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LUZERN: Eine Familie bewahrt Luzern vor der dem Hochwasser

Bricht der Renggbach aus, droht Kriens und Luzern eine Katastrophe. Das Zähmen des Gewässers ist Sache der Familie Haas – seit 205 Jahren.
Christian Hodel
Der amtierende Bachmeister Werner Haas junior (44) und sein Vater Werner Haas senior (77) beim Renggbach im Krienser Ortsteil Obernau. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Der amtierende Bachmeister Werner Haas junior (44) und sein Vater Werner Haas senior (77) beim Renggbach im Krienser Ortsteil Obernau. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die Welt ist schnelllebig geworden. Der Renggbach war es schon immer. Innert weniger Stunden kann er sich bei einem Gewitter zu einem Ungetüm aufbauschen. Die Wassermassen peitschen dann das Tobel hinunter – Unmengen Land drohen zu versinken. Stunden später fliesst das Wasser wieder gemächlich vor sich hin. Wie umgehen mit dieser Eigenschaft, diesem schnellen Auf und Ab? Mit Beständigkeit, so lautet die Antwort, wie das Beispiel der Familie Haas zeigt.

50 Stunden den Bach ablaufen

Seit 205 Jahren amten sie, die Landwirte vom Längacher unterhalb der Hergiswaldbrücke, als Bachmeister. Braut sich ein Gewitter zusammen, kontrolliert Werner Haas junior (44) die prekären Stellen. Einmal im Jahr wandert er die 700 Bauten ab, die den Bach in den Schranken halten. Fünfzig Stunden reine Gehzeit sind das. Durch unwegsames Gelände führt der Weg. Das Tobel hinunter und das Tobel hinauf. «Man kommt an Stellen, die sonst kein Mensch betritt», sagt Werner Haas junior, der seit wenigen Monaten die Familientradition weiterführt. Das mache die Faszination aus.

Der Meister des Renggbachs wandert jeweils die Zuflüsse ab, schaut nach den Dämmen und darauf, dass kein Schwemmholz das Wasser staut. Er protokolliert, ob alle Steinbrocken am richtigen Ort liegen – und meldet die Schadensfälle. Rund 100 Stunden Arbeit sind das pro Jahr. Und gut eine halbe Million Franken investiert sein Auftraggeber, die Renggbachgenossenschaft, im selben Zeitraum, damit der Bach nicht mehr über die Ufer tritt. Wo das Geld investiert wird, bestimmt zu einem grossen Teil der Bachmeister. Sein Wort zählt bei den Genossenschaftern. Schliesslich kennt keiner den Bach so gut wie er. Mit dem Renggbach ist Haas aufgewachsen. Sein Vater, Werner Haas senior (77), hat ihn schon als Bub mit an die unwegsamen Stellen genommen. 35 Jahre lang war er der Bachmeister. Von seinem Onkel hatte er das Amt damals übernommen. Just, nachdem das «System» Renggbach mit seinen rund 30 Bachzuflüssen ein letztes Mal so richtig gewütet hat.

160 Bauwerke neu errichtet

Sommer 1979: Das Unwetter ging als eines der schwersten des vergangenen Jahrhunderts in die Geschichte ein. Die zum Teil 60- bis 80-jährigen Bauten am Renggbach vermochten nicht mehr zu widerstehen, schreibt Gregor Egloff, Historiker vom Staatsarchiv Luzern, im Buch «Die Natur kennt keine Katastrophen». Dieses wurde jüngst vom Kanton Luzern herausgegeben (siehe Kasten). Rund 160 Bauwerke mussten am Renggbach infolge des Hochwassers neu errichtet werden. Zwischen 1980 und 1989 wurden für 6 Millionen Franken Uferschutzmassnahmen durchgeführt. Werner Haas senior erinnert sich: «Ein solches Unwetter gab es lange nicht mehr.» Es brauchte Wochen, fast Monate, bis im überschwemmten Gebiet wieder der Alltag einkehrte.

Selbst Hand angelegt beim Erstellen der neuen Schutzbauten hat Werner Haas senior aber nicht. Der Bachmeister hat damit nichts zu tun. Seine Funktion beinhaltet seit einigen Jahrzehnten nur noch die Aufsicht des Baches. «Die Arbeiten des Bachmeisters haben sich im Verlaufe der Zeit stark verändert», sagt Werner Haas senior. Er könne sich noch erinnern, als seine Vorfahren in den 1950er-Jahren italienische Arbeiter für die Errichtung der Schutzbauten nach Kriens holten. Der Bachmeister war für alle Arbeiten und die Rekrutierung der Arbeiter verantwortlich. Tonnenschwere Steinbrocken schlugen sie und verlegten Betonblöcke – von Hand. «Heute machen das spezialisierte Baufirmen mit ihren Maschinen.» Dennoch: Der Bachmeister ist heute genauso wichtig wie früher. Dank ihm konnten in den vergangenen Jahren grössere Schäden im Umland des Renggbachs verhindert werden. Die Familie Haas trägt dazu bei, dass Kriens und Luzern vom Hochwasser des Renggbachs verschont bleiben.

Nächste Generation schon bereit

Das Amt habe ihm stets viel bedeutet, sagt Werner Haas senior. Ein wenig stolz sei er schon, dass sein Sohn diese Familientradition weiterführe. Und auch die nächste Generation steht schon bereit. Einer der Söhne von Werner Haas junior begleitet den Vater «hie und da» bei den Begehungen. Es scheint, als bliebe das Zähmen des Renggbachs auch künftig Sache der Familie Haas.

Christian Hodel

Hinweis

Die Ausstellung «Der Renggbach und seine Meister» findet bis am 10. 7., von 27. 8. bis 6. 11. und von 19. 11. bis zum 5. 3. 2017 im Bellpark in Kriens statt.

Das Wasser drang bis in die Stadt

Geschichtechh. Aus rund 30 Bächen wird der Renggbach am Fusse des Pilatus im Obernau gespeist. Am schlimmsten wüteten seine Wassermassen 1738. Damals trat der Bach nach einem Unwetter über die Ufer, verwüstete grosse Teile von Kriens und drang bis weit in die Stadt Luzern ein. Seither versucht man, den Bach zu zähmen. 700 Bachsperren und -verbauungen wurden bis heute errichtet, die aufwendig unterhalten werden müssen. Seit 1887 sorgt die Renggbachgenossenschaft für den Unterhalt der Bauten – in den vergangenen drei Jahrzehnten hat sie gut 20 Millionen Franken in die Zähmung des Baches investiert. Vertreten in der Genossenschaft sind Behörden und Unternehmen, die von einer Überflutung betroffen wären: Kriens, Horw, die Stadt Luzern, die Korporation und die Katholische Kirchgemeinde Luzern, die SBB sowie die Zwinggenossenschaften Blatten und Littau.

Eine Daueraufgabe        

Die Bewohner des Renggbachs haben über die Jahrhunderte gelernt, mit dem Naturrisiko umzugehen, wie im vom Kanton Luzern herausgegebenen Buch «Die Natur kennt keine Katastrophen» nachzulesen ist. Das Buch wurde im Rahmen des internationalen Kongresses Interpraevent präsentiert, an dem diese Woche 550 Fachleute teilnahmen. Der Schutz vor Naturgefahren sei eine Daueraufgabe, teilte der Direktor des Bundesamtes für Umwelt zum Abschluss der Veranstaltung in Luzern mit.

Hinweis: Das Buch «Die Natur kennt keine Katastrophen» kann beim Kanton unter der Mailadresse vif@lu.ch bestellt werden und ist zudem im Fachhandel erhältlich. Preis: 48 Franken.

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