LUZERN: Fachklasse sollte nach Emmen

Die Fachklasse Grafik stand vor einem Umzug nach Emmen. Noch im Sommer führte die Regierung Gespräche mit möglichen Käufern des Altstadthauses. Doch dann wendete sich das Blatt.

Jérôme Martinu Mitarbeit: Alexander von Däniken
Merken
Drucken
Teilen
Das Haus der Fachklasse Grafik an der Rössligasse 12 in Luzern wollte die Regierung im Frühsommer verkaufen. Damals sollte die Schule in die Viscosistadt ziehen. (Bild Pius Amrein)

Das Haus der Fachklasse Grafik an der Rössligasse 12 in Luzern wollte die Regierung im Frühsommer verkaufen. Damals sollte die Schule in die Viscosistadt ziehen. (Bild Pius Amrein)

Jérôme Martinu

Die geplante Schliessung der Fachklasse Grafik Luzern sorgt weiter für viel Diskussionsstoff. Seit Mittwochabend sammelt der Förderverein offiziell Unterschriften für eine Petition zum Erhalt dieser Berufsschule (siehe Box) mit ihren rund 100 Schülern. Seit Aufschaltung der Online-Petition am Sonntag, zwei Tage nachdem unsere Zeitung diesen Sparplan des Regierungsrates öffentlich machte, sind schon rund 7300 Namen zusammengekommen. Dazu kommen noch Hunderte Unterschriften, die auf schriftlichem Weg gesammelt wurden. Einen Monat lang läuft nun die Stimmensammlung der Petition. Wie angespannt die Situation derzeit ist, zeigt sich auch daran, dass Medienvertreter weder Film- noch Bildaufnahmen in den Räumen der Fachklasse machen dürfen. Dem Vernehmen nach hat das Bildungsdepartement von Reto Wyss (CVP) eine entsprechende Weisung verfügt.

Schule am 5. Oktober informiert

Klar ist: Lehrer und Schüler der Fachklasse Grafik wissen erst seit wenigen Tagen Bescheid von den regierungsrätlichen Schliessungsplänen, sie sind am 5. Oktober informiert worden. Überraschung und Schreck müssen gross gewesen sein. Denn bis anhin ging man davon aus, dass der Berufsschule «nur» eine Zügelaktion bevorsteht.

«Wir sehen wenig Spielraum für die Entwicklung der Liegenschaft Rössligasse 12 für kantonale Bedürfnisse», erklärte der damalige Kantonsbaumeister Urs Mahlstein schon im Juli 2013 gegenüber unserer Zeitung. Die Strategie sehe darum vor, die Liegenschaft zu verkaufen und für die Fachklasse Grafik einen neuen Ort zu suchen. Und noch im Februar dieses Jahres bekräftigte Mahlstein auf Anfrage diese Strategie und sagte: «Nun laufen Verhandlungen, wo diese künftig untergebracht werden könnte.» Denn die Altstadt-Immobilie ist teuer im Unterhalt und sanierungsbedürftig. So müsste etwa das Dach erneuert werden. Die ältesten Gebäudeteile des Komplexes an der Rössligasse stammen aus dem 15. Jahrhundert, die Liegenschaft steht teilweise unter Denkmalschutz.

Schulleitung offen für Umzug

Wie hat sich denn die Fachklasse Grafik zu den Umzugsplänen gestellt? Wollte die Schule unbedingt am historischen Standort der vormaligen, 1877 gegründeten Kunstgewerbeschule oder «Kunsti» festhalten? Die Schulleitung der Fachklasse Grafik will sich auch auf wiederholte Frage nicht zum Thema äussern und verweist an die Regierung. Und diese will sich bekanntermassen derzeit zu keinerlei Sparplänen äussern. Am 22. Oktober soll dann das gesamte Sparpaket vorgestellt werden. Das ist pikanterweise der Tag, an welchem die Fachklasse Grafik interessierte Sekschüler und Eltern über den vierjährigen Ausbildungsgang informiert.

Die Spurensuche zeigt indes, dass sich die Grafikerschule einer Züglete gegenüber alles andere als quer gestellt hat. Während Monaten stand der Umzug in die Viscosistadt in Emmenbrücke zur Debatte. Dorthin, wo auch die Hochschule Luzern HSLU – Design & Kunst im Sommer 2016 ziehen wird. Die Schulleitung der Fachklasse sei gegenüber diesen Plänen sehr offen und positiv eingestellt gewesen, heisst es aus Kreisen, die mit der Berufsschule gut vertraut sind. Zwar habe sich die Leitung dezidiert auf den Punkt gestellt, dass die Fachklasse Grafik autonom bleiben solle. Gleichzeitig sei aktiv an den Viscosistadt-Plänen konzeptet und gerechnet worden, da man die Chancen für ein neu entstehendes Kreativzentrum gesehen habe.

