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LUZERN: Entrüstung über neuen «Tatort»

Filmfiguren einen Namen zu geben, erfordert Fantasie. Bei den Autoren des «Tatorts» ist diese wohl mit ihnen durchgegangen. Sie leisten sich einen peinlichen Fehlgriff.
Lena Berger
Brutale Einschüchterungstaktik: Die Filmfigur Sepp Rieder (Marcus Signer) verprügelt im neuen Luzerner Tatort die drogenabhängige Sascha (Mona Petri). (Bild SRF/Daniel Winkler)

Brutale Einschüchterungstaktik: Die Filmfigur Sepp Rieder (Marcus Signer) verprügelt im neuen Luzerner Tatort die drogenabhängige Sascha (Mona Petri). (Bild SRF/Daniel Winkler)

Lena Berger

Ein nigerianischer Jugendlicher wird erstochen unter einer Brücke in Luzern aufgefunden. Die Luzerner Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) gehen davon aus, dass es sich um eine Abrechnung im Drogenmilieu handelt. Der Mann war der Polizei bestens bekannt: Er ist ein sogenannter UMA – ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender.

Mit dieser Sequenz beginnt der neue «Tatort», der nächsten Sonntag ausgestrahlt wird. Leer schlucken dürften viele Luzerner allerdings weniger bei der Mordszene, sondern vielmehr wenn der Besitzer eines Waffenladens an der Baselstrasse erstmals auftaucht. Der von Beginn weg unausstehliche Mann schreckt vor nichts zurück – auch nicht davor, eine drogensüchtige Frau brutal zu verprügeln. Umso mehr glaubt der Zuschauer sich verhört zu haben, als dessen Name bekannt wird. Er heisst «Sepp Rieder».

«Sehr schlechte Recherche»

Nur zwei Buchstaben unterscheiden seinen Namen vom stadtbekannten Luzerner Seelsorger Sepp Riedener, der vor über 30 Jahren die kirchliche Gassenarbeit gründete und sich bis heute mit grossem Engagement für Drogensüchtige einsetzt, die auf der Strasse leben. «Das ist weit unter der Gürtellinie und trifft mich sehr», sagt ein hörbar erschrockener Sepp Riedener, als unsere Zeitung ihm von der Rolle seines Beinahe-Namensvetters im neuen Luzerner «Tatort» erzählt. «Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was sich die ‹Tatort›-Autoren dabei gedacht haben, den Waffenhändler so zu nennen. Wenn es denn Zufall ist, so spricht es doch für sehr schlechte Recherche und dafür, dass sich die Macher in Luzern nicht auskennen.» Riedener ist so verärgert, dass er am liebsten gerichtlich gegen die Ausstrahlung vorgehen möchte. «Aber mir ist bewusst, dass dies mit grossem Aufwand und sehr geringen Erfolgschancen verbunden wäre. Ich bin dieser Sache also einfach ausgeliefert und muss die Reaktionen durchstehen.»

Extra Müll hergeschafft

Gemäss SRF handelt es sich beim Namensfehlgriff um einen Zufall (siehe Box). Dabei wäre die Peinlichkeit leicht zu verhindern gewesen. Wer «Sepp Rieder Luzern» in die Internet-Suchmaschine eingibt, stösst gleich beim ersten Eintrag auf einen Bericht über den Luzerner Seelsorger.

Nun spielt im neuen «Tatort» nicht nur der Waffenhändler eine unrühmliche Hauptrolle – sondern auch die Luzerner Baselstrasse. Josef Moser, Präsident des Quartiervereins Wächter am Gütsch, hat sich den Film zusammen mit unserer Zeitung angesehen. Die Art, wie sein Quartier dargestellt wird, bereitet ihm wenig Freude. «Das Leben an der Baselstrasse ist stark negativ überzeichnet.» Die Figuren, die im Film auftauchen, sind alle entweder drogensüchtig oder verkaufen Drogen. «Dass hier ganz normale Menschen leben, wird völlig ausgeblendet. Ich fühle mich in diesem Quartier wohl. Ausländer sind bei uns nicht Fremde, niemand braucht vor ihnen Angst zu haben. Den einen oder die andere kennt man persönlich, etwa die Verkäuferin im Laden um die Ecke, die Nachbarsfamilie im Haus.»

Um die Szenerie dramatischer erscheinen zu lassen, hat das Filmteam in die Trickkiste gegriffen. «Für die Filmarbeiten wurde tatsächlich Müll eigens hergeschafft und in die Ecken deponiert, damit die Baselstrasse dreckiger wirkt, als sie ist», ärgert sich der Quartiervereinspräsident. Auch wird bewusst mit Dunkelheit und Regen gearbeitet, um eine düstere Atmosphäre zu schaffen.

«Altes Klischee wird zementiert»

Den Waffenladen würde man an der Baselstrasse vergebens suchen. Er passte wohl besser zur gewalttätigen Grundstimmung als das Dutzend kleiner Lebensmittelläden, die Waren aus aller Welt verkaufen. Josef Moser findet es problematisch, dass das Böse vorwiegend mit dunkelhäutigen Menschen in Verbindung gebracht wird. «Wer Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und der Baselstrasse hatte, wird durch diesen Film darin bestärkt. Der ‹Tatort› zementiert ein altes Klischee.» Den jahrzehntelangen Bemühungen, die Baselstrasse aufzuwerten, sei dies nicht förderlich. Trotzdem kann Moser dem Film auch Gutes abgewinnen. «Betroffen gemacht hat mich der Film, weil er eine bittere Realität zur Sprache bringt: die Not von Asylbewerbern, die keine Perspektive haben und so Gefahr laufen, in die Kriminalität abzugleiten. Dem Film gelingt es, diesen Hintergrund realistisch einzufangen.»

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass der Luzerner «Tatort» für Kritik sorgt. Schon 2012 kam es zwischen der Zunft zu Safran und der Produktionsfirma Zodiac Pictures zum Eklat. Grund: Die Zunft kam nach der Lektüre des Drehbuchs zum Schluss, dass die Luzerner Fasnacht völlig unzutreffend und sogar rufschädigend dargestellt werde. Sie liess die Dreharbeiten für «Schmutziger Donnerstag» deshalb sausen.

Hinweis

Der neue Luzerner «Tatort» wird am Sonntag, 5. Juli, um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

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