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LUZERN: Er wünscht sich ein Schweizer Modell für den Iran

Im Iran gehen zurzeit die Menschen auf die Strasse. Auch Bromand Zahmatkesh ärgert sich über die Regierung. Von Littau aus setzt er sich für im Stich gelassene Erdbebenopfer ein.
Bromand Zahmatkesh in seiner Littauer Wohnung. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 19. Dezember 2017))

Bromand Zahmatkesh in seiner Littauer Wohnung. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 19. Dezember 2017))

Der Kastanienbaum steht noch. «Hier haben wir früher gespielt», erzählt Bromand Zahmatkesh (41). Früher, das waren die 1980er-Jahre, als er mit seinen Eltern und den 13 Geschwistern in Dallaho lebte, in der iranischen Provinz Kermanschah. Jetzt sitzt er in seinem Wohnzimmer in Littau und zeigt auf dem Computer Bilder aus der Heimat – eine Heimat in Trümmern. Der Kastanienbaum ist das Einzige, was noch steht. Sein Elternhaus, das ganze Dorf und viele weitere Ortschaften in diesem Bergland im Westen des Irans, an der Grenze zum Irak, wurden zerstört, als ein heftiges Erdbeben Anfang November die Region erschütterte.

Für Zahmatkesh war es ein Schock. Erst zwei Wochen nach dem Beben – das Telefonnetz war zusammengebrochen – kam die Nachricht: Die Mutter, der Bruder und dessen Familie waren teilweise verletzt, aber am Leben. Doch mit der Erleichterung kam auch die Wut: «Sie leben jetzt noch in Zelten. Die Regierung vernachlässigt sie.»

Zuerst die Zensur, dann die Verhaftung

Die iranische Regierung und ihr Verhältnis zu Kermanschah – das ist der Grund, warum Bromand Zahmatkesh überhaupt in der Schweiz ist. Die Zahmatkeshs gehören, wie die meisten Bewohner Kermanschahs, zum Volk der Kurden. Die religiöse Führung des Irans verbietet ihnen die öffentliche Ausübung ihrer Bräuche und den Gebrauch ihrer Sprache. «Sie schicken persische Lehrer in die Dörfer, und Mullahs, um die Bewohner zum Islam zu be­kehren.» Bromand Zahmatkesh aber, der sich stets mehr zum Sozialismus als zu Gott hingezogen fühlte – heute ist er Mitglied der SP der Stadt Luzern –, wagte öffentliche Kritik. Als Mitarbeiter des Verlags Naqshe Ghalam veröffentlichte er Bücher, die von der staatlichen Zensurbehörde nicht genehmigt worden waren. Dies führte zu seiner Verhaftung. Er, der sich der Heimat und der Familie als tief verbunden bezeichnet, beschloss, den Iran zu verlassen und reiste nach Europa. Seit fünfzehn Jahren lebt er nun hier. Warum gerade die Schweiz? Zahmatkesh: «Ich wusste, dass hier verschiedene Sprachen nebeneinander gesprochen werden. Genau das wünsche ich mir für den Iran.» Seit einem Jahr ist Bromand Zahmatkesh Schweizer Bürger. Neben seiner Arbeit in einem Pflegeheim und beim Zentrum für Ergotherapie dient er verschiedenen Ämtern und Institutionen als Übersetzer. Zurzeit beschäftigt ihn aber vor allem ein eigenes Projekt. Nach dem Erdbeben im Iran entschloss er sich, zu helfen. Er wollte Spenden sammeln für seine Heimat um zu ermöglichen, was die Regierung nicht wolle: die Betreuung der Opfer und den Wiederaufbau der Infrastruktur. Deshalb gründete er den Verein Yari Schweiz, benannt nach der in Kermanschah beheimateten Religionsgemeinschaft der Yarsan. Da Zahmatkesh den Iran illegal verlassen hat, darf er selbst nicht zurückkehren. Das Geld fliesst deshalb zurzeit über den Verein Freundeskreis Schweiz-Iran nach Kermanschah, wo es der ebenfalls neu gegründete Verein Yarsan Iran an Bedürftige verteilt.

Wasserleitungen und Notunterkünfte

Bislang seien Spenden aus dem persönlichen Umfeld eingegangen. Ein erster Spendenanlass – ein Mittagessen mit iranischen Spezialitäten im Januar – ist in Planung. Gerne würde er auch konkrete Projekte durchführen, zum Beispiel Wasserleitungen und Notunterkünfte errichten. Sobald man aber mehr als nur Geld transportieren will, braucht man eine Logistik vor Ort. Zahmatkesh erklärt: «Wir hätten Ideen, aber die Organisation ist kompliziert.»

Deutlichere Worte findet sein Bruder Aras. Der 28-Jährige ­engagierte sich für die Kurden, nahm in Teheran an Demonstrationen teil – und folgte schliesslich vor zwei Jahren Bromand in die Schweiz. Er sagt: «Für die Regierung sind wir Kurden Ungläubige. Sie wollen gar nicht, dass dieses Gebiet Hilfe bekommt.»

Trotz aller Vorbehalte gegenüber der Regierung ist Bromand Zahmatkesh zuversichtlich ob der politischen Entwicklungen in seiner alten Heimat: «Ich glaube daran, dass ich irgendwann wieder in den Iran reisen kann.»

Manuel Burkhard

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

www.yarsan.ch

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