LUZERN: Er sammelt Reiseführer aus vergangenen Tagen

Thomas Stadelmann weiss, wo man um 1900 in Luzern eine Droschke erhielt. Seine historischen Reiseführer kaufte er in der ganzen Welt zusammen.

Natalie Ehrenzweig
Drucken
Teilen
Thomas Stadelmann zeigt seine Sammlung von historischen Luzerner Reiseführern. (Bild Dominik Wunderli)

Thomas Stadelmann zeigt seine Sammlung von historischen Luzerner Reiseführern. (Bild Dominik Wunderli)

Fein säuberlich liegen die Tourismusführer chronologisch geordnet auf dem Tisch. Einige sehen lädiert aus, andere sind gut erhalten. Die Titelblätter zeigen die Kapellbrücke, das Löwendenkmal, das Kriegs- und Friedensmuseum am Europaplatz oder das Luftschiff «Ville de Lucerne». Eines hat sogar eine Goldkante: die Ausgabe vom 2. Mai 1893. Damals war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm II. zu Besuch in Luzern.

Ein Abbild des Städtebaus

Thomas Stadelmann (49) sammelte diese «Führer für Luzern, Vierwaldstättersee und Umgebung», die von 1892 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 von der frisch gegründeten «Verkehrskommission» herausgegeben wurden. «Mir kam das erste Exemplar zufällig in die Finger. Jedes Jahr fand ich darin einen aktuellen Stadtplan. Das hat mich aus städtebaulicher Sicht fasziniert, weil man so nachlesen kann, wie und wo Luzern in den letzten zwanzig Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 gewachsen ist. Es waren die zwei Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufschwungs mit einer besonders regen Bautätigkeit», erzählt der Luzerner vom Beginn seiner Sammlerleidenschaft.

Bis 100 Franken für ein Exemplar

Während zehn Jahren hat er die Büchlein, die vom NZZ-Redaktor Jakob Christoph Heer (gestorben 1925) geschrieben wurden, in Antiquariaten auf der ganzen Welt zusammengekauft. «Die ersten Ausgaben sind weitgehend vergriffen. Spätere Jahrgänge sind einfacher zu finden. Ich habe von zehn bis hundert Franken für einen Führer bezahlt», erklärt Thomas Stadelmann. Ob jede Ausgabe auch in Französisch und auf Englisch erschien, hat er noch nicht herausgefunden.

Die Büchlein sind recht umfangreich, beinhalten allerlei Infos auch über den Rest der Zentralschweiz, Preise für Ärzte oder Droschken und Wandervorschläge. Auch Werbung gibts – für die Bäder im «Flora», die Schokolade Lucerna oder die Corsetière von Frau Moser-Blum, und selbst die Hamburg-Amerika-Linie nach New York hat hin und wieder inseriert.

21,75 Stunden nach London

Ins Auge sticht: Die Eisenbahn war der Motor für die damalige Fremdenindustrie und den Hotelbauboom in Luzern ab den 1890er-Jahren. Peter Omachen, Architekturhistoriker und Obwaldner Denkmalpfleger, erwähnt einen der Touristenführer, der einen Übersichtsplan über die Zugverbindungen in Europa beinhaltet. «Luzern war zwischen Hamburg, Mailand, Paris, London und Wien das Herz von Eisenbahn-Europa» bemerkt er. So ist zu lesen, dass der Schnellzug von Luzern nach London genau 21,75 Stunden benötigte.

Die Eisenbahn steht für Thomas Stadelmann aber auch in einem anderen Zusammenhang im Fokus: «Aus den Stadtplänen wird ersichtlich, wie die Umlegung der Gleisanlagen weg von der heutigen Pilatusstrasse zwischen 1893 und 1896 die Stadt wachsen liess.» Innerhalb weniger Jahre wurden die Quartiere Bruch und Hirschmatt – angetrieben von der Fremdenindustrie und der Landflucht – so geplant und realisiert, wie wir sie heute kennen.

15 Hotels an der Pilatusstrasse

«Es gab zwei Faktoren, die für ein Hotel in Luzern damals interessant waren: Die Aussicht und die Nähe zum Bahnhof.» 1914 standen von den total 109 eingetragenen Hotels und Pensionen allein 15 entlang der Pilatusstrasse. «Als dann die Druckwasserleitungen aufkamen, wurde auch an den Hängen gebaut», weiss Peter Omachen.

Die Tourismusführer kosteten laut Aufdruck jeweils einen Franken. «Wahrscheinlich konnte man das Büchlein zum Beispiel in den Hotels kaufen», mutmasst Thomas Stadelmann. «Ein Franken war damals viel Geld. Die Monatsmiete für ein Zimmer eines Dienstmädchens kostete damals etwa 20 Franken», ergänzt Peter Omachen, der vermutet, dass die Führer verkauft und als Souvenir mit nach Hause genommen wurden. So kamen sie wohl auf Umwegen in die Antiquariate dieser Welt, wo Thomas Stadelmann sie gefunden hat.