Kaufwillige bei Schwerzmann

Warum nun also der regierungsrätliche Schritt vom Gebäudeverkauf zur Schulschliessung? Der Kurswechsel ist in den Sommerwochen erfolgt. Denn wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, war im für die kantonalen Immobilien zuständigen Finanzdepartement die Strategie weiterhin auf Verkauf des historischen Gebäudes ausgerichtet. Noch Anfang Sommer hat gemäss übereinstimmenden Quellen Finanzdirektor Marcel Schwerzmann (parteilos) mit potenziellen Käufern der Liegenschaft gesprochen. Wie aus verwaltungsnahen Kreisen zu vernehmen ist, sei eine Schliessung der Fachklasse keine gangbare Option gewesen, da man angesichts des sehr guten, national ausstrahlenden Rufs der Schule vehemente Opposition vorausgesehen habe. Und dies sei – zumindest bis vor kurzem – die Linie bis hinein in die Regierung gewesen. Sind die Schliessungspläne also im Bildungsdepartement ausgeheckt worden?

Schule stetig auf Effizienz getrimmt

Rein rechnerisch liegt das Sparpotenzial bei 2,9 Millionen Franken. So gross ist das Budget der Berufsschule im laufenden Jahr. Der Kreis der 45 Dozenten ist in jüngster Vergangenheit wiederholt auf Kosteneffizienz getrimmt worden. Die Schule hat sich «in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Durch den Kostendruck wurden wirtschaftlichere Ausbildungsmodelle entwickelt und Lektionen reduziert», wie die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung auf Anfrage schreibt. So wurde etwa der Anteil an Studierenden aus Zentralschweizer Kantonen in der ersten Klasse auf rund 75 Prozent erhöht und der Praxisbezug markant ausgebaut: dauerte die Praktikumszeit früher rund viereinhalb Monate, ist es nun fast ein Jahr.

Die Dienststelle legt offen, wie hoch die Kosten pro Schüler sind: Waren es 2009, als die Fachklasse aus der HSLU herausgelöst und ins Fach- und Wirtschaftsmittelschulzentrum FMZ integriert wurde, noch 40 000 Franken pro Berufsmittelschüler und Jahr, sind es im aktuellen Schuljahr noch 29 000 Franken.

Mit Geld kaum aufzuwiegen ist die praxisnahe Ausbildung, wie Vera Bueller vom Förderverein Fachklasse Grafik ausführt: «Die Absolventen haben nicht nur ein einjähriges Praktikum hinter sich, und öfters im Ausland, sondern arbeiten in der Schule auch regelmässig an Projekten für die Wirtschaft. Im Gegensatz zu Hochschulabsolventen sind jene der Fachklasse Grafik schon marktreif.»

Ohne diese Berufsmittelschule dauert der Weg zum Grafikerberuf (hier gibt es nur eine Handvoll klassische Lehrstellen) nicht nur ungleich länger, er ist auch deutlich kostenintensiver: Zuerst wird eine drei- oder vierjährige Berufslehre mit Berufsmatura absolviert. Dann braucht es den einjährigen Vorkurs und erst danach folgt ein Bachelor-Studium an einer Hochschule.

Mitarbeit: Alexander von Däniken

Einstieg nach Sekundarschule

Die Fachklasse Grafik Luzern bildet in einer Vollzeitausbildung Absolventen der Sekundarschule zum Grafiker aus. Der Einstieg ist direkt nach der obligatorischen Schulzeit möglich, dies auf Basis eines Aufnahmeverfahrens mit Prüfung. Die Ausbildung wird mit der gestalterischen Berufsmatura abgeschlossen und dauert vier Jahre. Der Abschluss ermöglicht den direkten Berufseinstieg im grafischen Bereich oder in ein weiterführendes Studium.

Regierung will Lehrerlöhne kürzen

Weitere Sparmassnahmen der Regierung gelangen ans Licht: Die Lohnsumme soll an den kantonalen Schulen um 1 Prozent gekürzt werden. Gleichzeitig sollen die Pensen der Lehrpersonen erhöht werden. Dazu soll der Aufwand der Schulverwaltungen um 5 Prozent gesenkt werden. Diese Massnahmen hat das Regionaljournal Zentralschweiz gestern publik gemacht. Sie wurden vom Verband der Luzerner Mittelschullehrer bestätigt.