamt.

Im Empfangsraum steht ein hagerer Mann. «Ich bin der Andi», sagt er, und wechselt die Bierbüchse in die linke Hand, um die rechte zum Gruss zu reichen. Der 48-jährige Bewohner huscht die Treppe in den ersten Stock hinauf, vorbei an Türen zu den Wohnstudios, und setzt sich an einen Tisch in einem kleinen Aufenthaltsbereich, der von einem Backofen dominiert wird. In den Studios gibt es Kochnischen mit Herdplatten und Kühlschränken. Andi kocht hier abends, mittags geht er lieber in die Gassenküche.

Adoption, Lehre, Deals, Drogen

Andi erzählt aus seinem Leben. In Zürich geboren, zur Adoption freigegeben, mit drei Monaten von einem kinderlosen Paar aufgenommen. «Kaum war ich dort, hat es bei ihnen dann doch geklappt mit einem eigenen Kind», sagt Andi. Er spricht mit leiser, etwas heiserer Stimme, seine Augen sind hellwach.

Andi macht eine Lehre als Elektromonteur und fängt mit 16 an zu kiffen und zu saufen. Ein Kollege spannt ihn in Dealergeschäfte ein: Heroin und Kokain. «Das habe ich dann auch konsumiert.» Zum Leben war trotzdem noch genug da. Andi vertickt den Stoff unter anderem auf dem Zürcher Platzspitz, verdient manchmal 30000 Franken pro Woche, wie er sagt. Dazwischen gibt es dann doch immer wieder den «Fünffinger-Rabatt»: Diebstähle, Einbruchdiebstähle. Es folgt ein steter Wechsel zwischen ­Gasse und Gesellschaft: Gefängnis (insgesamt dreimal), Entzug, Frau (zwei Ehen, beide Male «haute sie ab»), Job (zwischenzeitlich hat er höhere Positionen, ist für mehrere Baustellen verantwortlich), Strasse, Drogen. Aktuell hat Andi noch eine Reststrafe zu verbüssen, zuvor noch eine therapeutische Massnahme. Er bezieht von der Abgabestelle Drop-in in Luzern die Ersatzdroge Methadon, dazu Valium.

Seit Eröffnung des Wohnhuuses 2 lebt er nun hier, lobt den grössten Teil des Betreuerteams, pflegt Kontakt zu fast allen Mitbewohnern. Zuvor war er im Wohnhuus 1, hat sich dort als «wohnkompetent» erwiesen. Die Frage nach seiner Zukunft beantwortet Andi auch ein zweites Mal zögerlich: «Ich kann nicht die ganze Zeit Schrauben eindrehen. Ein herausfordernder Job muss es schon sein.» Er erinnert an seine Jobs, in denen er viel Verantwortung getragen hat. Konkreter ist die nahe Zukunft: Demnächst will Andi seinen Vater im Pflegeheim besuchen.

Dass es Andi einmal ins «normale»Leben schafft, hofft Marianne Berchtold (55), aber wissen kann es die Leiterin des Heimes nicht. Zweimal hat ein Bewohner das Wohnhuus 2 seit der Eröffnung Richtung Wohnhuus 1 verlassen. Einer zog nachts öfter laute Kollegen an, der andere kam mit der Selbstständigkeit nicht klar. Die Bewohner werden weiterhin vom Team Wohnhuus betreut, mit einem permanenten Nachtdienst und einer punktuellen Tagesbetreuung zweimal in der Woche.

Für eine Erfolgsstory – von der Gasse ins reale Leben – ist es wohl noch zu früh. Ein Erfolg ist für Berchtold aber schon die Tatsache, Menschen ohne 24-Stunden-Betreuung ein Dach über dem Kopf zu geben. Sie ist sich ­sicher: «Das Leben in diesem Zuhause gibt den Menschen die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl zurück. Das ist die Voraussetzung für einen Neustart.» Annamarie Käch ergänzt: «Es ist wichtig, Menschen am Rande der Gesellschaft nicht noch weiter rauszudrängen, sondern in die Mitte zurückzuholen.»